Rezensionen

Laure Adler: Charlotte Perriand. Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau. Elisabeth Sandmann Verlag 2020

1927 betritt die 24–jährige Charlotte Perriand (1903–1999) mit einer Mappe von Zeichnungen das Atelier des Architekten Le Corbusier in Paris, um sich als Architektin vorzustellen. 10 Jahre bleibt sie im Büro von Le Corbusier, von wo aus sie politisch und künstlerisch ihren eigenen Weg sucht. Dennoch steht Perriand noch immer im Schatten von Le Corbusier. Eine neue Biografie lenkt den Scheinwerfer auf nun endlich auf sie. Eine Rezension von Katja Weingartshofer.

Cover © Elisabeth Sandmann Verlag
Cover © Elisabeth Sandmann Verlag

 Viel zu lange wurde Charlotte Perriand auf ihre Aufgabe als Assistentin Le Corbusiers reduziert. Nun trägt die französische Journalistin Laure Adler mit ihrer lebendigen Biografie zur Bekanntheit der visionären Designerin bei. Im Elisabeth Sandmann Verlag erscheint erstmals eine deutsche Übersetzung der französischen Originalausgabe. Drei große Kapitel geben Einblick in die Lebensgeschichte Perriands, im Band einfach »Charlotte« genannt. Die Gestalterin. Die freie Frau. Die Visionärin. Die Titel stehen dabei nicht für einzelne Themenbereiche. Gestalterische, zeitgeschichtliche und feministische Themen gehen stets ineinander über, wodurch der Text als ein großes Ganzes gelesen werden kann. Die herausragenden Fotografien des Bandes illustrieren die Stationen der vielseitigen Lebensgeschichte Perriands.

Der Mensch und seine Bedürfnisse bilden in Perriands Design stets den Ausgangspunkt.
Sie wird im Stil des Art Déco ausgebildet, doch es entspricht nicht ihren Überzeugungen luxuriöse Einzelstücke für die Elite zu entwerfen. 1927 sorgt sie mit ihrer Bar sour le toit auf dem Salon d’Automne für großes Aufsehen. Perriand zeigt, dass sie radikal modern gestalten kann. Überzeugt von Le Corbusiers Manifest, die Kunst müsse im Dienst des Menschen stehen, bewirbt sie sich um Mitarbeit in seinem Studio. Zehn Jahre arbeitet sie mit »Corbu« und Pierre Jeanneret zusammen. Charlotte Perriand erfüllt dabei eine Doppelrolle: einerseits studiert sie Architektur bei Le Corbusier, andererseits ist sie eigenständige Innenarchitektin und Designerin. Ihr Fachwissen, ihre Materialkenntnis und ihr Wille zur Modernität machen sie für die Gruppe unentbehrlich. Um sich international neben dem Erfolg der Bauhaus–Stahlrohrmöbel behaupten zu können, ist Le Corbusier in diesem Gebiet auf Perriand angewiesen.

Dem Sozialismus zugewandt, sieht sie ihre Aufgabe als Architektin zunehmend darin, sich den Schwächsten der Gesellschaft anzunehmen und Räume für sie zu schaffen. Ihre felsenfeste Überzeugung »DAS INTERESSE DES EINZELNEN, DIE WIRTSCHAFTLICHE ANARCHIE VERHINDERN DEN FORTSCHRITT DER MENSCHHEIT«, wird in der Zeitschrift Architecture d’aujourd’hui in Großbuchstaben gedruckt. Vor der Entwurfsphase findet Perriand heraus, was die Menschen brauchen und versetzt sich in die Lage der Betroffenen. Die Fotografie beziehungsweise Fotomontage dient ihr dabei als Mittel, um auf gesellschaftliche Ungleichheiten aufmerksam zu machen.
In den späten 1930er Jahren beendet sie die Zusammenarbeit mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret und zieht sich vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs monatelang in ein französisches Bergdorf zurück.
1940 lädt sie die japanische Regierung ein, als ihre Beraterin für Industriekunst nach Japan zu kommen. Perriand willigt ein und bricht nach Japan auf. Dort ermutigt sie Student*innen und Kunsthandwerker*innen die eigenen Traditionen zu bewahren, statt den Westen zu kopieren. Sie selbst schließt aus den zahlreichen Begegnungen und der Beschäftigung mit dem Taoismus: »Gelassen bleiben. Ruhig. Weniger verdienen, weniger arbeiten. Aus möglichst wenig ein Maximum an Freude!«. Welch zeitlose Erkenntnis.

Als Architektin ist Charlotte Perriand eine Pionierin der Nachhaltigkeit. Ihr größtes Projekt – die Skistation von Les Arcs – ist eine aufsehenerregende Novität. Statt den Berghang zu dominieren, zieht sich das Bauwerk in diesen zurück. Die inneren Räume sind zugunsten der äußeren zurückgenommen. Perriands Liebe zur Natur ist nicht nur in ihrer Architektur spürbar, der Rückzug in die Natur, vor allem in die Berge, verspricht ihr in turbulenten Zeiten stets Ruhe und Gelassenheit. Das Foto, das für das Cover der Publikation ausgewählt wurde (Aussicht ins Tal, um 1930), ist nur eines von vielen fotografischen Zeugnissen ihrer Naturverbundenheit. Egal ob im Gebirge oder am Meer: sie befindet sich immer im vollkommenen Einklang mit ihrer Umgebung.
Das umfangreiche Fotomaterial dieser Publikation porträtiert die Jahrhundertdesignerin in allen ihren Lebensphasen: Als junge Pariser Designerin der 1920er wie auch als besonnene alte Dame im französischen Skiort Méribel. Man sieht sie fokussiert bei der Arbeit, in illustrer Runde unter Freund*innen und auf Reisen. Von großer Bedeutung sind auch ihre eigenen Fotografien, die etwa das Leben auf dem Land oder ihre Eindrücke auf Reisen dokumentieren. Perriands Fotos von Le Corbusier und Pierre Jeanneret bezeugen ihre künstlerische und nahezu familiäre Verbundenheit. Der Umfang wie auch die Auswahl der Fotografien dieses Bandes ist beachtlich und kommt dank des großen Formates ausgezeichnet zur Geltung.

In der Geschichte des Designs steht meist das Objekt im Vordergrund, wohingegen die Gestalter*innen und deren Geschichte oft in den Hintergrund rücken. Nicht so bei Laure Adler. Sie fokussiert sich in ihrem Band auf Leben und Persönlichkeit der Künstlerin und entscheidet sich gegen eine Werkschau. Entwürfe ihrer Designobjekte sucht man in diesem Band vergebens, auch fotografische Abbildungen ihrer Möbel sind rar. Um aber Charlotte Perriands Leben und Persönlichkeit zu verstehen, lohnt sich die Lektüre von Laure Adlers Biografie. Denn: Ihr Name ist mit dem eines Mannes verbunden: Le Corbusier. Doch nicht nur das, ihr Name wird durch seinen Namen verdrängt: Trägt der Patentantrag für die berühmte Chaiselongue aus dem Jahr 1928 noch die Namen Charlotte Perriand, Le Corbusier und Pierre Jeanneret, setzt Le Corbusier bei der Neuauflage der Chaise longue basculante, des Fauteuil grand confort und des Fauteuil dossier basculante nur noch seine Signatur auf die Möbelstücke. Endlich kann Charlottes Werk differenzierter betrachtet werden und kristallisiert sich als eigenständiges Oeuvre heraus. Der Name Charlotte Perriand steht zunehmend für sich. Laure Adlers Biografie trägt dazu bei.

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