Buchrezensionen

Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes, Hirmer 2017

Nun, da es draußen grünt und blüht, mag vielleicht bei einigen nicht mehr das Bedürfnis nach Blumenbildern stehen. Nichtsdestotrotz sollte man sich den Band zur Merian-Ausstellung in Berlin unbedingt ansehen, findet Stefanie Handke.

Eine Verbindung von Naturwissenschaft und Kunst im besten Sinne findet sich im Werk der Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian. Anlässlich ihres 300. Todestags widmet ihr das Kupferstichkabinett Berlin derzeit eine Ausstellung – wer es aber nicht nach Berlin schafft, der ist auch mit dem Katalog zur Schau bestens bedient. Dieser bietet nämlich eine Einordnung der Künstlerin in die Tradition der Blumenmalerei und natürlich in die Kunst und Wissenschaft ihrer Zeit.

So beginnt die Reise durch die Geschichte der Blumendarstellung im Mittelalter: Michael Roth untersucht die Pflanzenornamente des 15. Jahrhunderts, die sich in dieser Zeit enormer Beliebtheit erfreuten und sowohl als architektonische Elemente als auch in Buchdruck- und Malerei, in der Malerei und anderen Künsten. Auch bekannte Künstler wie Martin Schongauer spielen in dieser Zeit bereits mit kleinen Geschichten über das Leben der Pflanzen, etwa wenn die Ornamente aus Strünken am unteren Bildende eines Kupferstichs sprießen. Und auch eine Parallele zu Merian entdeckt Roth bereits, wenn er darauf verweist, dass bei den Kupferstichen gespiegelte Ansichten durchaus üblich sind – auch bei Maria Sibylla Merian findet sich diese Wahlmöglichkeit. Nicht minder haben wohl auch Illustrationen in Kräuter- und Pflanzenbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts das Werk der Künstlerin beeinflusst. Während diese zunächst noch oft schematisch daher kamen, entstand auch hier bald der Anspruch, detailgetreu Pflanzen wiederzugeben, damit Apotheker oder Ärzte diese auch anhand der Darstellungen wiedererkennen können. Die ganze Bandbreite bildet etwa der »Gart der Gesundheit« ab, der von einfachen Holzschnitten bis hin zu naturgetreuen Darstellungen alles zu bieten hat. Spätestens mit den Kräuterbüchern von Otto Brunfels und Leonhart Fuchs, die zunehmend auf die Beobachtung der Natur als Grundlage ihrer Darstellung und Beschreibung setzten, war die moderne Kräuterkunde geboren.

So führt denn der Weg sodann zu vier ganz besonderen Pflanzendarstellungen, die ursprünglich Albrecht Dürer zugeschrieben waren, deren Urheberschaft inzwischen aber anders einzuordnen ist. Caroline List verweist auf deren durchaus vorhandene Ähnlichkeit, und ordnet sie zugleich in die Pflanzenbildtradition des 16. Jahrhunderts ein: auch außerhalb pflanzenkundlicher Werke entstehen nun genaue Pflanzenbilder um ihrer selbst willen. Alle vier von List untersuchten Blumenstücke weisen zwar eine gewisse Ähnlichkeit auf, sind aber unterschiedlichen Händen zuzuordnen, wenngleich sie sich in der Tradition Dürer'scher Blumenbilder bewegen. Hierüber führt der Weg hin zum »Vater des Blumenstilllebens in Deutschland«, Georg Flegel der in seinen detailgetreuen Darstellungen Insekten, einzelne Bläter, aber auch ganze Pflanzen thematisierte und hierfür auf zahlreiche Studien zurückgriff, die er selbst nach Beobachtungen anfertigte. Dabei scheute er sich nicht, Kompositionsmittel etwa aus der niederländischen Kunst zu zitieren, wenngleich die Naturvorlage das Maß seiner Darstellung war. Flegel war darüber hinaus Lehrer von Maria Sibylla Merians Stiefvater Jacob Marrel, der sodann die künstlerische Ausbildung der jungen Frau übernahm. Weitere Schritte auf dem Weg hin zu Merians Kunst waren der »Hortus Eystettensis«, Insekten- und Pflanzenbilder Georg und Jacob Hoefnagels, aber auch das Florilegium des Grafen Johannes von Nassau-Idstein. In diesem bildeten die Künstler Johann Valentin Hofmann und Johann Jakob Walter die seltenen Pflanzen aus dem Garten, den der Graf anlegen ließ, ab. Auch hier stand das Naturvorbild im Mittelpunkt, auch wenn das Florilegium gleich dem Garten repräsentative Funktion hatte. Die ebenfalls im Buch befindlichen Gesamtansichten des Gartens und ein Porträt des Auftraggebers beweisen, dass Walters Stärke dabei eindeutig in der Pflanzendarstellung lag. Darüber hinaus sind seine Bilder mit Früchten, Insekten und Tieren angereichert. Auf die Pflanzen konzentriert ist dagegen das Florilegium des Caspar Anckelmann, für dessen Abbildungen der Blumenmaler Hans Simon Holzbecker verantwortlich zeichnete. Dessen Illustrationen versuchten die Schnittblumen aus Anckelmanns Garten möglichst in Originalgröße darzustellen. Beide Florilegien stehen gemeinsam mit denen des Bartjholomäus Braun im Buch emblematisch für diese beliebte Gattung des 17. Jahrhunderts.

Die Künstlerin Merian taucht scheinbar relativ spät im Buch erst auf: Catalina Heroven widmet sich der Darstellung einzelner Tulpenblätter, die ihr ursprünglich zugeschrieben worden waren, vermutlich aber nicht von ihr stammen. Martin Sonnabend gibt sodann einen Einblick in das Leben Merians. Das scheint linear auf ihre Rolle als Naturforscherin und Pflanzenmalerin hinzugehen: Als Stieftochter des Malers Jacob Marrel, dessen Spezialität Blumendarstellungen waren, erhielt sie eine gründliche Ausbildung in der Tradition der Florilegien, Kupferstich und Radierung. Als Sproß der Verlegerfamilie Merian hatte sie zudem keine Probleme, ihre Zeichnungen zu veröffentlichen, denn ihre Kontakte zur Verlagswelt in Frankfurt am Main waren gut. Bereits ihre erste Veröffentlichung »Das Blumenbuch« brachte ihr dabei einige Anerkennung als Künstlerin ein, das folgende »Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung« und stellt die vorher nur als Beiwerk vorhandenen Insekten nun in den Mittelpunkt, wenn auch angeordnet auf oft unscheinbaren Pflanzen. Es ist das Ergebnis der bereits in jungen Jahren begonnenen Beobachtungen Merians an Raupen und ihrer Verwandlung zu Schmetterlingen und stellt den Lebenszyklus des Schmetterlings erstmals in dieser Ausführlichkeit vor. Damit positionierte sich Mariy Sibylla Merian nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Naturforscherin unter ihren Zeitgenossen. Mit ihrem Umzug in die Kolonie der Labadisten, hielt sie an ihrer Arbeit fest und studierte nun auch exotische Schmetterlinge. Das setzte sie nach einem erneuten Umzug nach Amsterdam fort, wo sie als anerkannte Forscherin Zugang zu Kabinetten, Gewächshäusern und Orangerien erhielt. Hier begann sie ihre Reise nach Surinam zu planen, aus der das Werk »Metamorphosis insectorum Surinamensium« hervorgehen sollte. Die Stiche hierin waren großformatig angelegt, zeigten Pflanzen mit zahlreich darauf lebenden Raupen, Puppen und Schmetterlingen, gelegentlich auch Schlangen oder Eidechsen. Ihre Kunst, Pflanzen und Insekten detail- und naturgetreu darzustellen, beweist Merian hier in bester Manier.

Sabine Weller erkennt in Merians Arbeiten einen starken Einfluss der Frankfurter Stilllebenmalerei, während sie den Drucken der Hoefnagels etwa einen eher indirekten Einfluss zuweist. Sie untersucht ein für die Künstlerin ungewöhnliches Stillleben aus den Beständen der Staatlichen Museum Berlin, in dem sie Früchte, Zweige und Tiere vor dunklem Hintergrund anordnet – ein singuläres Bild im Schaffen Maria Sibylla Merians. Für ihre Werke im »Neuen Blumenbuch« verwendete sie unterschiedliche Vorlagen, die sie dann entsprechend anordnete und nach Jahreszeiten sortierte. Nicht verhehlen konnte sie zudem den Einfluss der Florilegienmalerei, in der sie schließlich ausgebildet worden war – so ordnete sie ihre Studien im Raupenbuch nach Jahreszeiten an. Ob die bei Tabea Caporali untersuchten Insekten in Goldovalen dagegen tatsächlich der Naturforscherin zugeschrieben werden können, ist nach wie vor unklar, wenngleich diese in ihrer Ausführung durchaus ihrer Feder entstammen könnten; sie würden damit doch auf einen Einfluss des Hoefnagel'schen Werkes sprechen.

Der Katalog blickt darüber hinaus auf Maria Sibylla Merians Wirkung auf nachfolgende Künstlergenerationen, indem er die Blumenbilder der Nürnbergerin Barbara Regina Dietzsch und die Kräuterbläter des Philipp Hackert untersucht. Insbesondere Dietzsch kann wohl in der direkten Nachfolge der Merian'schen Blumenkunst gesehen werden, zeichnen sich ihre Werke doch durch ähnliche Naturgetreue und Detailreichtum aus. Auch sie war Sproß einer Künstlerfamilie, jedoch setzt sie den Fokus auf die Komposition der Stillleben; es finden sich aber auch ihr zugeschriebene Einzelstudien auf dunklem Grund.

Mit zahlreichen Abbildungen und den ausführlichen Ausführungen der Autoren schafft es der Katalog, das Wirken Maria Sibylla Merians in eine lange Tradition der Blumendarstellung einzuordnen und zugleich ihre singuläre Bedeutung zu betonen. Bei ihr handelt es sich eben nicht nur um eine Künstlerin, sondern um eine Naturforscherin, die ihre Beobachtungen gekonnt ins Bild setzte. Der Blick auf die Kräuterbücher der ihr vorhergehenden Generationen ist daher unerlässlich. Mit Hackert und Dietzsch beweist man zudem auch ihre Wirkung; bei aller künstlerischer Dimension ist eine naturgetreue Darstellung nach Merian endgültig in der Kunst verankert. Wer einen Überblick über die Kunst des Blumenbildes zwischen 15. und 18. Jahrhundert sucht, ist hier genau richtig.