Ausstellungsbesprechungen

Max Liebermann und die Holländer

»Italien ist zu pittoresk«, meinte Max Liebermann und verband mit seiner knappen Absage an das mediterrane Land, das über Jahrhunderte das Augenmerk der Künstler auf sich gezogen hatte, mit einem feinfühligen Lob der Niederlande, insbesondere ihrer Provinz Holland – die fälschlich immer wieder ignorant mit dem ganzen Land gleichgesetzt wird – »Holland dagegen erscheint auf den ersten Blick langweilig: Wir müssen erst seine heimlichen Schönheiten entdecken. In der Intimität liegt seine Schönheit. Und wie das Land so seine Leute: nichts Lautes, keine Pose oder Phrase.«

Die in Kooperation mit dem Drents Museum Assen entstandene Ausstellung im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover zeigt nicht nur in großem Stil den fruchtbaren Dialog, den Liebermann mit seinen niederländischen Kollegen in künstlerischer Sicht führte, sondern auch den Sonderweg der grenzüberschreitenden Rezeption, die Italien ohnehin außen vorlässt (die Bedeutung im 19. Jahrhundert war bereits spürbar geschwunden), aber auch das in Europa führende Frankreich ausklammert, um das kleine Land im Nordwesten im rechten Licht darzustellen. Es war eben nicht nur Vincent van Gogh, der die Moderne wesentlich geprägt hat; auch er war eingebettet in eine grandiose Kunstlandschaft, die mit Malern brillierte wie Georg Hendrik Breitner, Antonius Johannes Derkinderen, Etha Fles (der fatal unterschätzten Weggefährtin Medardo Rossos!), Isaac Lazerus Israels und sein bis in die Münchner und Berliner Sezession wirkender Vater Jozef Israels, die Brüder Jacobus Hendricus und Willem Maris, Anthonij Mauve, Joseph Mendes da Costa, Jan Toorop, einer Schlüsselfigur des niederländischen Symbolismus, Willem Witsen und anderen mehr – über 20 niederländische Kollegen stellen dem Werk Max Liebermanns ihre Arbeiten an die Seite.

Was Kenner der so genannten »Haager Schule« freilich längst wissen, macht die Ausstellung nun auch allgemein bekannt: Beim Übergang vom Realismus zum Impressionismus in Deutschland, den Max Liebermann wie kaum ein zweiter verkörpert, sind die Franzosen wie die Niederländer im Wesentlichen gleichermaßen beteiligt. Nebenbei sei angemerkt, dass parallel zur Kunst auch die Literatur eine deutsch-holländische Allianz zwischen dem (mal als symbolistisch, mal als impressionistisch eingestuften) George-Kreis und den Tachtigern um Albert Verwey einging.

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Ein Gewinn der Schau ist die Chronologie der Exponate, die diesen Schritt hin zum Impressionismus veranschaulicht. Liebermanns frühe Kontakte zum Nachbarland gehen auf das Jahr 1872 zurück und er verbrachte vier Jahrzehnte lang seine Sommer dort. Ziel der Ausstellungsmacher ist die Vorstellung eines Netzwerkes (auch das ist im Gedankenaustausch zwischen George und Verwey zu beobachten), wie es begrifflich damals noch gar nicht fassbar war. Untermauert wird dieses Ansinnen durch rund 130 Arbeiten, die besonders auch auf Leihgaben aus dem Rijksmuseum in Amsterdam zurückgreifen, das zur Zeit umgebaut wird. Das ist sicherlich ein Glücksfall für Hannover, das seinerseits eine grandiose Liebermann-Sammlung besitzt.

Die Jahre der deutsch-niederländischen Begegnungen waren für Max Liebermann übrigens eine wohl glückliche Zeit. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges stockte der Kreativitätsfluss zwischen den Ländern. Und nach 1933 trieben die Nazis den jüdischen Maler aus dem Ehrenpräsidentenamt der Akademie sowie in die Innere Emigration – sein späteres Leben bis zum Tod 1935 war von Einsamkeit und Verbitterung geprägt (»Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte«).

 

 

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Di–So 10–17 Uhr
Do 10–19 Uhr