Ausstellungsbesprechungen

Pompeji. Die Stunden des Unterganges. 24. August 79 n.Chr.

Die Augen und den Mund weit aufgerissen, das Entsetzen im Gesicht – der Kolchos des Mädchen aus Oplontis lässt den Betrachter die letzten Sekunden „hautnah“ nach empfinden. Und das ist auch der Focus der Ausstellung – die Hinwendung an die Opfer.

Neben erlesenen Schmuckstücken und Klein- und Großplastiken, werden auch Gegenstände aus dem Alltagsleben gezeigt, bewunderungswürdige Fresken, aber auch Kneipenkunst und Graffitis.

 

Am Anfang steht die Erklärung wie es, beginnend mit dem Erdbeben von 62, zu diesem Vulkanausbruch gekommen ist. Durch das Erdbeben wurde der Schlund des Vesuvs wie mit einem Korken verschlossen und verursachte letztendlich die Heftigkeit des Ausbruchs. Neben diesen Erklärungen sind botanische Fundstücke ausgestellt, die einen Eindruck von der Fauna der Vesuv-Gegend geben. Und diese interdisziplinäre Überlappung zwischen Archäologie, Paläobotanik und Vulkanologie macht den besonderen Reiz dieser Ausstellung aus.

 

Der eigentliche Rundgang beginnt in Herculaneum. Eine virtuelle Rekonstruktion der Villa dei Papiri zeigt die Schönheit des untergegangenen Gebäudes und entführt den Besucher in die Gegenwart der Stadt. Aber gleich die nächste Installation, mit dem rekonstruierten Fundort einer Gruppe von Skeletten, mahnt die Vergänglichkeit an. Die Installation wird ergänzt mit Zitaten von Plinius dem Älteren, der selbst bei diesem Vulkanausbruch ums Leben kam.

 

Das Atelier des Gemmenschneiders, ein Chirurgenbesteck und überkommene Möbelstücke wie eine Truhe, ein Bett und eine verkohlte Wiege geben Einblick in das alltägliche Leben und lassen vor dem inneren Auge die Menschen, die diese Gegenstände benutzten, erstehen. Ein virtueller Stadtrundgang durch Herculaneum, an dessen Ende der Betrachter die Zerstörung der Stadt durch eine ikonoklastische Wolke miterlebt, lassen die Katastrophe unmittelbar erfahrbar werden.

 

Weiter geht die Reise über Oplontis und Terzigno nach Pompeji. Wertvolle Schmuckstücke und imposante Götterstatuen zeugen vom Reichtum der Bewohner an der Bucht von Neapel. Ein amüsanter Ausflug ins Vergnügungsviertel von Pompeji, nachvollziehbar anhand von Fresken und Graffitis, erhellt ihr Freizeitverhalten, das eigenartig modern anmutet. Mit vielen Beispielen aus dem alltäglichen Leben und virtuellen Rekonstruktionen wird versucht, die Katastrophe für die Bewohner auch dem Besucher begreifbar zu machen.

 

Noch nie gezeigte Fundstücke machen die Ausstellung ebenfalls für den Fachmann sehenswert. So sind zum Beispiel die Wandmalereien aus Moregine nicht nur von ungewöhnlicher Qualität, sondern auch erstaunlich gut erhalten. So wie der Betrachter immer dann, wenn er bedenkt, dass die ausgestellten Stücke nahezu 2000 Jahre alt sind, eine gewisse Ehrfurcht verspürt.

 

 

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Neben all diesen schönen Dingen, die man bestaunt und bewundert, beeindrucken vor allem die Kolchi (Gipsabdrücke von Hohlräumen, die die Opfer hinterlassen haben) durch ihre authentische und emotionale Ausstrahlung. An keiner anderen Stelle wird das Leiden, die Angst und das Sterben der Opfer so eindrücklich vor Augen geführt.

 

 

Leider bleibt durch die geografische Ordnung der Fundstücke auch eine Wiederholung des Gezeigten nicht aus. Dies führt letztendlich zu einer Ermüdung des Betrachters, die den Objekten nicht gerecht wird. Auch die Vitrinen-Präsentation wirkt neben den modernen virtuellen Installationen ein wenig angestaubt. 

 

Eine chronologische Ordnung von der Gegenwart der Bewohner von Pompeji und Herculaneum, über den Ausbruch und den virtuellen Ikonoklast zu den Kolchi und Fundort-Installationen wäre dem Anspruch einer Zuwendung zu den Opfer sicher eher gerecht geworden und mit den vorhanden Fundstücken auch machbar gewesen. Für den Zuschauer wäre nicht nur der Spannungsbogen erhalten geblieben, sondern auch der Zugang zur eigentlichen Katastrophe elementarer geworden, ohne reißerisch zu wirken oder den wissenschaftlichen Anspruch zu beeinträchtigen.

 

Nichtsdestotrotz ist die Ausstellung für jeden Besucher ein Gewinn, ein Besuch der sich auf jeden Fall lohnt.