Ausstellungsbesprechungen

Potretti. Contemporary Finnish Photography, Fotografie Forum Frankfurt, bis 30. November 2014

Cool und emotionslos? Das sind die Menschen in Finnland bestimmt nicht. Was sie umtreibt, erfährt man zurzeit im Fotografie Forum Frankfurt. Man nehme: Mützen, eine Dose Sprühsahne, Blut und Medikamente und schon hat man die wichtigsten Zutaten für höchst eigenwillige Porträts. Rowena Fuß weiß mehr.

Die Straße ist noch feucht vom letzten Regenguss, als ich sie überquere, um in den Hausflur der Braubachstraße 30-32 zu kommen. Dort befindet sich im ersten Stock das Fotografie Forum Frankfurt, wo derzeit eine Ausstellung mit zahlreichen Arbeiten finnischer Fotografen zu sehen ist.

Der kalte Regen scheint irgendwie passend, wenn es um Finnland geht. Nicht erst seit der kürzlich vergangenen Buchmesse verbindet man das Land mit coolen Temperaturen, Schnee, Unwirtlichkeit. Und natürlich: Dunkelheit. Nördlich des Polarkreises geht die Sonne schließlich für sechs Monate nicht auf. Eine bedrückende Umgebung. Ist der Finne deshalb ein trauriger, depressiver Mensch? Die Porträtaufnahmen von Elina Brotherus, Ulla Jokisalo, Harri Pälviranta, Nelli Palomäki, Raakel Kuukka, Ilu Susiraja und Santeri Tuori erzählen ganz eigene Geschichten über die Nordmänner und -frauen. Um die geht es nämlich hauptsächlich.

Doch zuerst schockiert Harri Pälviranta mit blutigen Aufnahmen aus der Serie »Battered«, die er in den Jahren 2006 und 2007 machte. Damals begleitete er eine Polizeistreife. Das Ende der zuvor geführten gewalttätigen Streitereien, das er dokumentierte, hat jeweils ganz unterschiedliche Ursachen. Sie reichen von häuslichen Zwistigkeiten bis zu Fremdenfeindlichkeit, schreibt er auf seiner Website. Zudem erklärt er: » There is a social awareness on this topic in Finland, the issue is regognized and it is considered to be a severe social problem. But the discussion has mainly literal dimensions, it appears in news headlines and it is discussed in seminars. There are no images from these happenings«. Diesen Zustand hat er geändert. Besonders übel sieht ein blonder Junge aus, der das Blut aus seiner Nase über die gesamte rechte Wange geschmiert hat. »Second beating that Night. 03.15« lautet der Titel. Das erste bezieht sich auf ein paar weinende Mädchen neben anderen blutenden Jungen.

In den 1980er und 1990er Jahren spielte das situative Porträt in der zeitgenössischen finnischen Fotografie eine außergewöhnliche Rolle. Der Autodidakt Eskö Männikkö erregte mit seinen Farbfotografien von finnischen Männern, die allein in abgeschiedenen Gegenden leben, großes Aufsehen. Auch Elina Brotherus fand um diese Zeit mit ihren Farbfotografien internationale Anerkennung. In Frankfurt präsentiert sie ein Tabu-Thema: Unfruchtbarkeit. In den 90ern versuchte sie erfolglos, schwanger zu werden. Später dokumentierte sie die bittere Realität in tagebuchartigen Fotografien. »Annonciation« zeigt auf dem Sofa getürmte Packungen von Menopur und Bravelle, hormonelle Präparate gegen Unfruchtbarkeit, wie sie sich an das weiße Hosenbein eines Mannes schmiegt, als wäre es ein Anker oder nackt auf einem Drehstuhl in einem Badezimmer, vor sich einen Schwangerschaftstest. Von den Hormonspritzen hat sie in einer weiteren blaue Flecken auf dem Bauch. »This is a series of false annunciations. It’s about waiting for the angel who never shows up«, sagte sie im Rahmen der Pariser Ausstellung ihres Werks letztes Jahr. Es endet schließlich in einer weißen Landschaft: Elina Brotherus steht mit dem Rücken zum Betrachter im Schnee.

Den sehr intimen Bildern stehen tragikomische Alltagssituationen von Ilu Susiraja gegenüber. So hat sie einer beleibten Frau mit jungenhaften Kurzhaarschnitt einen Besen unter den Busen geklemmt. Dergestalt steht sie vor dem braunen Wandteppich in ihrer Speerholzküche aus den 50ern. Das Spiel mit stereotypen weiblichen Rollenbildern setzt sie in weiteren Ansichten fort. Die Krone ist ein Video, in dem die Frau Sahne in ihre Schuhe sprüht, dann hineinschlüpft und sich mit einem schmatzenden Geräusch entfernt.

Um Rollenbilder geht es auch Raakel Kuukka. Fünf Fotografien einer Frau in einem blauen Pullover unterscheiden sich jeweils lediglich durch die Art ihrer Kopfbedeckung. Mal ist es ein kleiner Strohhut, mal ein Piratentuch, eine russische Fellmütze, ein Dreispitz oder eine lederne Golfmütze – also eher männlich konnotierte Hüte. Genaugenommen hat Kuukka mit ihrer Darstellung schon weiblich und männlich zusammengeführt. Dass gesellschaftliche Stereotypen die Geschlechter betreffend aber eigentlich gar keine Rolle spielten sollten, thematisiert sie in drei nachfolgenden Bildern, die sie in einen roten Pullover gekleidet zeigen. Auf ihrem Haupt befinden sich dieses Mal ganz verschiedenfarbige Mützen. Für jeden der Hut, der passt.