Buchrezensionen

Ralf Grüßinger, Ursula Kästner, Andreas Scholl (Hg.): Pergamon als Zentrum der hellenistischen Kunst, Imhof Verlag 2015

Pergamon, das ist zweifellos ein Name in Archäologie und Kunstgeschichte und nicht umsonst Namensgeber des Berliner Museums. 2012 widmete sich eine Tagung den neuesten Forschungsergebnissen zu dieser beeindruckenden Stadt. Nun ist der Tagungsband hierzu erschienen. Spunk Seipel hat ihn gelesen.

Der Fries des Pergamonaltars ist eines der absoluten Glanzstücke der Berliner Museumslandschaft. 2011 bis 2012 zeigte das Pergamonmuseum daher die großangelegte Ausstellung »Pergamon – Panorama der antiken Metropole« archäologische Funde und faszinierte über eineinhalb Millionen Besucherinnen. Hier wurden im noch nie gekanntem Umfang Grabungsfunde der Öffentlichkeit vorgestellt, die ein viel breiteres Bild von Pergamon zeigten, als dies bisher möglich war. In diesem Rahmen fand im September 2012 auch eine Tagung zur pergamenischen Kunst und ihrer Bedeutung in der hellenistischen Welt statt. Auf Grundlage der Ausstellung wurden auf der Tagung aktuelle Forschungsergebnisse zur Kunstproduktion in Pergamon referiert. Die Beiträge sind in dem nun vorliegenden Band versammelt.

Die Bandbreite der Themen ist groß. Den neuesten Forschungen zu den Ornamente an Bauelementen, den naturwissenschaftlichen Analysen von antikem Glas aus Pergamon mit Tafeln zur chemischen Zusammensetzung der Gläser, oder der Polychromie der pergamenischen Plastik sind Aufsätze gewidmet. Dabei wird ersichtlich, wie sehr sich Archäologen in ihrer Forschung zuweilen auf Vermutungen verlassen müssen.

Besonders nachvollziehbar wird dies in dem Aufsatz von Bernard Andreae über die Attaliden-Bildnisse. Die Attaliden waren die Herrscher über Pergamon. Da es kaum Münzen oder schriftliche Quellen gibt, müssen vor allem Vermutungen über die Zuschreibung der potentiellen Attalidenporträts aufgestellt werden. Andreae zeigt, welche Methoden man zur Analyse der potentiellen Herrscherbildnisse verwenden kann.

Ralf von den Hoff zeigt ein ähnliches Vorgehen bei der Verortung der ehemaligen Aufstellungsorte der Clipei-Fragmente im Gymnasion von Pergamon. Dabei handelt es sich um Fragmente von überlebensgroßen männlichen Marmorköpfen, die in der Literatur seit ihrer Erstvorlage 1908 keine Erwähnung mehr fanden. Ihre Bruchstückhaftigkeit lässt keine exakte Zuschreibung der Dargestellten zu. Da in Pergamon viele Skulpturen in später errichteten Mauern verbaut wurden, müssen die Archäologen mittels Indizien den ursprünglichen Aufstellungsort und den Bestimmungsort der Plastik ermitteln. Dabei wird auch ein Stück Wissenschaftsgeschichte thematisiert, die hier vor allem eine Geschichte der ästhetischen Bewertung ist. So hat Franz Winter Anfang des 20. Jahrhunderts die Marmorfragmente in die römische Kaiserzeit datiert und damit „entwertet“, aber den Reliefs auch „Mangel an originaler Frische und Kraft, gekünstelte Oberflächenbehandlung und bis zur Peinlichkeit gehende Genauigkeit“, ebenso wie eine „leere Kunstform“ unterstellt (S 55). Eine Neubewertung im Rahmen des Berliner Skulpturennetzwerkes konnte erst jetzt die Bedeutung dieser Marmorfragmente herausstellen.

Gipsabgüsse werden oft stiefmütterlich in Archäologie und Kunstgeschichte behandelt. Für den Pergamonfries liegen mehrere dieser Gipsabgüsse von konkurrierenden Firmen vor, die die Begeisterung des 19. Jahrhunderts für die Grabungsfunde widerspiegeln. Diese Gipsabgüsse dienen den Archäologen Informationen über den Zustand der Artefakte kurz nach ihrer Entdeckung zu geben, aber man kann von ihnen auch unterschiedliche Interpretationen der ehemaligen Anordnung der Fundstücke erschließen.

Bei den Aufsätzen handelt es sich zweifellos um wissenschaftliche Literatur. Entsprechend spröde lesen sich diese oft, bieten dafür aber Zugang zu den neueren Forschungen rund um Pergamon. Entsprechend ist der Band kein Überblickswerk zur Geschichte Pergamons, das Laien einen schnellen Zugang ermöglicht, sondern wird vor allem das Fachpublikum erreichen, da er eine genaue Kenntnis von Ort, Geschichte und Grabungsgeschichte voraussetzt. Schwierig sind dabei vor allem die Verweise auf teils schwer erhältliche Fachliteratur.

Dennoch kann man aus dem Buch vor allem lernen, wie wichtig gerade auch die exakte Forschung von weniger spektakulären Funden ist, um ein Gesamtbild einer versunkenen Kultur erlangen zu können. Hier zeigt sich die archäologische Forschung von ihrer gewissenhaftesten Seite und wertet das Glanzstück der Museumsinsel mit fundiertem Wissen weiter auf.