Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

Realismus. Das Abenteuer der Wirklichkeit, Kunsthalle Emden, bis 24. Mai 2010

Dem Betrachter präsentiert sich Realismus zunächst als die Art von Kunst, deren technische Meisterschaft, Präzision und optische Täuschung Erstaunen auslöst. Doch Realismus ist weitaus mehr als ein Spiegelbild: das “Abenteuer der Wirklichkeit” beginnt dort, wo längst Bekanntes neu wahrgenommen und Alltägliches neu entdeckt wird. Die umfangreiche Ausstellung spannt einen weiten Bogen vom Realismus des 19. Jahrhunderts über die Neue Sachlichkeit, die Pop Art und den Fotorealismus der 60er Jahre bis zu realistischer Kunst der Gegenwart. Verbindendes Element ist dabei stets die Frage nach der Wirklichkeit und der Darstellbarkeit der modernen Welt mit all ihren Widersprüchen, Spannungen und Schönheiten. Günter Baumann hat die Schau für PKG besucht und sich mit dem Begriff Realismus auseinander gesetzt.

»Wir wissen, dass alles, was wir Menschen von der dinglichen Welt wahrnehmen, niemals wirklich so ist, wie wir es sehen oder verstehen«. Giorgio Morandi, von dem diese Erkenntnis stammt, zog für sich seine eigenen Konsequenzen und ließ sich auf das Abenteuer Wirklichkeit gar nicht erst ein (und vielleicht war er dieser nur umso näher). In der Emdener Ausstellung lässt man ihn nur seine mahnende Stimme erheben, doch wer sich auf das besagte Abenteuer einlassen will, muss zumindest die Möglichkeit einräumen, dass man der Wirklichkeit nahe kommen kann. Das betrifft natürlich nicht nur die Dingwelt, die in der Schau nur ein Kapitel von mehreren ist – da stehen noch Akt, Genre, Historie, Interieur, Landschaft, Porträt und Stadt auf dem Plan. Doch zurück zum Stillleben: Edouard Manets »Distel« etwa, Tony Matellis »Abandon Weed« oder Thomas Ruffs »Interieur«, um nur einmal drei Beispiel herauszugreifen, geben eindeutig ein Bild der Wirklichkeit ab. Aber sowohl das Gemälde Manets, dessen Impressionismus ja nur ein Realismus mit anderen Mitteln ist, als auch die bemalte Bronzeplastik Matellis, die bis zum handgreiflichen Gegenbeweis schon einer arg listigen Täuschung entspricht oder vielmehr der Ruffsche Fotoprint, der doch per se eigentlich nichts vortäuschen kann, zeigen deutlich, dass wir immer einen Komparativ bedienen: ›wirklicher als‹ zu sein, ein Urteil, das je nach Betrachter auch unterschiedlich ausfallen kann. Wie sagte doch Eduard Hopper: »Kunst ist die Wiedergabe der Welt um mich durch die Welt in mir«. Das Abenteuer der Wirklichkeit ist also zugleich ein Abenteuer unsrer Beobachtungsgabe bzw. unsrer Wahrnehmung, was die Bandbreite der Möglichkeiten allerdings ins Unendliche gehen lässt.

Es ist ein Gemeinplatz, dass Realismus und Fotografie allenfalls so viel Schnittstellen haben wie – beispielsweise – abstrakte Malerei und Fotografie. Dennoch halten sich Redeformeln wie »sieht aus wie fotografiert« oder »wie gemalt« – mit der Konnotation, das eine Bild sei von der realen Welt abgekupfert, das andere sei (in der Regel so verstanden:) schöner als die reale Welt. Das kann man getrost alles über Bord werfen, längst wissen wir, dass alles, was wir sehen, auch schon eine Deutung, eine Art "Bildbearbeitung" oder auch nur eine Auswahl dessen ist, was vor uns ist. Mehr noch: Egal was ein Künstler (er)schafft, es ist eine Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit, die er nachahmt oder gegen die er eine eigene Wirklichkeit setzt. Das ist noch nicht einmal ein moderner Gedanke. Neu ist überraschenderweise, dass die Emdener Ausstellung, die später noch in München und Rotterdam zu sehen sein wird, erstmals dieses Thema zum Gegenstand dieser groß angelegten Übersicht macht: Es geht nicht nur um einzelne Schulen, sondern um das ganze Spiel mit dem Realen – ein Abenteuer eben, dem man sich mit Genuss hingeben kann. Es sind nicht zuletzt gerade die Gegenüberstellungen von Fotografie und Malerei, die dieses Abenteuer erst als ein solches sichtbar machen – man denke nur an Sigurd Kuschnerus’ Temperaarbeit »Berliner Sommernacht« und den C-Type Print »rain footsteps siren« von Julian Opie, die dem äußeren Eindruck nach wie vor im gattungsspezifischen Rollentausch daherkommen. Die Beispiel ließen sich beliebig fortsetzen: Wilhelm Schürmanns Silbergelatineabzug »Untitled (Aachen)« von 1979, James Whites Ölbild »Sink« von 2008 und die Bleistiftzeichnung »Odlicht« von Astrid Brandt präsentieren unspektakuläre Badezimmerecken, die sich an Realitätsnähe nichts schenken. Es ist überhaupt hocherfreulich, dass die Zeichnung mit wichtigen Arbeiten (Robert Longo!) vertreten ist. So wird also keine Gattung ausgespart (neben Malerei und Fotografie auch Grafik, Plastik, Video), keine Zeit wird ausgesperrt (Neusachliche neben Nazikunst), Grenzen werden übersprungen (die gut und gern 100 Künstler kommen aus 20 Ländern).

Kann man nun der Realität realistisch begegnen? Irgendwann verliert sich in der fulminanten Revue realistischer Positionen das Streben nach einer Lösung der Frage. Mitte des 19. Jahrhunderts hat Gustave Courbet den Begriff »Realismus« geprägt – obwohl Millet in manchen Arbeiten noch realistischer zu sein scheint –, und in den folgenden 150 Jahren ging ein namentlich darauf bezogener Stil nach dem anderen dahin – ob naturalistisch, magisch, sachlich, kritisch, veristisch, fotografisch, hyper- und surrealistisch, ja auch amerikanisch usw. – , es scheint so zu sein, dass nicht der Blick aufs Ganze wichtig ist, sondern die Facette aus unbegrenzten Möglichkeiten. Da ist man schon erstaunt, dass die Kunst der DDR nicht präsent ist, die über die ältere Leipziger Schule doch immerhin die Rink-Rauch-Weischer-Linie hätte aufnehmen können; und hier anschließend hat man sogar die Chance vertan, so beachtliche Maler wie Volker Blumkowski oder Eckart Hahn von der jüngeren Leipziger Schule abzugrenzen (die vielleicht mittlerweile über Gebühr über den Kunstmarkt tingelt, dass man zurecht in Emden das Augenmerk einmal nicht darauf gelenkt hat). Die Abteilungen folgen höchst unterschiedlichen Aspekten: »Portrait: Dokument oder Inszenierung?«, »Genrebild: Grenzen des Sichtbaren«, »Akt: Natürlichkeit oder Pose? «, »Interieur: Aura und Magie des Raums«, »Landschaft: Raum und Zeit«, »Stadt: Lebensraum und Bühne«, »Historienbild: Konstrukt oder Zeugnis«, »Stillleben: Die Welt der Dinge«. In jedem dieser Dinge steckt viel Reales, doch ist die Summe des Darstellbaren noch nicht gleich die Realität. Wie sagte doch Salvador Dalí, zitiert auf dem Rücken des fulminanten Katalogs zur Ausstellung: »Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist, als die Welt des Traumes«.