Buchrezensionen, Rezensionen

Segeln, was das Zeug hält. Niederländische Gemälde des Goldenen Zeitalters, hrsg. v. Martina Sitt und Hubertus Gaßner, Hirmer 2010

Dass die Glanzzeit des Seestücks im Goldenen Zeitalter der Niederlande nicht aus dem Nichts kommt, sondern seine vielfältigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Gründe hatte, zeigt der Katalog zur Hamburger Ausstellung »Segeln, was das Zeug hält!«, der der Eröffnung mit kleiner Verspätung folgt. Das Buch enthält eine Reihe aufschlussreicher Aufsätze, die Stefan Diebitz für Sie gelesen hat.

Eine bunte Vielfalt von teils außerordentlich schönen Seestücken der verschiedensten Art präsentiert das von Martina Sitt herausgegebene Buch, in deren Textbeiträgen neben künstlerischen Aspekten auch historische und sozialgeschichtliche Zusammenhänge eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen. Denn die Bedeutung, die den Seestücken in jener Ära zukam, lässt sich ohne Berücksichtigung der Geschichte nicht verstehen, und die sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen sowie politischen Hintergründe finden sich in diesem Buch ausgeleuchtet. Die Niederlande, eben erst als eine Art Staatenbund (Generalstaaten) gegründet, hatten sich zuvor unter blutigen Opfern von Spanien gelöst, und nun galt es, im Kampf um die Vorherrschaft auf See gegen England zu bestehen. Die ganze Nation fieberte mit den Schiffen, die manchmal eine Invasion zu verhindern hatten, wohl aber auch selbst gen England zogen. Und nicht allein aus Patriotismus wurde mitgefiebert, sondern schon schlicht deshalb, weil das eigene Wohlergehen sehr direkt mit dem Schlachtenglück verknüpft war.

Zwei der wichtigsten Beiträge, beide aus der Feder der Herausgeberin, sind der ästhetischen Strategie der Meister des 17. Jahrhunderts gewidmet. Mit »Pateniers Vermächtnis« ist kein Nachlass an Bildern angesprochen, sondern der Titel zielt auf eine die Seestücke des Goldenen Zeitalters auszeichnende Ästhetik, die typischerweise einen mikroskopischen und einen teleskopischen Blick vereint. Joachim Patenier (1475/80 – 1524), ein flämischer Meister, gilt als einer der ersten reinen Landschaftsmaler, für dessen Bilder ein sehr hoher Standpunkt mit entsprechend hohem Horizont typisch ist. Sitt zeigt, dass in Pateniers Gemälden manche Details winzig klein gesehen sind, andererseits der Hintergrund immer wieder in den Vordergrund drängt, wodurch, in den Worten Cees Notebooms, „die Kulisse zum Protagonisten“ wird. Eben diese doppelte Perspektive, dieses Ineinander von Nah- und Fernsicht zeichnet auch einen Teil der in dem Band abgebildeten Bilder aus.

Ein wenig im Widerspruch zu diesen Thesen steht Sitts eigene Feststellung, dass in den Seestücken „nicht das Meer, sondern die Schiffe das herausragende Element“ darstellen. In ihren wie auch in anderen Beiträgen wird die Frage diskutiert, inwieweit ein dokumentarisches Moment die Seestücke bestimmt. Tatsächlich verstanden die Maler viel von Schiffen, und Meister van den Velde wurde sogar von der Admiralität mit auf See genommen, weil sie schon vor der Schlacht die später zu erfolgende Dokumentation des Schlachtgeschehens im Auge hatte. Aber sowohl bei der Darstellung der Schlachten als auch bei jener der Schiffe standen doch eher ästhetische als dokumentarische Aspekte im Vordergrund. Viele der dargestellten Schiffe wären so überhaupt nicht segel- und seetüchtig gewesen, weil die Maler große Teile der Takelage nicht mit auf das Bild nahmen – verständlicherweise, das Taugewirr hätte vom Wesentlichen abgelenkt.

Auch war eine Schlacht realistisch kaum abzubilden – einerseits, weil der sprichwörtliche Pulverdampf das ohnehin chaotische Geschehen noch undurchsichtiger machte (aber dieser Dampf zieht sich dennoch, mit oft bewundernswerter Virtuosität gemalt, zwischen den Schiffen dahin), andererseits war das Hin und Her auf See kaum auf ein einziges Bild zu bannen. So finden sich also eher Szenen, die das Geschehen in einem Bild zusammenfassen und symbolisieren: eine Fregatte neigt sich zur Seite, ein englisches Schiff wird in einen niederländischen Hafen geschleppt, eines hat soeben geschossen, und dunkle Wölkchen stehen über den Geschützrohren.

Einem Laien fast unüberwindlich scheinen die Schwierigkeiten, die der perspektivisch korrekten Darstellung einer ganzen Vielzahl von Schiffen auf bewegter See entgegenstehen, zumal die Perspektive noch nicht allzulange von den Malern beherrscht wurde. Dennoch wurde dieses Problem mit Bravour bewältigt. Dazu entfalten viele Bilder eine erstaunliche Raumtiefe – der Farbauftrag wirkt erhaben, und manche Strukturen machen einen fast reliefartigen Eindruck. Ein wenig vermisse ich die Behandlung der verschiedenen handwerklichen Techniken, mit denen die Maler so erstaunliche Effekte einzusetzen wussten. Der schöne Aufsatz von Marvin Altner (»Von der Holzwelle zur luziden Gischt«) wird dieser Thematik wohl am ehesten gerecht: „Horizontal ausgeführte, regelmäßige Pinselführung in mehreren Schichten erzeugt atmosphärische Dichte und akzentuiert die tragende Funktion des Wassers. Der Maler nutzt die Struktur des Bildträgers, um in der linken Bildhälfte die illusionistische Darstellung eines Regenschauers zu steigern. Die Wirkung dieses wie Streifen vom Himmel fallenden Wassers wird durch die Maserung des Holzes verstärkt.“

Auf künstlerische Techniken und ihre kulturgeschichtlichen Wurzeln geht auch der wichtige Beitrag von Frisco Lammertse ein, der in »Mit der Feder gezeichnet« dem Leser die Kunst der Penschilderij näher bringt. Penschilderijen haben mit der Blüte der Kalligraphie zu tun, die diese Kunst in eben jener Zeit erlebte, und diese Blüte ihrerseits fußte auf der zunehmenden Alphabetisierung und Literarisierung der Gesellschaft. Penschilderijen wurden mit der Feder ausgeführt (meist, aber nicht immer, der Gänsefeder), oft auf Holz und in seltenen Fällen auch auf der vorher aufwendig präparierten Leinwand, und die Striche waren so fein, dass sie mit der Linie des Stichels beim Kupferstich verglichen werden konnten. Zunächst war auch der Kupferstich das Vorbild der Penschilderijen, aber später lösten sich die Künstler von diesem Vorbild. Die größten Meister dieser Technik waren Willem van de Velde (1611 – 1693) und Ludolf Backhuysen (1630 – 1708), von dem der Katalog ein besonders schönes Exemplar aus dem Eigenbestand des Hamburger Kupferstichkabinetts abbildet.

In der Ausstellung in einem Nebenraum dargestellt, zählt die »Kunst der Navigation« zu den wesentlichen Aspekten nicht allein der seemännischer Ausbildung, sondern zu den interessantesten, die Reihe der Seestücke ergänzenden Sujets; zu nennen wäre etwa ein schönes Stillleben von Adrian Valck (1622 – vor 1690), Porträts oder auch Genrebilder wie »Geographen bei der Arbeit« von Cornelis de Man.

Alles in allem ein schöner, perspektivenreicher und anregender Band.

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