Ausstellungsbesprechungen

Skulpturen und Reliefs aus der Sammlung, Kunsthalle Weishaupt, Ulm, bis 10. Februar 2013

Für Kurzentschlossene zeigt die Kunsthalle Weishaupt in Ulm noch bis Sonntag ihre einzigartige Skulpturensammlung von zeitgenössischen Bildhauern. Günter Baumann war hoch begeistert.

Der rot lackierte, monumentale ›Wachhund‹ (»Red Dog for Landois«) Keith Harings vor der Kunsthalle der Ulmer Sammlung Siegfried und Jutta Weishaupt jault, der Silhouettenform seines Kopfes nach zu urteilen, gen Himmel. Doch selbst wenn die Pose ein Bellen signalisierte, gehört der comichaft stilisierte Hund (dessen Zwilling vor dem ZKM in Karlsruhe steht) erfreulicherweise zur Gattung »Der tut nichts«, was im wirklichen Leben seltener der Fall ist, als mancher Hundebesitzer glaubt. Wer die Sammlung kennt, weiß: Der Vierbeiner will nur spielen. Dazu hat er allen Grund, denn zum einen vergnügt er sich letztlich mit sich selbst, und er lädt nebenbei zum Besuch eines der schönsten Privatmuseen ein. Spielen darf man dort nur in Gedanken, aber die lichten Räumlichkeiten werden in einer generösen Weise bespielt, dass es eine wahre Lust ist, die Ausstellungen des Hauses zu besuchen. Robert Longo ist noch gut in Erinnerung, die aktuelle Schau ist kurz vor dem Ende – und lohnt doch auf den letzten Drücker. Die hochkarätige Sammlung verspricht höchste Qualität, weshalb man ungesehen schon die kommende Ausstellung empfehlen kann: »American Idols« mit Arbeiten von Basquiat bis Warhol.

Die zur Zeit noch präsentierten Plastiken und Reliefs zeigen eine Auswahl aus dem skulpturalen Bestand des Hauses, zu dem eben auch Harings roter Hund gehört. Der zeitliche Rahmen liegt bei rund 60 Jahren, an dessen Anfang etwa Alexander Calders Mobile-Kunst steht: Von ihr geht ein roter Faden bis zu Haring, der signalisiert, dass es zwischen abstrakten und gegenständlichen Positionen kaum noch Berührungsängste bestehen. Daneben zeigen zahllose Seitenstränge, dass sich die Plastik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer Bandbreite öffnete, die es so noch nie in der Geschichte der Kunst gegeben hat. Was das Material angeht, haben sich die Bildhauer ohnehin von ihrem klassischen Handwerkszeug verabschiedet: in ihrer Extremposition zeigt sich dann etwa eine Schrottplastik mit Räderwerk (Bewegung) und Glühbirnen (Licht).

Tendenziell dominieren abstrakte Arbeiten, was in der Gattung der Plastik nach wie vor ›on the top‹ ist – in der Malerei wäre eine solche Priorität sicher nicht auf der Höhe der Zeit. Doch Arp, Bill & Co. haben noch immer dieselbe Frische wie zu ihrer Entstehungszeit, Caro und Cragg weisen deutlich in die Gegenwart und Kounellis ist mit seiner Kunst ganz bei uns. Cragg überrascht sogar mit einem ganz untypischen, korallenartigen Gips-Metall-Objekt, das zu den schönsten Exponaten der Schau gehört. Darüber hinaus spielt Vincent Szarek, Jahrgang 1973, in seinem wunderbaren Werk mit inhaltlichen Andeutungen in abstrakter »Verpackung«. Wenn er noch Spuren eines subjektiven Expressionismus aufweist, geht Liam Gillick, geboren 1964, den Weg der Konstruktivisten weiter. Dazwischen wäre Beat Zoderer zu verorten, der zu den führenden Plastikern der Gegenwart gehört. Die Räumlichkeiten von 1300 qm Ausmaß erlauben den besten Blick auf gigantische Formate, die vor dem 5 Meter hohen »Crotch«-Werk von Frank Stella nicht zurückschrecken – wenngleich die Ausstellungsmacher, die Museumsdirektorin Kathrin Weishaupt-Theopold und ihr Vater, der Sammler selbst, ausdrücklich vor Mark di Suvero und Robert Indiana kapitulieren mussten: aufgrund der Größe und – im Fall di Suvero wohl auch – des Gewichts müssen die Besucher auf deren Arbeiten verzichten. Dafür wirbt Maurizio Nannucci im Foyer – als Einladung oder Verabschiedung in die Ausstellung – um »LOVE«, geometrisch verklausuliert im Neonlicht.