Buchrezensionen, Rezensionen

Thomas Struth: Unconscious Places, Schirmer/Mosel 2012

Die Neuauflage der »Unconscious Places« von Thomas Struth in Buchform erschien zeitgleich mit der Eröffnung der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig (29. August bis 25. November 2012), auf der Thomas Struth einige seiner Straßenfotografien präsentierte. Min-young Jeon führt Sie durch die leeren, engen Straßen und Boulevards in allen Teilen der Welt.

Die Reise der Straßenfotografien beginnt 1979 in Teilen Düsseldorfs: Friedensstraße, Remscheider Straße, Wagnerstraße, Wilhelm-Tell-Straße heißt eine Auswahl von vier der Straßen, die den Auftakt zu einer – nun bereits seit über vier Jahrzehnten bestehenden und stetig weiter entwickelten – Werkserie Thomas Struths bilden. In der Publikation auf zwei Seiten abgebildet, reflektiert die Seitengestaltung mit den vier Straßenfotografien die Art der Hängung im Ausstellungsraum.

Die Straßenbilder oder »Unconscious Places«, wie diese Serie erstmalig 1985 im Rahmen einer Einzelausstellung von Thomas Struth benannt wurde, umfassen mittlerweile Ansichten von unprominenten Straßen und Gebäudekomplexen aus New York, Frankreich, Japan, China und Korea u.a.m. Struth nimmt uns mit auf eine Weltreise, um uns Orte jenseits von Eiffelturm und Empire State Building zu zeigen. Dennoch scheinen uns seine Bilder aus verschiedenen Städten und Kulturen nicht fremd, eher auf eine bestimmte Art vertraut zu sein.

Die nach strengen formalen Kriterien aufgenommen Fotografien geben Fragmente eines Bildgedächtnisses wieder, das seinen Speicher im kollektiven Unbewussten lagert. Dabei versammelt die Serie Straßenfluchten in New York ebenso wie Plätze in Italien. Der Blick des Fotografen, der mit seinen gewählten Ausschnitten die Essenz des jeweiligen Ortes destilliert, fixiert jede Fotografie  über das einzelne Bild hinaus  im Kontext eines umfassenderen historischen und kulturellen Kontexts.

Die einzelnen Fotografien der »Unbewussten Orte« werden oftmals als Serien zu einem Ort angelegt, darüber hinaus funktionieren sie als eigenständige Bilder. Die Serie »Tour« beispielsweise besteht aus mehreren Fotografien von Hochhäusern aus Beaugrenelle, deren bildmittige Präsentation ihren Eigenwert als skulpturales Objekt im Bild hervorhebt. In Referenz auf die bildliche Darstellung überholter Funktionsbauten aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet von Struths Lehrer Hilla und Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie, erinnern die Fotografien aus Beaugrenelle eher an Skulpturenfotografie als an geografische Stadtansichten.

Nicht nur die Orte, die Struth für seinen Bilderatlas gewählt hat, variieren, sondern ebenso die Art der fotografischen Herangehensweise. Die frühen Straßenfotografien, die eine Idee der trostlosen Monotonie in der zentralperspektivischen Ansicht der uniformen, aber zugegebenermaßen durchaus praktikablen Bauweise der Nachkriegsarchitektur in der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland veranschaulichen, werden als kleinformatige Schwarzweißansichten vermittelt. Der rasanten Bauweise und dem Pragmatismus jener Zeit scheint das Konzept der Transparenz geschuldet: wie reiht man Neubauten neben historische Gebäude ohne dabei aufzufallen oder gestaltet gleich ganze Wohnkomplexe derart, dass man in der Erinnerung an diese lediglich die Idee einer Farbe zwischen den Nicht-Farben, also irgendetwas im Graubereich, sich ins Bewusstsein rufen kann? Struth, der, nach eigener Angabe im Interview mit Richard Sennett, einen Teil seiner Jugend in einem »ziemlich deprimierenden Neubauviertel« in einem Vorort von Köln verlebte, gelingt mit einer objektiven Distanz zu den Düsseldorfer Straßen, den Fotografien ihren eigenen Wert zuzugestehen: als Bilder, die beschreiben und zugleich dokumentieren.

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Einen formalästhetischen Wandel erkennt man bereits in der erwähnten Tour-Serie, für die Struth die Zentralperspektive verlässt. Aufgenommen von den Dächern umliegender Gebäude wird die Kameraeinstellung derart gewählt, dass sie die horizontale Mitte der Hochhäuser mit der Bildmitte korrespondieren lässt und diese – trotz Fokussierung – in eine Balance zu ihrer Umgebung setzt.

An Bildern aus Japan und China zeigen sich in extremer Weise kulturelle Differenzen in der architektonischen und sozialökonomischen Struktur urbanen Lebensraums. Die Wahl für die Großformatkamera an dieser Stelle seiner Werkproduktion lässt vermuten, dass Struth diesen ganz anderen, fremden Kulturraum mit all seinen Verzierungen und Attributen so präzise wie möglich einfangen wollte, damit ihm kein Puzzleteil auf dem Weg des Verstehens dieser neuen Welt verloren geht. Die Möglichkeit der präziseren Aufnahmen mittels Großformatkamera wird begleitet von dem Aspekt der Entschleunigung, der dem hektischen Treiben der chinesischen Märkte diametral gegenübersteht.

Struth positioniert sich klar gegen eine spontane Fotografie im Sinne des Cartier-Bressonschen decisive moments. Seine Fotografien folgen vielmehr einer konzeptuellen Vorgehensweise, in der im Vorfeld Ausschnitt, Format und Lichtverhältnis gewählt und berücksichtigt werden. In Hinblick auf die Fotografien chinesischer Großmarktsituationen wie beispielsweise »Jianghan Lu, Wuhan« (1995) zeigt sich das bildnerische Vermögen der Großformatkamera in der Detailvielfalt: eine breite Palette farbiger Couleur verbindet sich mit einem Konvolut an Formvariationen zu einem dicht gewebten Netz, das sich jenseits des fotografischen Abbildes als Bildstruktur erweist.

Die Fortführung der Reise Struths durch die urbanen Räume der verschiedenen Kontinente begründet die Lust an einer neu aufgelegten Publikation der »Unconscious Places«, die diese Reise weiter begleitet. Auf diese Weise gelingt es dem Betrachter, dem Bildverständnis Struths ein wenig mehr auf die Spur zu kommen: Die einzelnen Fotografien dieser Werkserie fügen sich zu einem dicht gewebten Quilt zusammen, in dem sowohl Einzelbilder als auch Bildfolgen zu einer multivisuellen Einheit verknüpft werden.

Die Publikation ermöglicht mit einer spielerischen Konzeption eine Vielzahl synoptischer Bildvergleiche: Frühe Straßenfotografien werden neben neuere gestellt, farbige Fotografien zwischen eine Reihe von schwarzweißen Fotografien und Bilder einer topologischen Einheit zwar nebeneinander präsentiert, sie bebildern jedoch als Einzelne eine gesamte Seite. Richard Sennett, der einen begleitenden Essay zur Publikation liefert, führt den Leser in die Biografie Struths und in die Werkgenese der »Unconscious Places« ein. Einen Teil des Essays gestaltete er unter Zuhilfenahme eines Interviewkonzepts, für das neun Künstler, Designer und Architekten wie beispielsweise David Chipperfield zu ihrer professionellen Sicht auf neun Architekturfotografien Struths befragt wurden, die dieser vorher selbst mit einem Kommentar versehen hat.

Das umfangreiche Bildmaterial enthält vor allem auch Fotografien, die dem totalen Ausverkauf des Struthschen Werkes bisher verschont geblieben sind. Somit wird ein neuer Blick auf einen der deutschen Starfotografen unserer Zeitmöglich gemacht.