Buchrezensionen, Rezensionen

Vine, Richard: New China New Art

China ist im Trend. Die Wirtschaft boomt, für Firmen scheint das Reich der Mitte zum neuen Gelobten Land zu werden, und (nicht erst) seit der Sommerolympiade jagt ein architektonisches Großprojekt das nächste. Auch vor der Kunst macht der China-Hype nicht Halt. Kaum eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die auf sich hält, kommt mehr ohne die „Quoten-Chinesen“ aus. Der Markt boomt. Trotzdem ist China für „Otto Normal-Kunstinteressierten“ nach wie vor fremd. Simone Kraft gewährt uns einen Blick in die Prestel-Neuerscheinung zu zeitgenössischer chinesischer Kunst.

Richard Vine
Richard Vine

 Zeitgenössisches aus dem Land der Mitte, ist das Protestkunst, die von Exilanten angefertigt wird, oder regimetreue Kunst? Setzen sich die Künstler mit traditionellen Motiven und Techniken auseinander oder orientieren sie sich an westlichen Vorbildern? Darf man politisch sein bei der Künstlerauswahl? Die Erwartungen sind groß, die Unsicherheiten ebenso.

 
80 der wichtigsten zeitgenössischen Künstler aus China will Richard Vine in seiner Monografie „New China New Art“, die (zur Zeit nur) auf Englisch erhältlich ist, vorstellen und zugleich einen Überblick über die vielschichtige Kunstszene im Reich der Mitte zwischen 1978 bis heute geben. Der Autor ist Herausgeber der renommierten Zeitschrift „Art in America“, die seit 1913 publiziert wird, und hat in den letzten Jahren zahlreiche Artikel über die zeitgenössische chinesische Kunst für das Magazin geschrieben. Sein Vorhaben klingt vielversprechend.
Schon ein erstes Blättern in den 170 Farbabbildungen des 240 Seiten starken, großformatigen Hardcovers gibt eine erste Antwort: Zeitgenössische Kunst aus China, das sind
"[…] not modern variations on traditional Chinese ink painting and ceramics, or Socialist Realist images of the sort prescribed in China since midcentury under Mao Zedong, but startlingly up-to-date works from mainland China, Hong Kong and Taiwan [...]. (S. 8)"
Außerdem – und das ist für den westlichen Leser wohl nur im ersten Moment überraschend, denn warum sollten die Tendenzen in China soviel anders sein als in Europa und Amerika – spielen die traditionellen Motive und Techniken keine große Rolle mehr:
"Whenever an unmistakable touch of Chineseness is needed, one can salt a show with pagoda tops and bodhi statues – about as meaningful to the vanguard Chinese artists who use them as the face of Mao was to Warhol or a crucifix is to the average artist in Brooklyn." (S. 11)
 

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„Why China why now?“ fragt Vine treffend in seinem einleitenden Essay, in dem er einen Überblick über die Hintergründe der noch recht jungen Popularität der zeitgenössischen chinesischen Kunst gibt, die in den späten 1990er Jahren mit verschiedenen Überblicksausstellungen begonnen hat. Darüber hinaus schildert er auch kulturelle und historische Hintergründe sowie die gesellschaftliche Situation der Künstler und ihre Arbeitsbedingungen im heutigen China. Dabei wird jemandem, der wenigstens allgemeine Kenntnisse über China besitzt, nichts Neues vermittelt, es wird jedoch eine konzentrierte Zusammenfassung geboten, die die wichtigsten Informationen in Erinnerung ruft; einen ausführlicheren Überblick über die Geschichte bieten die „History Lessons“ im Anhang. Interessant ist vor allem der Abriss über die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten, die dazugeführt haben, dass
"[…] the government, which once promoted mostly tradition-based work both as a compensation for the now-renounce Cultural Revolution and as an assertion of national identity, has today, however grudgingly, come to value avant-garde art as part of a soft power strategy to enhance china’s global status. "(S.15)
 
Wurde die Kunst unter Mao ins kommunistische System eingespannt, so hat sich der Wind in den letzten Jahren merklich gedreht, seit der internationale Kunstmarkt die Künstler aus China entdeckt hat und ihre Arbeiten zu hohen Preisen verkauft werden. Die Regierung hat dies als Möglichkeit erkannt, nicht nur beträchtliche Gewinnsummen ins Land zu holen, sondern durch den freien kulturellen Austausch auf lange Sicht auch den wirtschaftlichen und diplomatischen Status Chinas zu verbessern.
 
In sechs Kapiteln, gegliedert nach den Medien der zeitgenössischen Kunst (Malerei, Skulptur, Installation, Performance, Fotografie und Video), stellt Vine verschiedene Künstler und ihr Schaffen vor. Ausgewählt hat er 
"those who have, by critical consensus emerged as essential of international understanding, and those I find to be the most visually and conceptually compelling." (S. 15)
 
Dabei wurden die Künstler dem Medium zugeordnet, für das sie am bekanntesten sind, auch wenn sie, wie bei zeitgenössischen Künstlern meist der Fall, ihr Schaffen nicht darauf beschränken. Für den den mit chinesischen Namen nicht vertrauten Leser hilfreich ist der Hinweis, dass es sich hauptsächlich um männliche Künstler handelt; auf die wenigen Künstlerinnen wird hingewiesen.
Hauptsächlich habe er sich bei seinen Ausführungen und der Auswahl jedoch von einer Frage leiten lassen, so betont Vine ausdrücklich:
 "Why do these Chinese works look the way they do?" (S. 15)
 

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In den sechs Kapiteln, denen jeweils ein kurzer Abriss über die Geschichte des künstlerischen Mediums in China vorangestellt ist, präsentiert Vine individuelle Positionen. Er verzichtet dabei darauf, zu klassifizieren und der Gefahr einer vorschnellen, persönlichen und letztendlich willkürlichen „Ismen“-Bildung zu verfallen. Die meisten Künstler und ihre Arbeiten werden allerdings nur knapp abgehandelt. Oft kommt es nur zur Nennung des Namens und der Aufzählung bestimmter exemplarischer Arbeiten sowie deren Intention in allgemeinen Zügen. Nur bei einigen der bekanntesten Vertreten werden ausführlichere biografische Informationen gegeben, die sich jedoch mehr auf die Situation des jeweiligen Künstlers in der Welt konzentrieren, denn auf die Besonderheiten seines Werks. Weder werden Werkentwicklungen beschreiben, noch wird genauer ergründet, was die jeweiligen Arbeiten auszeichnet. Sicherlich sind tiefergehende Analysen in einem Überblickswerk, das 80 Positionen präsentieren will, nicht machbar. Dennoch wird nicht so richtig klar, „why these Chinese works look the way they do“.
 
Nichtsdestotrotz bietet Vines „New China New Art“ einen umfangreichen und reich bebilderten Einblick in das aktuelle chinesische Kunstschaffen – anders als in vielen Publikationen wird tatsächlich jede Abbildung auch im Text erwähnt und mehr oder weniger ausführlich kommentiert. Nach den amerikanischen Lesern bietet die Monografie jetzt auch den Lesern in Deutschland die Chance, dank der Auswahl an Künstlernamen einen Einstieg in das Thema zu bekommen. Die Stärke des Werks liegt auf der Fülle an Hintergrundinformationen, die die Gesamtsituation verständlich(er) machen und die künstlerischen Positionen vor dem Spiegel sozialer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen präsentieren. Vor allem im abschließenden Ausblick „The Scene Now“ reflektiert Vine zudem auch die westliche Kunstszene, die durch die Begegnung mit ungewohnten Ausstellungspraktiken in China ihre eigenen Strukturen kritisch zu überdenken beginnt – so sind etwa auch größere Museum gerne bereit, Ausstellungsraum an jeden angesehenen Künstler zu vermieten, der bereit ist, dafür zu bezahlen.
 
 
 

 

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