Buchrezensionen

Werner Spies: Picasso zwischen Beichtstuhl und Bordell, Piet Meyer Verlag 2017

Der Titel lässt aufhorchen - und ein Blick auf den Klappentext noch mehr – was hat Pablo Picasso mit dem Entwurf eines Beichtstuhls zu tun? Diese Frage beantwortet die Lektüre eines Buches im Hosentaschenformat. Stefanie Handke hat das reizende kleine Werk gelesen.

 2015 erarbeitete Werner Spies für das Musée de l‘Orangerie und die Wiener Albertina die Ausstellung »Les Archives du rêve« gemeinsam mit Leïla Jarbouai und durfte sich dafür im Fundus des Musée d´Orsay umsehen, genauer gesagt in den Sammlungen zu Arbeiten auf Papier. Er durfte in den Papiersammlungen – oder wie er selbst sagt diesem »Labyrinth der Blätter« – regelrecht schwelgen und seine ganz persönliche Ausstellung zusammenstellen aus all diesen Werken, die aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit nur selten ausgestellt werden. Dabei entdeckte Spies ein ganz besonderes Werk: Maurice Boilles Entwurf für einen Beichtstuhl aus dem Jahr 1907.

Dieses Blatt zog den Kunsthistoriker in seinen Bann und ließ ihn nicht mehr los. Der üppige Entwurf ward zwar nie Wirklichkeit, übte aber eine eigentümliche Faszination aus mit seinen düster-unheimlichen Fratzen und dem fast einem Gesicht gleichenden Aufbau. Dieser mutete Spies weniger wie ein Beichtstuhl denn vielmehr wie seine Pervertierung an, »ein menschenverachtendes, erbarmungsloses Spottbild«, das seine religiös-liturgische Funktion verlor und zu einem Ungetüm verkam und sich mit Spies‘ Erinnerungen an seine Schulzeit. Für ihn wurde der Entwurf Boilles zu einem Kommentar auf den Laizismus und zu einer Karikatur des Beichtgedankens. Lediglich die Rosen erinnerten noch in ihrer Bedeutung als Symbol für das Beichtgeheimnis an die Funktion des Möbels. Verwandtschaft entdeckte Spies in Rodins Höllentor, aber auch in zahlreichen Motiven Gustave Dorés. Das Herz Jesu etwa zu einem abstoßenden Stück Fleisch, das die Erinnerungen an Gustave Dorés Darstellung im Prolog zu »Le succube« erinnert. Die Fratzen auf dem Beichtstuhl erinnern dagegen an die in »Le succube« von Doré gezeigten Fratzen.

Was aber hat das alles nun mit Picasso zu tun, mag sich der Leser an diesem Punkt, wo Spies gemeinsam mit ihm in grotesk-abstoßenden Darstellungen schwelgt, denken, wenn er sich an den Titel des Hosentaschenbüchleins erinnert?

Ganz einfach: Was den Autor nämlich »alarmierte«, das war das Jahr, in dem der Entwurf entstand: 1907 brachte Boille ihn zu Papier, im selben Jahr in dem Picassos »Les Demoiselles d´Avignon« die Kunstwelt in Aufruhr versetzten und dafür sorgten, dass sich Sammler, aber auch Weggefährten vom Künstler abwandten. Der Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler dagegen erlebte das Werk ähnlich einer Epiphanie. Es war schlicht seiner Zeit voraus, denn »unersättlich gierige Beschäftigung tritt nun in den Vordergrund und damit die Übung, Formen und Variationen auszubreiten« und löst den sentimentalen Hang, der die Kunst Jahrhundertwende prägte, ab.

Die »Demoiselles d´Avignon« gleichen vor diesem Hintergrund einem Beichtstuhl, den Picasso nach dem Exorzismus der Kunst des Fin de siecle betritt, um alles bisherige infrage zu stellen. Der Schaukasten, in dem sich die Prostituierten präsentieren, gleicht auf diese Weise einem Beichtstuhl, der die Abkehr nicht von Sünden, sondern von einer sensualistischen Kunst des Impressionismus. Auf diese Weise entsteht doch noch eine Verbindung zwischen zwei Werken, die zwar im selben Jahr entstanden, aber doch nichts gemein zu haben scheinen.

Dieser wunderbare kleine, bisher unveröffentlichte Text kommt in einem reizenden Büchlein daher, dem Auftakt der »Mini-Bibliothek« im Piet Meyer Verlag: So groß wie ein modernes Smartphone, auch ungefähr so dick – aber im Gegensatz zum Mobiltelefon kann man darin blättern, die Seiten fühlen und einen reizenden kleinen Text ganz analog gelesen. Pünktlich zum 80 Geburtstag des Kunsthistoriker erscheint das Büchlein nun und führt dem Leser vor Augen, worin eine der großen Stärken Spies‘ liegt: Die Fähigkeit, sich in ein Werk gleichsam zu verlieben und es Raum einnehmen zu lassen – scheint es auf den ersten Blick auch manchmal unbedeutend.