Buchrezensionen, Rezensionen

Winfried Nerdinger/Juan Calatrava (Hg.): Le Corbusier und das Gedicht vom rechten Winkel, Hatje Cantz 2012

Le Corbusier präsentiert mit dem »Gedicht vom rechten Winkel« sein nicht unumstrittenes Weltbild in farbenprächtigen Lithografien und handgeschriebenen Gedichten. Stefan Diebitz hat sich die in jeder Hinsicht hochwertige Faksimileausgabe, die zusammen mit einem sorgfältig edierten Essay- und Materialband erschien, angeschaut.

Dem Faksimile des Gedichtes ist die ungefähre Erscheinungszeit auf den ersten Blick anzusehen: Es sind die fünfziger Jahre. Über Jahre hinweg hatte Le Corbusier an dem Buch gearbeitet und Vorarbeiten und Skizzen in Menge angehäuft, bis er sie endlich 1955 in einem (schon wegen der kleinen Auflage von 250 durchnummerierten und signierten Exemplaren wahrscheinlich exorbitant teuren) Buch veröffentlichte, für das er unter seinen Freunden und Bekannten vorab nach Subskribenten suchte. Er konzipierte sein Buch so, dass die Lithografien und handgeschriebenen Gedichte am Ende, in sieben Reihen übereinander angeordnet, ein Tableau ergeben, das er eine Ikonostase nannte – also mit einem Wort bezeichnete, das in einen sakralen Zusammenhang gehört. (In orthodoxen Kirchen trennt die Ikonostase den Raum für die Gemeinde von dem Altarraum, den allein der Priester betreten darf.)

Es ist eine prächtige Edition. Das Faksimile besitzt nicht nur einen faksimilierten Schutzumschlag, sondern ist auch in schönes schwarzes Leinen gebunden. Überdies ist der Band trotz geringer Seitenzahl ziemlich umfangreich – dank eines hochwertigen und sehr dicken Kunstdruckpapiers. Am Ende des Faksimiles ist der Originaltext einer neuen Übertragung des Gedichtes gegenübergestellt, aber sonst findet sich die Poesie Le Corbusiers zusammen mit den Lithografien, von denen manche schwarzweiß, andere (insgesamt neunzehn) bunt, sogar farbenprächtig sind. Obwohl Le Corbusier zweifellos ein ungewöhnlich begabter und höchst eigensinniger Mensch war, ist fast allen Bildern die Verehrung des Künstlers für Picasso nur zu deutlich anzusehen.

Der Materialienband ist etwas weniger edel gemacht – vor allem ist er nur ein Paperback. Er präsentiert, reich illustriert, vier kenntnisreiche Aufsätze, von denen diejenigen der Herausgeber Winfried Nerdinger und Juan Calatrava die wichtigsten und substanziellsten sind. In ihnen wird die geistige Entwicklung Le Corbusiers skizziert und die vielfältige, ohne Vorkenntnisse undurchschaubare Symbolik der Bilder wie des Gedichtes erläutert.

Fortsetzung von Seite 1

In den Worten Juan Calatravas besteht die »Vollkommenheit des rechten Winkels […] vor allem darin, das geometrische Ergebnis des horizontalen und vertikalen Zusammentreffens zweier fundamentaler Gesetzmäßigkeiten zu sein.« Wirklich? Tatsächlich zweier Gesetzmäßigkeiten, nicht etwa bloß zweier Linien? Ob derart im Grunde ziemlich banale Gedanken tragen, hängt allein davon ab, ob die Qualität der Bilder sowie die Schönheit und der Rhythmus der Worte den Leser gefangen nehmen können.

Das Gedicht stellt den ambitionierten Versuch eines weltbekannten Architekten dar, seine Weltanschauung in Bildern und Texten zu visualisieren, und die vier Essays kommentieren diese höchst kenntnisreich; aber die Tatsache, dass es sich weder um philosophische Einsichten noch um wissenschaftliche Lehre, sondern um nichts als um eine Privatmythologie handelt, wird an keiner Stelle berührt. Als Beispiel sei eine Stelle zitiert, in der Le Corbusier den Geist (»Esprit«, und nicht etwa einen bestimmten, sondern den Geist schlechthin) mit Worten besingt, die ebenso Renaissancekünstler wie etwa Dürer hätten finden können, wenngleich sie sich entweder für reinliche Prosa oder für festes Versmaß und den Reim entschieden hätten: »Sein Wert besteht / darin: der menschliche Körper / auserkoren als gültiger / Träger der Zahlen.«

Auch wer nur wenig von Le Corbusier gehört hat, weiß, dass damit auf den »Modulor« angespielt wird, das (Zahlen-) Schema, das die Proportionen des menschlichen Körpers erfassen soll und mit dessen Hilfe der Architekt seine »Wohnmaschinen« konstruierte. Das Titelbild des Gedichts erinnert in seiner Farbgebung und Aufteilung (links blau, rechts rot) sehr an die Darstellung des Modulor. Aber zurück zu den Zeilen aus dem Gedicht! Links neben diesen (auch in der Handschrift leicht lesbaren) Worten windet sich eine schwarzweiße, weibliche Figur, welche den Einfluss Picassos besonders anschaulich werden lässt, die andere Seite schmückt die dreifarbige Darstellung eines Hauses, in dessen linke Hälfte die Silhouette eines den Arm emporreckenden Menschen eingepasst ist. Auf der anderen Seite des Hauses findet sich ein Schneckenhaus (vielleicht eines Nautilus), einem Weichtier des Meeres. Soll man daraus schließen, dass der Mensch sein Haus so seiner Gestalt anpassen soll, wie es dem Weichtier gelingt?

Am Ende des Gedichtes »Le poem de l’angle droit« findet sich die schon angesprochene »(table) iconostase«. Schon angesichts dieses Namens scheint es nur folgerichtig, wenn das Vorwort das Gedicht einen »quasireligiösen Hymnus« nennt. Schließlich, wie Nerdinger betont, hob schon Le Corbusier das Gedicht »mit dem Begriff Ikonostase in eine quasireligiöse Dimension«. Was für ein Selbstgefühl muss man eigentlich haben, um das Inhaltsverzeichnis eines künstlerischen Buches oder das Schema seiner Kapitel und Bilder eine Ikonostase zu nennen? Und wie sehr muss man einen Autor verehren, um über diese Hybris leichtfüßig hinwegzugehen? Die Kritiklosigkeit aller beteiligten Autoren gegenüber Le Corbusier ist der einzige, aber leidende schwerwiegende Schwachpunkt des Materialbandes. Dafür noch ein anderes Beispiel.

Wie Juan Calatrava berichtet, hat Le Corbusier davon geträumt, »Algier als möglichen Brückenkopf nicht nur eines neuen und modernen Städtebaus zu etablieren, sondern einer ambitionierten territorialen und sozioökonomischen Neuordnung des Mittelmeerraums«. Es macht ziemlich fassungslos, noch heute, mehr als fünfzig Jahre, nachdem die kolonialen Blütenträume Frankreichs in Blut und Terror untergegangen (oder auch nur einfach im Nichts zerstoben) sind, diese Zeilen zu lesen: findet der Autor es denn überhaupt nicht problematisch, dass ein Architekt und Lebensreformator allen anderen Menschen (um das ganze Mittelmeer herum, also vielen Millionen!) seine Vorstellungen aufzuzwingen gedachte? Le Corbusier wird immer wieder mit totatilären Vorstellungen in Verbindung gebracht, und es scheint mir ein wenig unpassend, diese Tendenzen so vollkommen zu verschweigen, wie es die Autoren des Materialbandes tun.

Trotz dieser Einwände darf man Verlag und Herausgebern für die schöne, in allen ihren Teilen sauber gearbeitete Edition danken. Für die Verehrer des Architekten wird es eine Art Hausbibel sein, für alle anderen ein wichtiges und dazu schönes Zeitdokument.