Rezensionen, Buchrezensionen

Wolfgang Cillessen/Rolf Reichardt: Revolution und Gegenrevolution in der europäischen Bildpublizistik 1789-1889, Georg Olms Verlag 2010

Seitdem in Deutschland die Drittmittelepidemie grassiert, häufen sich Sammelbände, deren Titel suggerieren, es handele sich um erschöpfende Handbücher zum Thema. Meist grenzt der Untertitel den Anspruch kleinlaut ein – hier tut er es nicht, denn er ist entfallen (der Untertitel!). Auch „Revolution und Gegenrevolution in der europäischen Bildpublizistik 1789-1889“ ist wahrlich nicht das erhoffte kapitale Kompendium zur Sache (zumal, unglaublich, das Register fehlt). Aber von Enttäuschung ist bei unserem Rezensenten Christian Welzbacher keine Rede.

Europäische Bildpublizistik © Georg Olms Verlag
Europäische Bildpublizistik © Georg Olms Verlag

20 Beiträge renommierter Autoren, gegliedert in 4 Sektionen, ausformuliert in 3 Sprachen, hervorgegangen aus 2 Workshops, finanziert von einem Sonderforschungsbereich (SFB 434 „Erinnerungskulturen“ der Uni Gießen), führen in ein Themenfeld ein, das allein vom Material her unglaublich vielschichtig und faszinierend erscheint. Hundert Jahre politische Stiche, Malereien, Flugschriften, Karikaturen, Kunstwerke, Pamphlete. Hundert Jahre Handel mit ihnen, Austausch, europäische Querbeziehungen, sich wandelnde Bildmotive, veränderte Kontexte, Interessen, Personen, Parteien. Die „Bildpublizistik“ dieses ersten Jahrhunderts medialer Schlachten ist ein Terrain von gewaltigen Dimensionen. Daher ist das aktuelle Buch auch in Anknüpfung an die langjährige Vorarbeit der Herausgeber zu sehen (vgl. etwa den 2007 erschienenen Band „Interkulturelle Kommunikation in der europäischen Druckgraphik im 18. und 19. Jahrhundert, hrsg. von Philippe Kaenel und Rolf Reichardt, ebenfalls in Hildesheim beim Olms). Es ist Teil eines Forschungsvorhabens, das längst als Passion daherkommt (nichts könnte besser sein) und dessen Ergebnisse sich wohl erst allmählich zusammensetzen. Gleichzeitig sind mit dem aktuellen Band gedankliche Fäden bisheriger Diskurse aufgenommen, weitergesponnen und verwoben worden.

Nicht wenige Beiträge sind grundlegend, auch über das Buchthema hinaus. Rolf Reichardt etwa zeigt am Beispiel der „têtes coupées“, der abgetrennten und aufgespießten Köpfe der französischen Revolution 1789, wie das Motiv im politisch-medialen Kampf allmählich von den Tatsachen abgelöst und zur politischen Chiffre umgedeutet wurde, die den jeweiligen Gegner im Bilderkampf als entmenschten Barbaren entlarven sollte. Die scharfe Beobachtung, beispielreiche Argumentation und gründliche Kontextualisierung des Beitrags kann als Exempel für eine gelungene kunsthistorisch-historische Analyse gelten.

Die Seiten vor Reichardts Erörterungen füllen Aufsätze über die Mode und Verbreitung von Karikaturen generell (die von England auf den Kontinent kam). Auf den Seiten danach werden Probleme politischer Agitation im Angesicht des „terreur“ vertieft, darunter etwa Flugblätter der Royalisten, die Bilder wie Flüsterpropaganda einsetzen (mit Vexierbildern, die sich nur bei genauem Hinsehen als Königsportraits zu erkennen geben). Generelle Überlegungen zum „Start in das Medienzeitalter“ (Michael Diers) – und damit noch einmal die Einordnung des Vorangehenden – schließen die erste große Sektion des Buches ab. Kurzum: Nicht nur ein Defilée ausgewogener Beiträge, sondern auch eine stimmige Gewichtung.

Mit der Professionalisierung und Differenzierung der politischen Bildpublizistik seit dem frühen 19. Jahrhundert verändern sich das Bild der Materie und der Aufbau des vorliegenden Buches. Hier reizte die Vielzahl bisher geleisteter Forschung offenbar weniger dazu – wie in der Sektion über 1789ff. –, den großen Überblick zu wagen. Hier stand die Tiefenbohrung an, die stärkere Fokussierung auf Einzelprobleme und Spezialfälle, unter Umständen sogar bis hin zu wenigen ausgewählten grafischen Blättern. Das ist sicher gut, richtig und bereichernd (zumal durch Gelehrte wie Werner Busch oder Sammler wie Remigius Brückmann und Alberto Milano). Doch dadurch wirken die Sektionen II bis IV, die „Politische Ambivalenzen unter Napoleon“, die 1848er-Jahre und (noch gröber im Zeitraster) die „zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts“ präsentieren, nun tatsächlich eher wie die freie Zusammenstellung disparater Aufsätze, den Drittmittelschwarten mit Bluffeffekt (entfernt) verwandt. Hätte man sich also eher auf die Zeit bis 1815 kaprizieren sollen? Oder bis 1848? Nein, es ist durchaus berechtigt, auch die Centenarfeiern der großen Revolution in die Fragestellung einzubeziehen. Denn hier zeigt sich, dass es tatsächlich bildpublizistische Leitmotive der politischen Propaganda gibt, die durch das gesamte 19. Jahrhundert und weiter reichen und gleichsam ihren medienpolitischen Urknall 1789 erlebt hatten. Und genau um die Offenlegung dieses Phänomens war es den Herausgebern (auch) bestellt.

Fazit: In der vorliegenden Form hinterlässt der Band ein ambivalentes Bild – das sich aber als Puzzlestein zu dem erhofften umfassenden Werk über die Zeit 1789-1889 dann ergänzen könnte, wenn die Herausgeber beim bisher Erreichten ansetzen und gleich weiterarbeiten. Das bleibt in jedem Fall zu hoffen! Und dann bitte mit Gesamtregister.