Ausstellungsbesprechungen

Zwischen Traum und Reportage: Künstler der Neuen Sachlichkeit, Kunstsammlung Jena, bis 23. November 2014

»Brutalität! Klarheit, die wehtut! Zum Einschlafen gibt's genügend Musiken! […] Pinsle, was das Zeug hält – fang die rasende Zeit ein …«, forderte George Grosz (1893-1959) einst von seinen Zeitgenossen. Was da alles an provokativen, nüchternen und magischen Eindrücken auf Leinwand und Papier kam, kann man sich aktuell in Jena ansehen. Und auch noch die ein oder andere Entdeckung machen. Rowena Fuß weiß mehr.

Der erste Weltkrieg ist hundert Jahre nach seinem Beginn in aller Ohren, Augen und Münder. Damals wie heute dominieren Otto Dix’ schonungslose Darstellungen von Versehrten. Diesen Faden weiterzuspinnen, hat die Jenaer Ausstellung abgelehnt. Stattdessen widmet man sich einer Kunstrichtung, die auf die Verheerungen sowie politischen und sozialen Erschütterungen des Kriegs reagierte: die Neue Sachlichkeit.

Bis ins Groteske übersteigert präsentiert sich eine Bauernfamilie in der aquarellierten Lithografie von Georg Scholz. Sie zeigt schön nebeneinander sortiert Mutter, Vater und Kind. Eigentlich ganz idyllisch, möchte man meinen. Aber das stimmt nicht. Der genaue Blick zeigt ein degeneriertes Kind mit knollenförmigem Kopf und zur Fratze verzerrten Gesichtszügen. Darüber erhebt sich der gestrenge Vater mit Monokel im Auge und Bibel in der Hand – ein Quadratschädel, wie er im Buche steht. Zuletzt die Mutter, der etwas Männlich-Kantiges anhaftet. Sie hält statt einem Säugling ein Schweinchen im Arm. Es ist das Zerrbild einer traditionellen Familie. Die nächste Generation ist verloren, die Aussicht auf Wohlstand eher mager.

Letzteres thematisiert Scholz auch nocheinmal deutlicher in seiner Druckgrafik »Zeitungsträger« (etwa 1921). Dem fetten Kapitalisten in seinem Automobil, der fröhlich grüßend vorbeiflitzt, haben zwei hagere Zeitungsverkäufer nichts mitzuteilen. Mit einem stumpfen Gesichtsausdruck gehen sie ihrer Wege. Scholz steht wie Grosz für eine harte Kapitalismuskritik, die aus ihrer linken Gesinnung erwuchs. Beide engagierten sich nach dem Krieg in der KPD.

Es brodelte in der Weimarer Republik. Und die neusachlichen Künstler hielten die geistige Verfassung des jungen Staates fest. Mit 150 Werken von 50 Malern und Grafikern präsentiert die Schau das ganze Panorama der Zeit: Veristen, Klassizisten und magische Realisten.

Nicht alle prangerten die widrigen Umstände (Aufstände, soziale Not, Inflation, Arbeitslosigkeit) an, einige flüchteten vor der Wirklichkeit. So ist etwa Max Radlers Bild einer Lokomotive im Bahnhof fast beschaulich zu nennen, wäre da nicht die Leere, die es kennzeichnet. Auf dem Bahnsteig steht nur eine Person und durch die gewählte Fluchtperspektive wird die Lok als Motor der Industrialisierung und des Fortschritts in die Ferne gerückt. Ja, dieser erscheint gänzlich perdu. Noch mystischer ist das in einer Sichtachse im nachfolgenden Raum gehängte »Siel bei Petershörn« (1929) von Franz Radziwill. Gleich den Böcklinschen Landschaften dräut hier das Unheimliche. Wuchtig erhebt sich im Mittelgrund ein Deich. Wie eine Wand stellt er sich vor das kleine lichte Schiff, das den Weg durch ein Siel sucht. Ein dunkler, suggestiver Himmel überschattet die Szene. – Deutet sich hier etwa schon die Herrschaft der Nazis mit ihren Schrecken an?

Wie Kurator Erik Stephan sagte, liegt der Fokus der Ausstellung auf Dix und seinen Schülern, die er während seiner fünfjährigen Lehrtätigkeit an der Dresdner Akademie ausbildete. Obwohl eine gewisse Nähe zum Werk des Meisters sichtbar ist, fehlt ihnen jedoch oftmals deren Zynismus. So zeigt ein Halbakt von Hainz Haimisch die abgebildete Frau zwar mit Hängebusen und Glubschaugen, doch steht hier nicht das Karikatureske im Vordergrund. Es geht vielmehr um die nüchterne, wenn auch abgehobene, Wiedergabe des Gesehenen.

Zu entdecken sind Namen, die im bisherigen Kunstgeschehen noch wenig »verbraucht« sind, so Stephan. Viele Künstler der Neuen Sachlichkeit verschwanden zudem nach dem Zweiten Weltkrieg. Gründe sind zum einen ihre politischen Ansichten, die sie ins Konzentrationslager oder Gulag brachten (zu nennen ist hier Erich Borchert). Zum anderen wurden viele Ateliers ausgebombt, so dass nichts mehr da war, an das man hätte anknüpfen können.

Zu den Vergessenen zählt Franz Lenk. Plastischer als die Realität malte er 1927 ein Stillleben mit Kartoffeln, einer Zwiebel, einer Eierschale, einer Tasse mit Strohmuster und einer Schnapsflasche. Ein Zeichen der Resignation? Nicht unbedingt. Würde man ein Sinnbild für die Künstler der Neuen Sachlichkeit suchen, fände man es in der Kakteenlandschaft von Otto Schön. In seinem Stillleben von 1930 hat der gebürtige Suhler längliche, dicke, haarige und glatte Exemplare vor ein paar Goldlackpflanzen platziert. Sie blühen und gedeihen in ihrer Nische.