Buchrezensionen

Sandy Nairne: Die leere Wand. Museumsdiebstahl. Der Fall der zwei Turner-Bilder, Piet Meyer Verlag 2013

In der Nacht auf den 29. Juli 1994 werden in der Frankfurter Schirn Kunsthalle auf dreiste Weise drei Bilder entwendet: ein Caspar David Friedrich- und zwei Turner-Gemälde. Damit beginnt einer der spannendsten Kunst- und Museumskrimi der letzten zwei Jahrzehnte. Julia Gartner hat sich eingelesen.

Im Zentrum von Nairnes Buch steht der Diebstahl der Turner-Gemälde, die, als Leihgaben der Tate Gallery, in der Schirn ausgestellt waren. Im ersten von zwei großen Abschnitten, in die das Buch gegliedert ist, schildert Nairne – zur Zeit des Diebstahls Mitglied des Führungsteams der Tate Gallery – das Verschwinden und die darauffolgende beschwerliche Wiederbeschaffung der beiden wertvollen Werke. Dieser konkrete, mit Insiderinformationen gespickte Tatsachenbericht dient dem Autor als Grundlage für die im zweiten Kapitel anschließende, weit gefasste Auseinandersetzung mit dem Thema Kunstraub. Er versucht jenem Phänomen und der davon ausgehenden Faszination auf unterschiedlichen Ebenen zu begegnen. Das Buch ist so als ein Überblickswerk konzipiert, in dem das Problem des Kunstdiebstahls, basierend auf einem konkreten Fall, sowohl im Hinblick auf rechtliche Hintergründe, historische Fälle und Tatsachenberichte wie auch literarische und filmische Auseinandersetzungen behandelt wird.

Obwohl der Ausgang der Geschichte im Grunde von Beginn an klar ist, gelingt Nairne im ersten Teil des Buches eine packende Dokumentation der Ereignisse. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die Beschreibung der Hauptfiguren, des Ermittlers und seines Informanten, die in ihren Rollen als Held und Antiheld ebenso aus einem fiktiven Krimi stammen könnten. Dazu wird die Handlung minutiös nicht nur objektiv und sachlich sondern auch emotional geschildert. Während dieser sehr persönliche Tatsachenbericht insgesamt zum Aufbau der Spannung beiträgt, übertreibt der Autor den Detailreichtum von Zeit zu Zeit und unterbricht so mitunter den Erzählverlauf. Ähnliches gilt für die Fülle an wörtlichen Zitaten beteiligter Personen, die zwar den Berichtcharakter verstärken, dem Lesefluss allerdings nicht unbedingt dienlich sind.

In der darauffolgenden Abhandlung beleuchtet Nairne den Museumsdiebstahl aus unterschiedlichen Perspektiven. Während die ersten beiden Kapitel zu ethischen Fragen und geschichtlichen Aspekten den vorangehenden Tatsachenbericht logisch ergänzen, erscheint das Kapitel zur Fiktion – Kunstraub in Literatur und Film – eher unpassend und oberflächlich. Die Beschränkung auf eine tiefer gehende Diskussion einiger weniger literarischer oder filmischer Beispiele ohne den Anspruch auf Vollständigkeit wäre hier wünschenswert gewesen.

Trotz einer gewissen Detailverliebtheit in beiden Teilen des Buches, die im Falle der rechtlichen Hintergründe zum Verständnis allerdings durchaus notwendig ist, liefert Nairne insgesamt eine spannende Dokumentation der Wiederbeschaffung der beiden Gemälde. Zusammen mit der anschließenden umfassenden Aufarbeitung des Phänomens Kunstraub ist die Lektüre von Nairnes Publikation wohl besonders jenen zu empfehlen, die an einer weit gefassten Einführung in das Thema Museumsdiebstahl interessiert sind.