Ausstellungsbesprechungen

„André Lützen – Before Elvis there was nothing“ und „Markus Altmann – Mojave. High Desert Crossings“ Parallelausstellung in der Robert Morat Galerie in Hamburg

Vom 11. Juli bis zum 15. August 2009 präsentiert die Robert Morat Galerie in Hamburg in der Parallelausstellung „Before Elvis there was nothing“ und „Mojave. High Desert Crossings“ die photographischen Arbeiten von André Lützen (*1963) und Markus Altmann (*1972). Im Zentrum beider Photographen steht Amerika, das uns in Form atmosphärisch angereicherter Dokumentarphotographien über den „American way of life“ im unverwechselbaren Stil Lützens oder als bühnenartig inszenierte, großformatige Landschaftsstudien Altmanns begegnet, der die Relikte des „American Dream“ behutsam abklopft und dessen gegenwärtige Bedeutung hinterfragt.

Before Elvis there was nothing

André Lützen, der an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und am International Center of Photography in New York studierte und gegenwärtig eine Gastprofessur an der Folkwang Schule in Essen inne hat, präsentierte seine Werke in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. in New York, Marseille und Hamburg, wo ihm 2005 die Hamburger Kunsthalle eine Einzelausstellung unter dem Titel „Loch im Kopf“ widmete.

50 Jahre nach Robert Franks „The Americans“, das eine ganze Zivilisation in innovativem Stil dokumentierte, begibt sich nun André Lützen auf eine Reise durch den Alltag der Amerikaner, die uns vom Colorado bis zum Mississippi und von der Wüste in die Subtropen führt. In seiner Serie „Before Elvis there was nothing“ erkennen wir rasch den eigenen, unverwechselbaren Stil seiner Dokumentarphotographien, die von Atmosphäre und Dynamik leben und zugleich Aspekte selbstgewählter Einsamkeit abbilden. Und so sind seine Arbeiten von einem Spannungsverhältnis zwischen poetischer Ruhe und zielloser Rastlosigkeit, zwischen klar konturierten und weichen Bildausschnitten, zwischen Augenblicklichkeit und Zeitlosigkeit der Aufnahmen geprägt. Nicht zuletzt werden Lützens Photographien zu Zeugen der Verlorenheit, Einsamkeit und hinterfragen nicht nur die Klischees des amerikanischen Traums, sondern spüren zugleich jene versteckten Sehnsüchte auf.

Und so begegnet uns bei „Freeway, Arizona“ eine Reklametafel, auf der für ein Kasino geworben wird, wobei man schon versucht ist, zu sagen: „Na typisch amerikanisch, jetzt muss Gott auch noch für eine Spielhölle herhalten.“ Denn das Wort „God“ prangt in riesigen Lettern auf der amerikanischen Flagge, die sich unter dem Namen des Kasinos befindet. Oberhalb eines betonierten Parkplatzes thronend, auf dem sich nur ein verlassener Bus befindet, erscheint dieses riesige Werbemittel sehr einsam, verlassen und unbeachtet im sandigen Nirgendwo. Nachdenklich, vielleicht auch etwas gelangweilt oder verträumt scheint die Afroamerikanerin in „Graceland Tennessee“. Interessant bei dieser Aufnahme ist primär das Wechselspiel zwischen hellen und dunklen Partien, das mit der dunklen Hautfarbe der Frau und ihren dunklen Haaren, der weißen Bluse und dem schwarzen Rock beginnt und in der sie umgebenden Architektur – ein Empfangsbereich – kontrastreich fortgeführt wird.

Mit spielerischer Leichtigkeit begegnet uns die Arbeit „Payson, Arizona“: Ein weißer Cowboyhut im Vordergrund, der von einem Mann mit einem rosafarbenen Hemd im Hintergrund gehalten wird. Während der Hut klar umrissen ist, kann die Person durch die räumliche Distanz nur verschwommen wahrgenommen werden und doch fügen sich beide Bildelemente harmonisch zusammen. Wenngleich wir wissen, dass der Hut keinesfalls auf dem Kopf des Mannes sitzen kann, so lässt die Photographie diese Option bei erster Betrachtung offen. Durch Verbindung von surrealen Bildelementen und jener Banalität des Alltäglichen, von Zufall und bewusster Inszenierung gelingt André Lützen eine ästhetisch wirkungsvolle Arbeit, die zum längeren Verweilen und Nachdenken animiert.

Mojave. High Desert Crossings

Markus Altmann studierte an er UC Berkeley und an der Fachhochschule Bielefeld, lebt und arbeitet in Berlin. Wie André Lützen begibt auch er sich mit seiner photographischen Serie „Mojave“, die den Untertitel „High Desert Crossings“ trägt, auf eine Reise durch die USA, beschränkt sich aber auf das Gebiet der Mojave Wüste, die sich von Los Angeles über Las Vegas hinaus erstreckt und von den Einheimischen auch „High Desert“ genannt wird. Ganz im Gegensatz zu den verdichteten Dokumentarphotographien von Lützen allerdings, wirken Altmanns großformatige Landschaftsstudien bühnenartig inszeniert und die wenigen Menschen, die in dieser Szenerie nur aus der Distanz aufgenommen wurden, muten wie Statisten eines Films an.

Da die Mojave Wüste von Bergbau, militärischer Nutzung und Flugzeugindustrie geprägt ist, tauchen deren Versatzstücke in den einzelnen Arbeiten des Photographen immer wieder auf, wie etwa bei „Readiness Street“. Hier dominiert in der unteren Bildhälfte Asphalt, der von Räderspuren überzogen ist. Darüber erheben sich in Staubwolken gehüllte Flugzeuge, die in ihrer beinahe majestätischen Erscheinung einen unwirklichen Charakter erhalten.

Ein weiteres Werk Altmanns, das mir ins Auge springt, ist „East Avenue“. Hier bekommen wir erneut eine große Asphaltfläche vorgeführt, wobei unser Augenmerk zugleich auf einen Reiter gelenkt wird, dessen Hand wie beim Telefonieren zum Ohr geführt ist. Entspannt reitet er am Straßenrand und lässt die Weite der Wüste – zumindest im hiesigen Bildausschnitt – hinter sich. Altmanns Wüstendurchquerungen sind eine beobachtungswache Reise entlang der Spuren des Amerikanischen Traums und dem, was davon übrig geblieben ist.

Indem André Lützen und Markus Altmann sich an den Klischees der Amerikaner entlang tasten, niemals aber mit ihren Werken zum bloßen Klischee herabsinken, können sie vielschichtige, nachdenklich stimmende, geistreiche und vor allem ästhetische Arbeiten hervorbringen, die hier in der Robert Morat Galerie einen würdigen Rahmen gefunden haben. In diesem Sinne kann ich bei einem Hamburgbesuch den Abstecher in die Kleine Reichenstraße 1 absolut empfehlen!