Buchrezensionen

Annette Kranen: Historische Topographien. Bilder europäischer Reisender im Osmanischen Reich um 1700. Wilhelm Fink Verlag

Reisen in den alten Orient – schon der Titel evoziert poetische und phantastische Bilder im Kopf. Die überarbeitete Dissertation von Annette Kranen blickt indes tiefer. Wie gestaltete sich die Begegnung mit dem Fremden, wie manifestierte sie sich mit den visuellen Medien der Zeit? Ulrike Schuster hat sich mit dem Buch auf eine innere Reise begeben.

Cover © Wilhelm Fink Verlag.jpg
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 Das 17. Jahrhundert verfügte bereits über eine lange Tradition der Reiseliteratur. Waren es Anfangs die Pilgerinternarien aus dem Heiligen Land, weitete sich das Interesse bald schon aus auf die berühmten Stätten der Antike. Reiseberichte etablierten sich als eigenständiges Genre und fanden in ganz Europa ein aufnahmebereites Publikum. Doch nicht nur die zu Hause gebliebenen schwelgten gerne in bildreichen Chroniken, auch die Reisenden selbst machten davon ausgiebig Gebrauch. Wer sich in die Fremde begab – der unbekannte Teil der Welt begann bereits auf den ägäischen Inseln, der Großteil der Exkursionen bewegte sich im östlichen Mittelmeerraum – führte in der Regel passende Begleitlektüre mit sich und folgte der Spur der Vorgänger. Man wanderte auf deren Routen, suchte dieselben Sehenswürdigkeiten auf und fügte seinerseits Anmerkungen und neue Informationen hinzu. Annette Kranen spricht in diesem Zusammenhang von einer Lineage beziehungsweise Genealogie: Reisende lasen Reiseberichte, um Orte zu erschließen, der Rückgriff auf ältere Beschreibungen verlieh den eigenen Schriftwerken zusätzliche Qualität und Glaubwürdigkeit.

Noch komplexer gestaltet sich das Verhältnis zwischen Bildmaterial und seiner medialen Aufbereitung in den Publikationen. Die vor Ort angefertigten Skizzen und Aufzeichnungen durchliefen einen mehrstufigen Prozess der Transformation, woran etliche Mittelspersonen beteiligt waren. Versierte Künstler übernahmen die Aufbereitung von der Skizze zur Reinzeichnung, die wiederum ein Stecher in Druck umsetzte. Häufig bediente man sich zudem an älteren, bereits veröffentlichten Grafiken – dieses Phänomen ist übrigens auch im Falle von europäischen Stadtansichten aus der frühen Neuzeit wohl bekannt. Wie in der stillen Post wanderten Bilddokumente von Publikation zu Publikation, manchmal waren es auch nur bestimmte Details, die man in ein neues Gesamtarrangement übernahm. Selbst die Vorbilder für exotische Landestrachten wurden aus Kostümbüchern entnommen, die bereits rege zirkulierten. So war der Blick in die Welt des Orients von Anfang an ein durch die Medien gefilterter.

Nichtsdestotrotz drangen im Laufe des 17. und 18. Jahrhundert zunehmend Fernreisende in die Terra incognita des Osmanischen Reiches vor. Sie erkundeten Territorien, die ihnen fremd waren und zugleich durch eine gemeinsame Vergangenheit verbunden, betrachtete man die klassische Antike doch als das eigene, mit der europäischen Kulturgeschichte verknüpfte Erbe. So begaben sich viele Forscher, lange vor Heinrich Schliemann, auf die Suche nach Homers Troja und man vermutete sogar, dass Überreste der legendären Stadt den Weg nach Konstantinopel gefunden hätten. Diese Expeditionen waren nicht frei von politischer Brisanz. Ging es nicht immer auch ein Stück weit um die heimliche Aneignung?

Tatsächlich verfolgte die Politik Ludwigs XIV. militärische Gedankenspiele zur Rück– respektive der Eroberung osmanischer Territorien. Seit jeher war die Beherrschung der Handelsstrassen Teil der maritimen Machtpolitik. Eine französische Publikation aus dieser Zeit kompiliert beispielsweise die Ansichten klassisch–antiker Ruinen und die Prospekte türkischer Festungswerke. Ihr Titel lautet, verblüffend freimütig: Verzeichnis der Orte, die die muslimischen Fürsten an den Küsten des Mittelmeers besitzen, und von denen im Auftrag des Königs Pläne angefertigt wurden, bei einer Gelegenheit einer Visite der Handelsstützpunkte in der Levante, die seine Majestät in den Jahren 1685, 1686 und 1687 hat durchführen lassen, mit dem Vorhaben, dort eine Invasion zu unternehmen und sich zum Herrscher über sie zu machen.
Auch auf dem Gebiet der Kartographie wurden beträchtliche Anstrengungen unternommen. Noch allerdings war das Reich am Bosporus ein großer und mächtiger Gegner.
Auffällig ist, dass der lokalen Bevölkerung vor Ort in den Reiseschilderungen lediglich eine Statistenrolle zukam. Man warf den Einheimischen vor, sie würden aus Unwissenheit oder Schlamperei die Zeugnisse des Altertums dem Verfall preisgeben – ihre Hilfe als Wegbegleiter, Übersetzer, Vermittler und Ansprechpartner nahm man dennoch gerne in Anspruch.

Lampenwärter an der Hagia Sophia schmuggelten den französischen Architekturzeichner Guillaume Joseph Grelot in das Innere des Gebäudes, dessen Zutritt den Nicht–Muslimen eigentlich streng untersagt war. Er versteckte sich dort mehrere Tage lang und fertigte atemberaubende Innenansichten der Kuppelgewölbe an. Bilder, die in ganz Europa einen großen Nachhall fanden! So hat Fischer von Erlach in seinem Entwurff einer historischen Architektur auf die Illustrationen Grelots zurückgegriffen.

Die zeichnerische Aufnahme von Landschaften und Monumenten entsprach in der Regel einem Idealszenario. Bauwerke zeigte man vorzugsweise aus ihrer Umgebung losgelöst, frei von späteren Anbauten oder »störendem Beiwerk«. Dabei war das Verhalten der Orientreisenden an den archäologischen Fundstätten selbst auch nicht gerade vorbildhaft – die symbolische Inbesitznahme der untersuchten Orte fand ihren Niederschlag beispielsweise darin, dass Forscher ihre Namen in Ruinen eingravierten, Stücke aus Statuen meißelten um sie als Souvenirs mitzunehmen, bewegliche Bildwerke wurden gleich zur Gänze abtransportiert. Der Grund: Der Handel mit Antiquitäten nahm während des 17. und 18. Jahrhunderts einen regen Aufschwung und wurde zu einem profitablen Geschäft, dass auch so manche Orientreisenden für sich zu nutzen wussten.

Annette Kranen es geht um eine Annäherung an die Sichtweisen des 17. Jahrhunderts, was sowohl die Verfasser von Reisebeschreibungen betrifft, als auch das zeitgenössische Publikum und seine Erwartungshaltung, die man publizistisch bediente. Akribisch seziert sie Darstellungen des Orients in Bild und Text, sie spürt zeittypischen Motiven nach und den gängigen Narrativen. Es wäre nämlich ein fataler Irrtum zu meinen, dass Illustrationen aus der Hand der frühen Orientreisenden eine ungefilterte Wirklichkeit damaliger Verhältnisse reproduzierten. Wie in vielen anderen Bereichen der frühen Neuzeit, folgte man bei der Umsetzung gerne populären Topoi und gängiger Bildrhetorik. Diese bilden den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.
Vor allem aber nimmt sich die Autorin Zeit für ihre Darlegungen und das profunde Auslesen der Subtexte der zeitgenössischen Bildsprache. Oft sind es gerade die scheinbar nebensächlichen Details, die Vignette oder das Portrait des Forschers auf dem Frontispiz, kleine Mitteilungen in den Bildlegenden, die viel Aufschlussreiches über die zeitgenössische Wahrnehmung offenbaren: Der Blick des westlichen Beobachters auf den Orient war und ist zugleich immer ein Spiegel des europäischen Selbstverständnisses.


Annette Kranen, Historische Topographien. Bilder europäischer Reisender im Osmanischen Reich um 1700
BRILL | Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2020
384 S., 154 s/w Abb., 8 Farbabb., 3 Falttafeln

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