Buchrezensionen, Rezensionen

Barbara Vinken/Annie Goodner: Catrine Val - FEM!NIST, Kehrer 2012

Schrill, grell und skurril kommt der Protestschrei gegen das von den Medien gezeichnete Frauenbild und Weiblichkeitsideal daher. Die Fotokünstlerin Catrine Val setzt in ihrem neuen Fotoband Akzente, über die man nicht hinwegsehen kann. Yi-Ji Lu hat sich den Band für Sie angesehen.

Die Fotografie der 1970 in Kassel geborenen Künstlerin Catrine Val beschäftigte sich schon seit jeher mit dem Frauenbild der Medien. Als Maskenbildnerin und Make-up-Artistin hat die Absolventin der Kasseler Kunsthochschule und Kölner Kunsthochschule für Medien oft genug hinter die bunte Glitzerfassade der Medienwelt geblickt. Bereits in früheren Fotoinstallationen oder Fotoserien stellte sie die bekannten Modefotografien Claudia Schiffers und Cindy Crawfords aus dem Hause Versace satirisch nach. Der Fotoband mit dem programmatischen Titel »FEM!NIST« führt die Entzauberung des Modekosmos in radikaler Weise fort.

In 78 schrillen und bizarren Selbstporträts inszeniert sich Catrine Val immer wieder neu – eine Hommage an die Selbstporträts Claude Cahuns und Cindy Shermans. Mit ausdrucksstarken Kostümen, Verkleidungen und Masken verwandelt sich die Künstlerin ständig an der Grenze zur Selbstverzerrung, wobei jegliche Authentizität wie auch Identität abgelegt werden. Ihr Körper gerät zu einer Schablone, Val wird zu einer Puppe für ihre Figuren, die seltsame Assoziationen an die Glanzlichter der Popkultur wie David Bowie und Elvis Presley wecken.

Die Fotografie ist für die Künstlerin kein mimetisches Medium, sondern eines der Verstellung. Sie dient einer schrillbunten Kampfansage an den Narzissmus und Selbstdarstellungskult der heutigen Zeit, die die Modewelt vormacht und ihren Konsumenten aufzwingt. Die Auswahl der Kleider und des Inventars bricht radikal mit der gegenwärtigen Mode, denn die Masken, Perücken und Kostüme wirken seltsam verschoben, wie auch Barbara Vinken im abgedruckten Essay sagt: »Kleider werden hier radikal antimodisch getragen [...] Sie sind nicht wie die Moden im Moment ihrer Herrschaft schön, sondern „von gestern“ [...]. Sie liegen genau vor dem Moment, in dem man die Mode von gestern vergessen hat und sie deswegen zum letzten Schrei recycelt werden kann oder als vintage zum absoluten Trend avanciert.«

Die oftmals zu kleine oder zu große Kleidung wirkt wie ein Fremdkörper für die Frau, die mehr einer surrealen Puppe als einem Menschen gleicht. Dem abgelichteten weiblichen Körper wurde alles Individuelle entzogen. Die Blicke der Figuren sind seelenlos, wenn Val sie in bezugslosen oder von Kitsch überbordenden Landschaften wie Sperrmüll zwischen Gerümpel oder in überfrachteten Szenerien platziert. So steht in einer Fotografie die Künstlerin inmitten einer idyllischen Seenlandschaft. Eine Anlehnung an die Venus in Watteaus »Einschiffung nach Kythera« ist hier nicht zu verkennen, doch spiegelt die Frau nun nicht mehr die Harmonie und Schönheit der Natur wider, sondern bricht mit dieser, indem sie in ihrer unpassend zusammengewürftelten Kleidung verlegen zu Boden blickt und unerklärlich verloren wirkt.

Eine düster blickende Frau im Pünktchenkleid und mit Handtasche im Indianerstil neben Höhlenmenschen am erloschenen Lagerfeuer; eine im knappen Minirock breitbeinig am Zaun eines Dinosaurierparks posierende Frau mit wehenden Locken; eine auf der Straße vor einem Kino sitzende Ballerina mit verzweifeltem Blick und merkwürdigem Kopfdekor aus Aluminiumfolie, welcher offenbar auf Hugh Hefners Playmates anspielen soll – die in »FEM!NIST« abgedruckten Ablichtungen sind keine fein polierten und nachbearbeiten Fotos samtweicher Frauenkörper mit perfekt symmetrischen Gesichtern. In mal exotischen, mal alltäglichen Szenarien entlarvt Val nicht nur die Erwartungen an die erotisierend dargestellten Frauenkörper, sondern zieht sie vielmehr ins Groteske. Die Figuren bedienen zwar gängigen lasziven und aufreizenden Posen, sie verkommen jedoch zu Schablonen für das Bizarre und das Surrealistische. Paradoxerweise erzeugt der Fotoband damit eine gewisse Glaubwürdigkeit – denn ist es nicht gerade die Konstruktion des Künstlichen, die eine Künstlichkeit des Konstruierten in der Modewelt offen legt? Catrine Vals Fotoband beschwert sich in postfeministischer Tradition lautstark über die Akzeptanz der Weiblichkeit als Ware.

Die gute Haptik des Fotobandes vermag durchaus die etwas ambivalente Übersetzung – die abgedruckten Essays fallen einerseits sehr poetisch aus, andererseits seltsam hölzern – zu kompensieren. Alles in allem ist »FEMINIST« jedoch ein überaus spannender Fotoband, der wohl gerade wegen seiner Absonderlichkeiten auf eindrückliche Weise zum Nachdenken anregt.