Kataloge, Rezensionen

C. Sylvia Weber (Hrsg.): Mexicanidad. Frida Kahlo – Diego Rivera – Rufino Tamayo – Francisco Toledo – Adolfo Riestra, Swiridoff 2012

Was wissen Sie über die mexikanische Kunst des 20. Jahrhunderts? Sofort denkt man an die ausdrucksstarken Selbstporträts von Frida Kahlo mit Damenbart und zusammengewachsenen Augenbrauen. Vielleicht fällt einem noch Diego Rivera ein, der Ehemann der Kahlo. Aber dann wird es schwieriger. Wer seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen möchte, der lese den Ausstellungskatalog »Mexicanidad«, wie unsere Autor Günter Baumann.

Der Schmerz als Gefangener des Körpers wiegt schwer. In der Rückblende auf die Ausstellung »Mexicanidad« in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall hat sich die Erinnerung an eine Frida-Kahlo-Schau eingenistet. Und wer pilgerte nicht hin, um gerade das Werk dieser Malerin zu sehen? Würde man sich den Spaß machen und eine Hitliste führen, um die bekanntesten Künstlerinnen zu ermitteln, wäre Kahlo wohl ranggleich neben Paula Modersohn-Becker auf den ersten Plätzen zu finden, allemal unter den Top Ten. Angesichts der »totalen Ichbezogenheit« – so Simone Iris Riehle-Unkelbach in ihrem Katalogbeitrag zur »heilenden Wirkung von Kunst im Selbstbildnis Frida Kahlos« – , die sich viel unerbittlicher, quälender in unser Bewusstsein drängt, als es die mit Ausnahmen eher distanzierte Selbstvergewisserung bei Modersohn-Becker je könnte, verwundert dies. Kahlos Lebensthema, ein Sud aus körperlichem Schmerz, seelischer Gefangenschaft und vergeblicher Selbsttherapie ist schwer erträglich – und doch oder gerade deshalb so eindringlich, dass wir ihre Bilder nicht mehr aus dem Kopf kriegen.

Der Katalogband zur Ausstellung, die immerhin eine Handvoll mexikanischer Künstler vorstellte, macht uns im Nachhinein klar, was man objektiv betrachtet vor Augen hatte. Selbst das Werk Frida Kahlos, das im wesentlichen eine Befindlichkeitsdokumentation ist, die selten genug – vielleicht nur in diesem Fall – große Kunst ist oder auch nur sein will, steht im Kontext einer speziellen Nationalkunst, die unter der Bezeichnung Mexicanidad bekannt ist. Der politisch engagierte Romancier und Theaterautor Carlos Fuentes stellt in seiner Einführung – eine seiner letzten Publikationen vor seinem Tod im Mai 2012 – einfühlsam die Weichen einer von der Revolution geprägten Kunst, in der das Schaffen der Kahlo eher eine kleine Nische darstellt. »Frida Kahlo«, so Fuentes, »schuf ein Werk von begrenztem Umfang – nicht mehr als 50 oder 60 Gemälde sind es, auf denen sie sich selbst doppelt, als Tier, Kranke, Volkstümliche, als einen bloßen Gedanken in Riveras Geist, … eine Erfindung ihrer eigenen Vorstellungswelt oder als einen schimmernden Faden in der Verbindung alles Lebendigen darstellt«. Im psychoanalytischen Zusammenhang ist Fuentes mit André Breton eins, dass Frida Kahlo unwissentlich Surrealistin war, wenn auch hier in einer Sonderstellung, die Fuentes nicht begrifflich, aber dem Sinn nach als eine Art »Sous-Realismus« kennzeichnet: »Ihre Wirklichkeit befand sich unterhalb aller sichtbaren Dinge«. Soweit der Sonderfall. Die Ausstellung zeigte aber auch ein anderes Bild Frida Kahlos, was beim Nachblättern des Katalogs deutlich wird: Die Malerin der eigenen Seelenqualen war eine begnadete, nahezu neusachliche Porträtistin (nicht nur ihrer selbst), und auch ihre Stillleben mit dezenten mexikanischen Reminiszenzen sind beachtlich.

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Doch bietet der prall voll bebilderte Katalog mehr. So eindrucksvoll das Werk Frida Kahlos ist, so oft wurde es bereits in greifbaren Ausgaben publiziert, inklusive eines hinreißenden Faksimiles ihrer halbkryptischen Tagebuchaufzeichnungen. Viel schwieriger ist es, an gutes Bildmaterial der anderen Maler aus der Würth-Ausstellung zu kommen. Selbst Diego Rivera, Kahlos untreuer Lebensgefährte, ist hierzulande relativ unbekannt, gemessen an seiner Bedeutung, gehört er doch zu den Hauptvertretern der sogenannten Muralisten. Dessen revolutionärer Geist mag manchem in Europa suspekt sein, und menschlich – insbesondere auch im Umgang mit seiner Frau – war er sicher kein ehrenwerter Mensch, sogar als stolz-erhabener Macho machte er kaum eine gute Figur… Doch als Künstler war er genial, als Zeichner wie als Maler. Der Katalog erlaubt einen kleinen Einblick in die Entwicklung Riveras vom Kubismus bis hin zu einem politischen Symbolismus (auch mit schwächeren Arbeiten). Die anderen drei Maler gilt es sogar zu entdecken: Rufino Tamayo, Francisco Toledo und Adolfo Riestra.

Die farbpoetischen Fantasmagorien Tamayos loten die Position des Menschen im kosmischen Gefüge aus – mal in einer prickelnden Spannung von formaler Härte und malerischer Weichheit, mal in einer Klee-haften Fantasie und zuweilen mit einem art-brut-artigen Witz. Das plastische, grafische und keramische Werk Francisco Toledos ist – obwohl es Motive aus der Tierwelt sucht – erfrischend narrativ gehalten. Als Grundlagen dienen ihm für sein erdwarm-farbiges Bestiarium Texte des Jahrhundertautors Jorge Luis Borges. Dagegen ist die Bildsprache von Adolfo Riestra stark abstrahiert oder betont plakativ. Seine Plastiken verbinden archaische und zeitgenössische Elemente – und er findet dabei eine ganz eigene Formensprache. Die Faszination, die allen Künstlern entgegen wogt, hat Carlos Fuentes aus dem Mixtum vorspanischer bzw. mittelamerikanischer sowie europäischer Sichtweisen hergeleitet und das Ergebnis charakterisiert als »alltäglich, brutal und engelsgleich, furchtsam und unschuldig, anheimelnd und befremdend«. Dies wird in dem Katalog in aller Klarheit verewigt.