Buchrezensionen, Rezensionen

Cornelia Wieg (Hg.): Mysterium Leib. Berlinde de Bruyckere im Dialog mit Cranach und Pasolini, Hirmer Verlag 2011

Mit »Mysterium Leib« legt der Hirmer Verlag eine im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehende Publikation vor. Die von De Bruyckere geschaffenen wächsernen Körper sind fragmentiert und in irritierender Weise neu zusammengeformt. In Wort und Bild geht der vorliegende Band den Entwicklungen der fremdartigen, zutiefst erschütternden skulpturalen Leiber sowie dem Einfluss durch Cranach und Pasolini nach und bietet interdisziplinäre, spannende Erklärungsversuche. Verena Paul hat das Buch mit Begeisterung gelesen.

Es hätte bei der vorliegenden Publikation wohl keinen besseren Einstieg als den des Künstlergesprächs geben können. Hans Theys befragt darin Berlinde De Bruyckere »Über Zweifel und Offenheit, Lucas Cranach den Älteren und die Farben Rot und Grün« und gewährt dem Leser Einblick in ein komplexes künstlerisches Schaffen. Obwohl De Bruyckeres Œuvre aufgrund seines drastischen Ausdrucks und der zivilisationskritischen Themen für den Betrachter nicht einfach zugänglich ist, gelingt es der Künstlerin ihre Arbeiten mit einfachen Worten zu konturieren, sie gleichzeitig enigmatisch erscheinen zu lassen und uns dergestalt auf das Gesamtwerk neugierig zu machen. Eine fachlich kompetente Hilfestellung geben dabei die vier folgenden Beiträge, in denen Kunsthistoriker und Philosophen die Arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Die Herausgeberin Cornelia Wieg etwa erläutert in ihrem wunderbar zu lesenden Essay »Mysterium Leib – der ungewisse Körper« das Entstehen der Skulpturen und gibt spannende Hintergrundinformationen zum Arbeitsprozess. So berichtet sie, dass De Bruyckeres Modelle häufig Tänzer seien, die der Bilderhauerin typische Bewegungsabläufe vorführen, die diese dann »an bestimmten ausdrucksvollen Stellen anhält und abformt«. Die Plastiken fügen sich schließlich aus verschiedenen Teilen dieser Abformungen zusammen und werden mit flüssigem Wachs in mehreren Schichten ausgestrichen. Dabei entwickelt die Bildhauerin durch farbige Wachse eine real anmutende Epidermis, wobei ihr nicht an der detaillierten Wiedergabe des Körpers als Skulptur gelegen ist. Denn sie bricht bewusst die Wachsformen, fragmentiert und addiert sie neu. »Formen verschiedenartiger Wesen – Mensch und Baum, Mensch und Tier, Mensch und Mensch – wachsen zu künstlichen Wesen von gleicher Natur zusammen, deren Körper«, wie die Autorin präzise formuliert, »konzentriert sind auf den Ausdruck des Kreatürlichen«. Darüber hinaus widmet sich Cornelia Wieg dem Einfluss Lucas Cranachs auf De Bruyckere, deren Blick gleichermaßen »den materiellen Körper durchdringt und die spannungsgeladene Bewegung zwischen leiblicher und geistiger Natur des Menschen Bild werden lässt«. Verschwistert sind die Skulpturen der flämischen Künstlerin zudem mit den Figuren des italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolinis und zwar »in der Unnachgiebigkeit in ihrer Suche nach Wahrheit über den Menschen, über das Mysterium von Liebe, Leid und Tod, das Leib und Leben innewohnt, in der Frage nach dem Sinn des Körpers«.

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Eugen Blume zeichnet hingegen in seinem Beitrag »Auf der Suche nach dem verlorenen Gesicht« Parallelen zwischen den kopflosen Leibern De Bruyckeres und dem Johannesleib nach. Denn »[d]iese rätselhafte, aus dem Irresein abgeleitete Spannung der Johannesgeschichte [könne] auf die modernen, einem fortschreitenden atheistischen Materialismus unterworfenen Gesellschaften« bezogen werden, wobei der Autor sich auf Foucaults Aussage über den „Menschen unserer Tage“ bezieht. Besonders treffend charakterisiert Blume De Bruyckeres Skulpturen, wenn er überlegt, dass diese »in einer seltsamen Weise anachronistisch [wirken], was nicht geschichtslos, sondern aus der zählbaren Zeit herausgenommen meint«. Die sich im Gefühl des Anachronistischen artikulierende Ahnung, »dass wir uns des Menschengesichts durch die Aufhebung der Einheit von Wirklichkeit und Idee entledigt haben, […] zeigt die Tiefe an, die sie auszuloten versucht«. Dies sind Sätze, die unterstrichen und bedacht werden möchten, zumal sie die ohnehin nur schwer in Worte zu kleidende Wirkung der Skulpturen treffend erfassen.

Gernot Böhme nähert sich mit seinem informativen Text »Der Schmerzensmann« von philosophischer Seite den Themen Leib, Angst und Schmerz an. Er erläutert sie am Beispiel von Lucas Cranachs Figurendarstellungen. Obgleich auch Cranach, der mit dem griechisch-römischen Schönheitsideal brach und »einen ganz anderen Blick geschaffen« hatte, schöne Formen zeige, so seien diese »eher fließend als fest. Und vor allem: er zeigt jene Weichheit, Offenheit und Verletzlichkeit am weiblichen Körper, die der männlich erotische Blick lieber leugnen oder durch sportlich-kosmetisches Design retuschiert sehen will«, wie der Autor diagnostiziert. Das Entscheidende sei also sein veränderter Blick gewesen, »der aus der Meditation im Anblick des Schmerzensmannes zurückkehrt. Es ist«, heißt es weiter, »das Selbstverständnis des Menschen, der sich in der Bedrängnis befindet. Es ist der liebende Blick, zu dem auch Erbarmen gehört«. Berlinde De Bruyckeres Werke sind in Böhmes Aufsatz nicht Untersuchungsgegenstand, aber durch die Fokussierung auf Cranach, mit dem die Bildhauerin durch gleiche Themen und jene existenziellen Fragen verbunden ist, wird dem Leser auch das Werk der Flämin zusehends verständlicher.

Am stärksten hat mich der abschließende Essay »Leidende Leiber. Berlinde De Bruyckeres und Pier Paolo Pasolinis Körperdarstellungen im Vergleich« von Kathleen Bühler gefesselt. Die tiefreichenden Gemeinsamkeiten der beiden Künstler würden sich, schreibt die Autorin, »am formalen – wenngleich jeweils medienspezifischen – Umgang in der Darstellung menschlicher Körper« zeigen. Es sei »die Unerschrockenheit in der Beschäftigung mit den Nachtseiten menschlicher Existenz: mit der Fähigkeit und der Bereitschaft des Menschen zu töten, Schmerzen zuzufügen, aber auch unermessliches Leid zu erdulden«. Bühler gelingt in einer unglaublich präzisen und zugleich stilistisch gefeilten Sprache die Werke – sowohl De Bruyckeres als auch Pasolinis – zu beschreiben und dem Leser näher zu bringen. Und so bündelt sie auch das Ergebnis ihres Werkvergleichs: »Beide Künstler […] greifen auf kunsthistorische Vorbilder zurück, um ein Vokabular des Leidens zu erstellen. Es ist jedoch die Umsetzung mit tatsächlichen Körpern, die diesen Vorlagen Leben einhaucht, ihre Aktualität als Skandalon bestätigt und damit eine kritische Reflexion heutigen Menschseins eröffnet«.

Neben den leserfreundlichen, klar strukturierten Aufsätzen überzeugt der vorliegende Band nicht zuletzt durch Informationsmaterial, wie den Kurzbiografien der Künstler und Autoren, sowie durch qualitativ hochwertige Abbildungen, die uns einen Eindruck von den besprochenen Werken geben.

Fazit: Eine hervorragende Publikation, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Beschlag nimmt, indem sie ihm die versehrten, zerbrechlichen, verstörend ästhetischen Leiber Berlinde De Bruyckeres in Bild und Text faszinierend leichtfüßig näher bringt. Ein Buch, das ich Liebhabern moderner Skulptur – und allen, die es noch werden möchten – uneingeschränkt empfehlen kann!

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