Buchrezensionen

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten (Aus dem Englischen von Willi Winkler). Unionsverlag

Der Surrealismus begann als gemeinsame Rebellion gegen all jene Mächte, die die Welt in den Krieg geführt hatten. Ein Aufstand auch gegen verlogene Religion, Demagogie, Prüderie und usurpierte Autoritäten. Wie lebten sie wirklich, diese inzwischen so berühmten Künstlerinnen und Künstler? Desmond Morris (*1928), selbst surrealistischer Künstler, berichtet davon in seinem Buch wie kein Zweiter. Melanie Obraz ist in diese unterhaltsame Welt eingetaucht.

Cover @ Unionsverlag
Cover @ Unionsverlag

Desmond Morris stellt zweiunddreißig Künstler vor, die zum sehr weiten Kreis des Surrealismus gezählt werden, solche die sich als Surrealisten bezeichnen und jene, welche sich eher nicht dazu zählen aber dennoch genannt werden.
Mit Eileen Agar (1899–1991), Leonora Carrington (1917–2011), Leonor Fini (1907–1996), Meret Oppenheim (1913–1985) und Dorothea Tanning (1910–2012) berücksichtigt Morris auch die Künstlerinnen der Szene und widmet ihnen jeweils ein Portrait. Der Autor, der mit den von ihm portraitierten Künstlern und Künstlerinnen bekannt und teilweise auch befreundet war, gewährt einen sehr subjektiven Einblick in das Leben der einzelnen Personen. Er brilliert mit der Sichtweise eines Eingeweihten, eines Vertrauten, die sich dem Leser kundtut und aus diesem Grunde auch das Interesse weckt, mehr über diesen extravaganten Künstlerkreis zu erfahren.

Obwohl der Tenor hier nicht auf den kunsthistorischen Aspekten liegt, so erwähnt Morris einleitend doch fünf Kategorien des Surrealismus. Angefangen vom sogenannten »paradoxalen« bis zum »abstrakten« Surrealismus und ebenso auch in Hinblick auf die schaffenden Künstler, die als offizielle surrealistische, zeitweilige, unabhängige oder gar als abgelehnte Künstler dieser Richtung aufzufassen sind, bringt Morris damit das Schillernde und Eigenartige des Surrealismus ins Gespräch. Hiermit verdeutlicht er, dass die Werke als völlig neu verstandene Kunstströmung zu lesen sind, die sich in keiner bekannten Form festsetzt.
Jeder Künstler, jede Künstlerin wird mit einem schwarzweiß Foto und einem farbigen Exponat der schöpferischen Tätigkeit vorgestellt, womit sich dem Leser/der Leserin sogleich eine gewisse Intimität offenbart. Als Beispiel fungiert etwa ein Gemälde von Max Ernst (1891–1976) (Die Einkleidung der Braut, 1940) in welchem er die britisch–mexikanische Künstlerin Leonora Carrington zum Thema macht.

Der Künstler Desmond Morris bezeugt in seinen Erinnerungen nicht nur eine Kunstrichtung, sondern stellt ein Konglomerat für neue Ideen, ein Ausprobieren der Freiheit und zugleich ein Bewahren von Idealen vor. Er zeigt wie engagiert sich die KünstlerInnen gegen all das Schreckliche, Unmenschliche und auch bürgerlich Verkrampfte auflehnten. Obwohl aber alle SurrealistInnen mehr oder weniger dasselbe Ziel verfolgten, arbeitet Morris geschickt die Unterschiede der einzelnen Charaktere heraus.
Doch nicht jede/r der in diesem Buch vorgestellten KünstlerInnen schmückte ihr/sein Leben mit dem Stempel der »Anti–Bürgerlichkeit«. Der englische Bildhauer und Zeichner Henry Moore (1898–1986) wird etwa als sehr bodenständiger Mensch gezeigt, der eher bürgerlich gemessen sein Privatleben führte – ganz im Unterschied zu dem Franzosen Yves Tanguy (1900–1955), der den Alltag leichtlebig und fast frivol genoss.

Aber in allen Werken der SurrealistInnen war der Wille zur unbedingten Freiheit, dem Freisein zentral, der Drang das Unbewusste in das Blickfeld zu rücken sowie Althergebrachtes zu hinterfragen. Sie wollten dem Neuen nicht nur eine Chance geben, sondern es in der Kunstwelt willkommen heißen. Damit verbunden war auch ein neues Verständnis für das SEIN, wie Morris anhand der einzelnen KünstlerInnen festhält.

Auch dabei thematisiert der Surrealist und Autor Desmond Morris sehr geschickt die Frau als Künstlerin, die sich nicht nur mit der Rolle der Muse oder des Modells zufrieden gibt sondern vielmehr eigene Ausdruckswege sucht und – allen Schwierigkeit zum Trotz – diese auch findet. Schnell wird offenbar, dass zwischen Muse und Künstlerin teilweise fließende Übergänge bestehen.
Fast befreit wagten sich die Künstlerinnen in neue Perspektiven, die Verschiedenheit und Übereinstimmungen zwischen den Geschlechtern finden Niederschlag in ihren Arbeiten.
So geht es Leonor Fini darum, die sichtbare Wirklichkeit zu verrücken, die gesellschaftliche und künstlerische Freiheit zu genießen sowie Grenzen bewusst zu überschreiten. Bei vielen SurrealistInnen werden daher Privatleben und Kunst gleichermaßen zu Spiegelbildern der Anarchie. Hier zeigt sich auch eine Wut, die dem scheinbaren konventionellen Stumpfsinn den Kampf ansagt.

Obwohl Morris sehr unterhaltsam erzählt, ist der kulturelle Aufschrei unüberhörbar, inmitten der politischen und tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen
wird der Surrealismus zum Pulverfass.
Die damit einhergehende Utopie und deren neue Ästhetik werden von Morris ebenso farbenreich umschrieben wie große Schicksale, darunter der Fall Arshile Gorky (1904–1948). Der armenisch–stämmige Maler und Zeichner gilt als der letzte, der in die Gruppe der Surrealisten aufgenommen wurde – obwohl er sich selbst gar nicht zugehörig fühlte.
Er schaffte seine Kunst, geleitet von dem drängenden Wunsch, gänzlich aus einer neu erfahrenen Notwendigkeit, aus einem tief empfundenen Gestaltungs– und Ausdrucksbedürfnis heraus.

Eines zeigt sich in dieser Publikation aber überdeutlich: Die KünstlerInnen des Surrealismus brillieren in einer Moderne, die es zuvor so nie geben konnte, obwohl die Weichen bereits lange zuvor gestellt waren.
Morris gewährt so ein Eintauchen in eine andere Welt, wobei die Inspirationsquelle der Surrealisten stets das Leben ist. Ihre Kunst ist Ausdruck einer tief erlebten Innerlichkeit und wird im Wesentlichen von unausgesprochenen Wünschen, inneren Widersprüchen und Visionen vorangetrieben. In ihrer Arbeit steckt schöpferische Energie, Fantasiegewalt und eine Schaffenskraft, verbunden mit unverbrauchter Spontaneität. Ihre Kunst ist nicht nach außen, sondern nach innen gerichtet und spiegelt eine Reise in die verschlungenen Tiefen der Seele.
Die Werke sind durch die ureigene Bildsprache des Daseins geprägt und bezeugen damit eine einzigartige, eigenständige ästhetische Kategorie. Das Privatleben wie auch die Werke der Künstler bekunden oft eine gewissen animalische Vieldeutigkeit.

Fazit: Die Gegenwart bräuchte die SurrealistInnen noch immer.
Morris zeigt die Künstler nicht in Anekdoten, sondern in einer intimen Mitteilung, die sie als die Andersdenkenden ausweist, als jene, die den Blick schärfen und Schwellen überbrücken wie vom Diesseits ins Jenseits.
Eben weil Morris die unterschiedlichen Charaktere sehr unterhaltsam, aber nicht nur informativ anbietet, gelingt es ihm eine Nähe zwischen KünstlerInnen und Leser aufzubauen und seine KünsterInnen mit und in ihrem privaten Leben so in Szene zu setzen, dass sie stets von hoher Brisanz und Interesse bleiben. In nur wenigen Worten werden die ikonischen KünstlerInnen zu künstlerisch tätigen »Menschen«.
Als Lektüre ist das Buch für Kenner wie auch für lediglich am Surrealismus Interessierte daher sicher gleichermaßen geeignet. Gar nicht »surrealer« Lesestoff eben.

Das Leben der Surrealisten (Aus dem Englischen von Willi Winkler)
Autor: Desmond Morris
Unionsverlag 2020
349 Seiten
ISBN 978–3–293–00556–3

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