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Die französische Avantgarde entdeckt den japanischen Holzschnitt

Nach der wirtschaftlichen Öffnung Japans 1854 kamen Farbholzschnitte in den europäischen Handel und waren auf den Weltausstellungen zu sehen. Sie lösten eine wahre Welle der Begeisterung aus. „Nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution im Sehen der europäischen Völker, das ist der Japonismus. Ich möchte behaupten, er bringt einen neuen Farbensinn, neue dekorative Gestaltung und sogar poetische Phantasie in das Kunstwerk, wie sie noch nie selbst in den vollendeten Schöpfungen des Mittelalters oder der Renaissance existierten“, umschrieb der Schriftsteller Edmond de Goncourt im Jahre 1884 das Phänomen des Japonismus in der französischen Avantgarde.

Das Japan der Tokugawa-Zeit (1603-1867) war eine fremde, dem Westen gegenüber weitestgehend abgeschottete Welt, in der Kunst und Kalligrafie bereits in höchster Blüte stehen, allerdings hauptsächlich einem kleinen Kreis von Adeligen und Herrschenden vorbehalten. Die neue ukiyo-e-Technik bedeutet eine Zäsur. Sie begleitet den Wandel der japanischen Gesellschaft, fort von
strikt feudalen, ländlich geprägten Lebensformen hin zur bürgerlich, städtisch geprägten Gesellschaft.

Ukiyo-e stellte im Gegensatz zur japanischen Tradition der Zeichen- und Malkunst sowie der meditativ anmutenden Kalligrafie eine Art Volkskunst dar, ohne die traditionellen Elemente zu negieren. Die neue Kunst konnte fortan in großer Stückzahl hergestellt und von der aufkommenden Bürger-und Händlerschicht zu bezahlbaren Preisen erworben werden. Die Käufer gaben ein sehr breit gefächertes Spektrum an Motiven in Auftrag: Ansichten berühmter Orte und Landschaften, Darstellungen von Blumen und Tieren, Porträts berühmter Schauspieler des aufkommenden Kabuki-Theaters.
Besonders groß war die Nachfrage nach Szenen von Orten, an denen die Bürger der Hauptstadt Tokyo – die damals Edo hieß – Zerstreuung und Vergnügen suchten. Holzschnitte von Geishas und Kurtisanen der berühmten Freudenhäuser gehörten zu den Bestsellern des ukiyo-e. Rund dreihundert Jahre lang fanden in den Farbholzschnitten soziale Themen der japanischen Gesellschaft ihren künstlerischen Ausdruck und eine spezifisch ästhetische Dokumentation. Die Begeisterung für Fotografie und moderne Drucktechniken, die durch die Öffnung zur westlichen Welt entstand, führte weitgehend zum Verschwinden der ukiyo-e-Kunst. In Europa inspirierten die Arbeiten des ukiyo-e die Avantgarde junger Künstler auf dem Weg zum Impressionismus.

Nach der Öffnung Japans 1854 kamen Farbholzschnitte in den europäischen Handel und waren auf den Weltausstellungen zu sehen. Dort lösten sie Begeisterungsstürme aus. Künstler wie Paul Cézanne, Edgar Degas, Pierre Bonnard, Édouard Vuillard, Henri Matisse sowie Henri de Toulouse-Lautrec waren von der neuartigen Ästhetik der japanischen Holzschnitte fasziniert und erhielten entscheidende Impulse für ihre eigenen Arbeiten. Sie ließen sich von der besonderen Formensprache des japanischen Holzschnitts mitreißen: Helle, leuchtende Farben, fehlende Tiefenräumlichkeit, die Dominanz des Ornamentalen und die Vereinfachung der Motive sind für die in Paris arbeitenden Künstler prägend. Stilbildend wirkten ebenso die neuen Motive, die das Leben in den Vergnügungsvierteln, in der Großstadt, aber auch intime Momentaufnahmen schilderten, sowie die Fähigkeit subtile Veränderungen der Natur im Wechsel der Jahreszeiten auszudrücken. Die japanische Kunst war es, so die Überzeugung der Avantgarde, welche die Autonomisierung der formalen Gestaltungsmittel, die Befreiung von Form und Farbe von ihrer mimetischen Funktion ermöglichte, und wohl deshalb avancierte der Japonismus zu einem zentralen Aspekt in der Geschichte der modernen Kunst.