Ausstellungsbesprechungen

Henri Matisse. »Meine gekrümmten Linien sind nicht verrückt«, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 14. Dezember 2014

Dass Henri Matisse mit der Schere zeichnen lernte, war aus der Not heraus geboren. Er litt an Krebs, saß im Rollstuhl und die Gicht hatte seine Hände verkrüppelt, so dass er keinen Stift mehr führen konnte. Dennoch pulsiert das Leben in seinem Spätwerk. In bunten Papierschnitten ruft sein Künstlerbuch »Jazz« Erinnerungen an die Zirkusmanege und ein ozeanisches Paradies wach. Es verleiht der Ausstellung im Kunsthaus Apolda eine tagträumerische Note, findet Rowena Fuß, die durch die Räume gewandelt ist.

Henri Matisse war der einzigste Künstler vor dem selbst Picasso den Hut zog. Der »Meister der Farbe« wusste zeitlebens und darüber hinaus stets mit seinen farbenfrohen Bildwelten zu überzeugen. Inspiration war ihm der Zirkus, diese Scheinwelt mit ihren Spaßmachern, Seiltänzern und Zauberern. Aber auch die Südseereise nach Tahiti 1930 wirkte anregend. Und so taucht der Besucher des Kunsthauses denn auch ein in einen bunten Kosmos voller Nymphen, Satyrn, Artisten und schönen Mädchen.

Gezeigt werden 97 grafische Werke aus der Zeit von 1932 bis 1952. Es sind Arbeiten aus seinem berühmten Künstlerbuch »Jazz« (1947) ebenso wie Illustrationen zu verschiedenen literarischen Werken Mallarmés, Reverdys, Alcoforados’ und Montherlants.

»Ich träume von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten, ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann«, hat Matisse einmal gesagt. Und so lädt uns die Schau zuerst nach Südfrankreich in das Haus des Künstlers ein. Genauer: ins Boudoir des Hausherren. Aus einem Gewirr an geraden und runden Linien schält sich eine Haremsszene heraus – so ist zumindest der erste Eindruck von der Lithografie »Drei Modelle« (1938). Umgeben von zart geblümter Wäsche sind drei Frauen auf ein Bett drapiert: eine Schlafende, eine sich Räkelnde und eine dritte, die sich schon aufgesetzt hat. Auf dem Nachttischchen dampft der Kaffee.

Das anregende Getränk und die südliche Landschaft führen uns anschließend tiefer in die Vergangenheit zu mythischen Gestalten und bacchantischen Feiern. Schwäne, Satyrn und Nymphen, die sich im geheimnisvollen Lichtspiel einer orientalischen Laterne vergnügen, sind dabei nur der Anfang. Voller deftiger Erotik stecken die Schwarz-Weiß-Zeichnungen des Künstlers zu Henri de Montherlants »Pasiphaé. Chant de Minos« (1944) im Nebenraum.

Den farblichen Höhepunkt in diesem Fest des Lebens setzt im Obergeschoss »Jazz«. Zwei Jahre arbeitete Matisse an den 20 Collagen, die den Inhalt des Buches bilden. Der Titel verweist auf den Zauber chromatischer und rhythmischer Improvisation. Wie ein Jazzmusiker variierte Matisse sein Material. Clowns, Messerschlucker und Reiter tanzen über Seiten aus Japanisch-Grün, dunklem Cadmium-Gelb, tiefem Cadmium Rot, persischem Violett oder Ocker und strahlen eine unbeschwerte Leichtigkeit aus. Eigentlich verwunderlich, denn das Werk entstand in einer alles anderen als fröhlichen Zeit für Matisse. Seit einer Bauchoperation 1941 wegen eines Krebsgeschwürs war der Künstler stark in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dennoch vollendet er in »Jazz« sein Lebenswerk. Die einfache auf das Wesentliche reduzierte Form fand ihr Maximum an explosiver Ausdruckskraft. Wer in den bunten Papiercollagen jedoch Rekurse auf tagespolitische Ereignisse erkennen will – wie auf der Infotafel behauptet –, muss schon sehr genau hinschauen. So ist beispielsweise nicht ersichtlich, warum ein mit »Wolf« betiteltes Bild ein Verweis auf die Nationalsozialisten ist, zumal die abgebildete Kopfform des Raubtiers eher an eine Schnappschildkröte erinnert. Sei’s drum. Den munteren Reigen stört dies nicht. Nur zu gern lässt man sich von den Sirenen becircen und taucht ein in eine Erinnerung an bessere Zeiten.