Buchrezensionen, Rezensionen

Ich werde dich nie vergessen... Frida Kahlo und Nickolas Muray. Eine Liebesgeschichte. Frühe unveröffentlichte Photographien und Briefe, hrsg. v. Salomon Grimberg, Neuauflage, Schirmer/Mosel 2010

Im Herbst 1938 reist Frida Kahlo nach New York. Anlass ist ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Julien Levy, die ein großer Erfolg wird. Dort trifft sie den Fotografen Nickolas Muray (1892 - 1965) wieder, den sie bereits in Mexiko kennengelernt hatte. Die beiden beginnen eine Affäre, der wir einige der schönsten Porträts von Frida verdanken. Ihr Briefwechsel mit Muray gibt zudem Aufschluss über ihre Einstellung gegenüber den Surrealisten André Breton und Marcel Duchamp und ermöglicht eine andere Betrachtung der Klassischen Moderne. Ulrike Krenzlin hat das Buch für Sie gelesen.

Grimberg © Cover Schirmer/Mosel
Grimberg © Cover Schirmer/Mosel

»La peinture de Frida Kahlo est un ruban autour d’une bombe«. Mit dieser berühmten Metapher hat André Breton in seinem Vorwort zur Ausstellung, die er für Frida Kahlo 1938 in Mexiko Stadt organisierte, jenen Zündstoff herausfinden wollen, den der Manifesteur des Surrealismus dringend brauchte, um für seine Initiativen zur IV. Internationale in Mexiko Verbündete zu werben. Gefunden hat er sie in Diego Rivera und Frida Kahlo, die ihn in ihrem Atelierhaus in St. Angel unterbrachten. Er wollte die kritische Wandmalerei, den Revolutionär und die verrücktesten Surrealisten zu der Avantgardekunst des 20. Jahrhunderts zusammenführen. Leo Trotzki lehnte die IV. Internationale ab. Frida Kahlo antwortete auf Bretons Lob, dass sie weder eine Surrealistin sei, noch überhaupt eine Künstlerin, sie stelle nur mit eigenen Mitteln dar, was sie in ihrem Innersten bedränge. Diese Äußerung Kahlos wird bis heute unter dem Gesichtspunkt künstlerischer Bescheidenheit sowie mit Hinweisen auf ihr Autodidaktentum interpretiert.

Ich habe in meiner Besprechung von »Fridas Vater (Portalkunstgeschichte am 22. Juli 2010) darauf hingewiesen, dass Bildungsgrade und künstlerische Ausbildung von Frida Kahlo nicht hoch genug anzusetzen sind. Zu dieser Richtigstellung leistet Salomon Grimberg mit seiner Edition von Briefen jedoch den entscheidenden Beitrag. Denn die Veröffentlichung ihrer Briefe an Nickolas Muray, dem sie anlässlich ihrer Parisreise Anfang 1939 über die surrealistische Kunstszene berichtete, lässt diese angebliche Bescheidenheit gegenüber Bretons hochfliegenden Worten in einem ganz anderen Licht erscheinen. Kahlo gibt sich als scharfe Beobachterin und als Künstlerin zu erkennen, die sich von niemandem ein X für ein U vormachen lässt. Bretons Gegeneinladung nach Paris beschreibt sie als katastrophales Fiasko. Ihre rechtzeitig voraus gesandten Bilder zur Pariser Ausstellung lagen bei ihrer Ankunft immer noch beim Zoll, weil – so schreibt Frida ihrem Geliebten nach New York – dieses »A…loch von Breton sich nicht die Mühe gemacht hatte, sie abzuholen«. Die Auslösung der Bilder vom Zoll hat Marcel Duchamp für sie geregelt, »der einzige in diesem Haufen durchgedrehter Surrealistenärsche, der mit beiden Beinen auf der Erde steht«. Duchamp war es auch, der tatsächlich erst die Galeristen Renou et Colle für eine Ausstellung ausfindig machte, weil Breton sich überhaupt nicht bewegt hatte. Das Konzept blieb dennoch bei ihm. Er kuratierte die ihr gewidmete Ausstellung unter dem Titel »Mexique« als eine Kuriositätensammlung mit Bildern aus dem 19. Jahrhundert, Fotos und Kunsthandwerk vom Flohmarkt, wie sie verärgert schreibt »lauter Plunder«. Breton hatte seine Hochschätzung von Frida Kahlos Kunst als »un ruban autour une bombe« in Paris am genuinen Ort des Surrealismus rasch vergessen oder in Mexiko nur vorgetäuscht. Über die Pariser Kunstszene ist Kahlo deswegen hoch verärgert: »was diese Leute für Kanaillen sind…Sie sind so verdammt „intellektuell“ und mies…sitzen stundenlang in den „Cafés“, wärmen ihre feinen Ärsche und quatschen ununterbrochen über „Kultur, „Kunst“ und „Revolution“«.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Kahlos Urteile über die Pariser Künstler-Elite zwar privater Natur sind, das stellt aber für die Forschung sonst kein Hindernis zum Zitieren dar. Weder in der einschlägigen Surrealismus-Forschung, noch in der Kahlo-Foschung ist das bisher geschehen. Daher ist die Neuauflage von Grimbergs Briefedition (1. Auflage 2004) eine Facette der unumgänglichen Neubewertung der Klassischen Moderne.

Viele Geheimnisse um Frida Kahlo sind gelüftet. Zwei Problemkreise bieten noch Stoff für Rätsel. Das erste betrifft Kahlos Krankheiten mit der Folge von 22 Operationen. Ihre ungeklärte Todesursache steht in diesem Zusammenhang auch immer wieder zur Diskussion. Jedoch hat Diego Rivera Recherchen dieser Art einen Riegel vorgeschoben. Nach dem Tod seiner Ehefrau lehnte er die Obduktion ihres Leichnams ab. Außerdem veranlasste er eine Urnenbeisetzung. In diese Richtung kann die Forschung wegen der Persönlichkeitsrechte und Sperrfristen medizinischer Gutachten vorläufig nicht fündig werden. Die „Wallfahrten“ von täglich 4000 Besuchern zur Retrospektive im Berliner Walter Gropiusbau verraten eine gesteigerte Neugier an Frida Kahlo, die nicht in erster Linie ihrem Werk, sondern mehr der Art und Weise ihrer Lebensbewältigung gilt. Dafür hat Herausgeber Salomon Grimberg den Begriff „Fridolatrie“ geprägt.

Der zweite Problemkreis betrifft Frida Kahlos Liebesaffären. Sie spielen im Wallfahrts-Geschehen des Jahres 2010 kaum eine Rolle. Über ihre Ehejahre hinweg, aber auch über die Zeit ihrer Trennung von Diego Rivera hatte sie Liebhaber mit ausnahmslos glanzvollen Namen. Dazu gehörten der Revolutionär Leo Trotzki in seinem mexikanischen Exil, der Kunstsammler Hans Berggruen und der Fotograf Nickolas Muray. Aus Briefschaften, die diese Liebesbeziehungen erhellen können, ist noch viel zu erwarten. Doch liegen diese Quellen wiederum in schwer- bzw. unzugänglichen Nachlässen (Leo Trotzki) und Archiven. Salomon Grimberg hat sich der Liebesgeschichte von Frida Kahlo und Nickolas Muray (1892-1965) angenommen. Die Ergebnisse sind beachtlich. Auf der Grundlage beider Korrespondenzen sowie aus unterschiedlichen Quellen liefert er einen komplexen Entwurf von der Persönlichkeit Murays. Der ungarische Jude Miklós Mandl, später nennt er sich Nickolas Muray, verließ als Einundzwanzigjähriger Europa. In Amerika führt er die Farbfotografie in das Werbegeschäft ein. Für Vanity Fair, Vogue und andere Modemagazine gestaltete er jahrelang höchstbezahlte Titelseiten. Die bekannten Starporträts der amerikanischen Film- und Politprominenz sind von Muray. Zu seinen Freunden gehörten die besten Künstler wie Langston Hughes, Paul Robeson, Eugene 0’Neill und Jean Cocteau.

Grimberg konnte noch Zeitzeugen befragen, Murays Nichten Iloni Muray Kerman, Cornelis Muray Braun, Violetta Muray Tamas. In Budapest machte er Murays Geburtsurkunde ausfindig. Der Herausgeber fand Zugang zum Miguel Covarrubia-Archiv in Mexiko Stadt. Hayden Herrera besaß Aufzeichnungen zu Murays Briefen an Frida. Das George Eastman House bewahrt den gesamten fotografischen Nachlass von Muray mit 25000 Abzügen auf. Die frühen Farbnegative von den wunderbaren Frida Kahlo-Bildnissen sind restauriert, neue Abzüge in Schwarzweiß angefertigt worden. Cleverness und sportive Eleganz hat dieser überaus attraktive Mann lebenslang mit sich vereint. Er war einer der berühmtesten amerikanischen Fechter. Bei seinem letzten Wettkampf 1965 erlag er einem Herzinfarkt.

Die Beziehung zwischen beiden dauerte neun Jahre an. Sie begann mit Murays erster Mexiko-Reise im Jahr 1931, als der 39-jährige die 24-jährige Frida Kahlo kennenlernte. Die letzten Briefe schrieb sie 1940 aus Coyoácan an Nickolas Muray. Die Beziehung zerbrach 1940. Danach schrieb Frida Kahlo ihm nie wieder. Später kam es noch zu einzelnen Treffen. Grimberg hat die wenigen Briefe von Frida und Nickolas ediert, die - vom 16. Februar 1939 bis 6. Februar 1940 - zwischen den beiden ausgetauscht worden sind. Anfang 1939 reiste Frida Kahlo auf Einladung des Surrealisten André Breton nach Paris. Sie schreibt über ihre Pariser Eindrücke ohne die geringste Bewunderung für die europäische Avantgarde: »Abschaum sind sie, nichts als „Abschaum«. Diese Einschätzung führt uns zurück zum Anfang und wir erkennen besser, dass Frida Kahlo heute bewundert wird dafür, dass sie kompromisslos letzte Dinge ausgesprochen hat. Eine Einschränkung muss der kenntnisreiche Autor und Rechercheur jedoch hinnehmen: die neunjährige Liebesgeschichte zwischen Frida Kahlo und Nickolas Muray lässt sich aus den wenigen Briefen der Jahre 1939 bis 1940 nicht ausreichend beurteilen. Ganz und gar nicht erhellend ist die Bemerkung, dass Frida Kahlo zu keinem ihrer Liebhaber ein so tiefes Verhältnis hatte wie zu ihrem Ehemann Diego Rivera. Jedoch für die Beurteilung der Klassischen Moderne gibt die Publikation mehr her.

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