Meldungen aus der Forschung

Kunstgeschichte im 21. Jahrhundert. »Digital Art History« als »Zukunft [der] Kunstgeschichte«?

Braucht es eine neue Kunstgeschichte? Welche Forschungsansätze und Methoden verlangen Medienkunst und digitale Werke? Diese und andere Fragen diskutieren im Frühjahr 2016 zwei Symposien in Regensburg. Antonia Sano hat beide besucht und berichtet von Gefahren, Chancen und Methoden der »Digital Art History«.

Digitale Technologien sind inzwischen integraler Bestandteil unseres Alltags. Doch was bedeuten diese Entwicklungen für die praktizierende Kunstgeschichte und ihre Forschungsrealität? Rasante Fortschritte der informationsverarbeitenden Systeme ermöglichen neue Methoden, neue Anwendungsbereiche und vor allem neue Kunst- und Bildkonzepte, die die traditionellen Vorstellungen schon einmal an ihre Grenzen bringen können. Wie präsent diese Thematik aktuell ist zeigen gleich zwei Symposien des kunsthistorischen Instituts an der Universität Regensburg Anfang des Jahres. Das internationale Symposium »Digital Art History« vom 7. bis 9. April 2016 setzte sich in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Medieninformatik genau mit diesen Ansätzen auseinander. Zudem befasste sich auch ein zweites Symposium vom 27. bis 29. April 2016 in Zusammenarbeit mit dem Promotionskolleg AISTHESIS mit der »ZUKUNFT [der] Kunstgeschichte«. Anhand anregender Vorträge einiger interdisziplinär ausgewählter Experten wurden Konzepte und Überlegungen zu neu entstehenden Tendenzen und Möglichkeiten für das Fach diskutiert.

Der Begriff »Digital Art History« ist in der Kunstgeschichte derzeit omnipräsent: Eine neue Art History? Befinden wir uns an einem Wendepunkt in der Wissenschaftsgeschichte oder der Entstehung eines neuen Faches? Was für eine Herausforderung stellt die digitale, computergestützte Kunstgeschichte für die »klassische« Kunstgeschichte dar? Das Symposium thematisiert nicht nur den Diskurs um den Einfluss und die Anwendungsbereiche informationsverarbeitender Technologien, sondern auch die damit einhergehende Entwicklung neuer Fragestellungen und hybrider Methoden, wie beispielsweise die computergestützte Analyse von kunsthistorischen Objekten, aber auch die Verknüpfung mit informationswissenschaftlichen Verfahren. Im Prinzip ist es eine methodische Grundlagendiskussion; Grenzen und Definitionen müssen neu ausgelegt werden. Trotz aller digitaler Erweiterungen des Möglichkeitshorizonts rief Prof. Dr. Christoph Wagner, Vizepräsident der Universität Regensburg und Leiter des Lehrstuhls für Kunstgeschichte, in seinem Begrüßungsvortrag zu »Digital Art History« die Fundierung aller kunsthistorischer Forschung ins Gedächtnis zurück: Das Sehen. Das Sehen als eine kulturelle Kompetenz, die den Menschen als Rezipient unentbehrlich machen, denn die Kunst funktioniert schließlich auch durch Empathie als ein emotionaler Katalysator.

Man kann nicht unbedingt behaupten, dass sich die Kunstgeschichte in der Vergangenheit abneigend gegenüber der Technik verhalten hat. Allerdings werden seit dem Ende der 1980er Jahre zunehmend die vermeintlich veralteten Methoden in Frage gestellt, was zu einer generellen Sorge um die Zukunft des Faches beigetragen hat. Walter Benjamin’s »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (1936) ist in dieser Diskussion auch um das Selbstverständnis des Faches wohl eines der meist zitierten Werke. Entwicklungshistorisch machte die Kunstgeschichte im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts als Wissenschaftsdisziplin also eine dichte Folge an »turns« durch und positionierte sich vielfach neu, so Wagner. Sei es der »pictorial turn«, der »visual turn« oder der »imagic turn«. Im Zuge des Letzteren deklarierte Hans Belting 1995 provokativ das »Ende der Kunstgeschichte« zugunsten einer Bildwissenschaft. Was Belting mit seinem Werk jedoch nicht meinte, ist die schwindende Notwendigkeit der Kunstgeschichte. Vielmehr geht es ihm um eine erweiterte Kunstwissenschaft. Analysemethoden und Ansätze seien einfach nicht mehr aktuell und eine neue Form der kunsthistorischen Forschung notwendig. Es ging ihm um ein Ende gewohnter Forschungstraditionen. Befinden wir uns jetzt an einem ähnlichen Wendepunkt, dem »digital turn«?

Von Wagner angestoßen, wurde im Verlauf der Vorträge wird eines klar: Der rezipierende Mensch bleibt stets Basis aller Forschungsarbeit, digitale Möglichkeiten optimieren lediglich Analysen. »Mixed Methods« (Vortrag von Prof. Dr. Christoph Wagner und Prof. Dr. Christian Wolff), eine effiziente wissenschaftstheoretisch reflektierte Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren, scheint zum Zauberwort des Symposiums und dem Stand der Wissenschaft geworden zu sein. Man spricht sogar schon vom »third methodological movement«, vom dritten methodologischen Paradigma, das die Dualität dieser beiden Ansätze zu kombinieren versucht (nach Udo Kuckartz). »Eye-Tracking« ist eine Möglichkeit wie so eine Erweiterung durch digitale Hilfsmittel aussehen kann (Vortrag von Fabian Mamok): Es wird genau dokumentiert wie man sich ein Werk anschaut und aneignet. Dies lässt die Praxis der Blickbewegungsanalyse weitaus präziser gestalten. Blickbewegungen sind durch verschiedenste Faktoren beeinflusst und gelenkt, sei es durch Wissen, Erfahrung, Sozialisierung, die Farbanziehung, Kontrastwirkung, Qualitätsdifferenzen etc. Nach Lessing entfaltet sich der »fruchtbare Moment« der Bildenden Kunst im Gegensatz zur Musik eben nicht über einen zeitlichen Prozess. Das Eye-Tracking eröffnet so also eine Möglichkeit, Wahrnehmungsprozesse zu analysieren und zu verstehen.

Prof. Dr. Daniel Isemann stellte die Anwendungsbereiche der »Linked Metadata« als ein weiteres Beispiel vor: Metadata kann man sich in der Anwendung wie ein Netzwerk vorstellen, eine Verlinkung von Daten (=Information), die Information gibt, wo sich andere Daten befinden. Damit tut sich eine komplett neue und grenzüberschreitende Dimension auf, die Querverbindungen zu dokumentieren und analysieren möglich macht. Hilfreich kann dies im aktiven Forschungsalltag, in Datenbanksystemen oder den viel diskutierten virtuellen Museen sein.

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Auch das zweite Symposium »Zukunft Kunstgeschichte« setzte sich mit Zukunftsperspektiven im Zusammenhang mit der notwendigen Reaktion des Faches auf gegenwärtige mediale, politische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse auseinander. Neben den neuen digitalen Möglichkeiten in der Forschung ergeben sich auch neue Distributionskanäle und Formen der Kunstproduktion, die das normative Verständnis von Kunst ausreizen. »Medienkunst« ist in diesem Zusammenhang ein viel verwendeter Begriff, den man nun passend finden mag oder nicht. Definitiv aber reflektiert er das Bedürfnis nach einer Erweiterung des Kunstverständnisses. Es entwickeln sich komplett neue Formate digitaler Ausstellungspraxis, die losgelöst sind von Institutionen und auf digitaler Produktion beruhen. Zu unterscheiden von virtuellen Museen, stellte Dr. des. Yvonne Schweizer unter anderem die sogenannten Online-Only-Ausstellungen vor. Hierbei handelt es sich um netzbasierte Ausstellungen, die ausschließlich online einzusehen und so im analogen Rahmen gar nicht zu realisieren sind. Als Beispiel einer solchen Anwendung nennt sie »cloaque« (http://cloaque.org). Der Besucher, hier: User, gestaltet das Produkt mit und kreiert Landschaften, die nur im digitalen Umfeld möglich sind. Diese Form der Kunstproduktion lebt von ihrer Variabilität und Kurzlebigkeit. Hieraus ergeben sich eine Fülle methodologischer Fragen, die es seitens der Kunstgeschichte zu beantworten gilt: Die institutionellen Instanzen sind nicht mehr Orte der Kunstproduktion und -präsentation, stattdessen agiert man auf Websites und Social-Media-Kanälen. Stichwort Selbstmusealisierung und Selbstvermarktung. Hinzu kommt die transformative und wandelhafte Eigenschaft der Internets. Die Aufgaben des klassischen Museums sind Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Wie aber archiviert man Kunst, die sich online immer wieder neu konstituiert? Zudem ist etwas, das Museen ja immer wieder beschäftigt, die Aura des Originals: Wie kann man sich das in digitalen Ausstellungspraxen vorstellen? Kommt es zu seiner Dekonstruktion oder Entmachtung des Originals? Was ist das Original? Und welche Rolle spielt das Format, ist eine Kunst ohne greifbares Format keine Kunst? Schweizer betonte die Notwendigkeit eines Umdenkens: »Digital« bedeute nicht immateriell, vielmehr ist es gekoppelt an digitale Möglichkeiten und Endgeräte. Ist die Konsequenz ein neuer Status des Kunstobjektes nach Walter Benjamin? Ernst Gombrich schrieb dazu bereits im Jahr 1990: »I think that a museum of modern art is ja contradiction in therms«. Sind die Konzepte Kunstgeschichte – Museum – Moderne ein Konstrukt sich gegenseitig bedingender und abstoßender Verbindungen? F

Auch abseits des Digitalen thematisierte das Symposium neue Formen der Kunst und die entstehenden Herausforderungen. Mehr und mehr setzt sich in der Gegenwartskunst die Kunst der Partizipation durch. Félix González-Torres, ein kubanisch-amerikanischer Künstler, beispielsweise hält seine Betrachter mit seinem Werk »Candy spills« dazu an, Bonbons aus der Installation zu nehmen und zu essen. Prof. Dr. Jehle sprach hier von der Teilhabe an einem ästhetischen Setting. Die wortwörtliche Aufnahme oder Verinnerlichung der Kunst solle zu einer reflexiven Konfrontation anregen. Das Kunstwerk und seine emotionale Wirkung konstituieren sich in der Rezeption seitens der Betrachter, dessen Reflexionsfähigkeit zum Fundament der Erfahrung wird. Durch die Integration des Betrachters in das Werk entsteht eine unlösbare Spannung der ästhetischen Erfahrung. Damit tut sich eine Problematik auf, die die Kunstgeschichte schon seit einigen Jahren beschäftigt: Arbeiten wie diese funktionieren ähnlich wie die Online-Only-Ausstellungen v.a. auch durch ihre Transformationsfähigkeit und Partizipation, wie aber lässt sich so etwas konservieren und erhalten? Neben dieser Problematik ist der springende Punkt aber, dass sich die Emotion weiter zu einer höchst relevanten Konstante verfestigt.

Es wird ermahnt, die Kunstgeschichte solle ihre historische Kompetenz nicht verlieren. Ist die »Digital Art History« also nun die »Zukunft [der] Kunstgeschichte«? Was genau beschreibt dieser Begriff überhaupt? Im Prinzip ist sie laut der »Zurich Declaration on Digital Art History« aus dem Jahr 2014 keine neue Disziplin als solche, sondern eine Bezeichnung für Methoden, die digitale Tools und Techniken verwenden und die keinesfalls kunsthistorisch spezifisch, sondern vielmehr universell anzuwenden sind. Im Zuge dessen, sind »Mixed Methods« vielleicht mehr als ein Appell zu verstehen: Die Kunstgeschichte bleibt nicht stehen, sondern wandelt sich als akademische Disziplin ständig neu. Somit ist eine methodische Neubestimmung und eine Ausweitung ihrer Gegenstandsbereiche impliziert und natürlich. Digitale Anwendungen eröffnen gerade in der Datenerhebung, -analyse und -verarbeitung, aber auch in der Kunstproduktion neue Forschungsfragen und entwickeln das Kunstverständnis, sowie Seh- und Ausdrucksweisen weiter. Sie sind eine Bereicherung des Faches und man sollte sich ins Bewusstsein rufen, dass Kunstgeschichte vor allem eine Wissenschaft ist, die auf sinnlicher, emotionaler Erfahrung und Wahrnehmung beruht. Das wird sich nicht ändern. Denn letztendlich sind Bilder eine Vielzahl an Medien, seien sie gezeichnet, fotografiert oder gemalt, analog oder digital. Es liegt im Charakter einer jeden wissenschaftlichen Disziplin, Grenzen abzustecken und zu kategorisieren. Auffassung und Status von Kunst und die Vorstellung von Rolle und Ort dieser Kunst wandeln sich ständig und damit die Art und Weise, wie Kunstgeschichte in Zukunft praktiziert, lehrt, lernt und kommuniziert.

Am Ende ist die Kategorisierung »Digital Art History« wohl überflüssig. Ähnlich wie die »Neuen Medien« oder »Digital Humanities« ist auch »Digital Art History« – abzugrenzen von digitalisierter Kunstgeschichte – als Begriff idealerweise eine temporäre Erscheinung. Mit besonderer Betonung des Digitalen wird eine vielleicht sogar kontraproduktive Abspaltung impliziert. Es gibt nicht die Kunstgeschichte und die digitale Kunstgeschichte, sondern die Kunstgeschichte und die notwendigen und bereichernden digitalen Anwendungen.

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