Ausstellungsbesprechungen

Macht des Bildes – Visionen des Göttlichen. Europaausstellung 2009 (Teil Bleiburg). Werner Berg Museum, Bleiburg, bis 8. November 2009

Es gab sicher nie Zweifel an der Macht der Bilder – sei sie entweder natürlich gegeben bzw. freimütig akzeptiert oder von den Künstlern inszeniert. Und die "Visionen des Göttlichen" haben sich so viele Kunstepochen und -strömungen auf ihre Fahnen geschrieben, dass sich unter dem symbolheischenden Thema fast automatisch ganze Musenhäuser füllen ließen. Wer aber nun den Eindruck hat, in einer solchen Schau würde kein Neuland zu finden sein, sollte ins südliche Kärnten fahren, das gleich mehrere Überraschungen parat hat. Günter Baumann war für PKG vor Ort.

Der Museumsname geht auf den 1904 geborenen und 1981 gestorbenen Wuppertaler Maler Werner Berg zurück. Er ist hierzulande nur wenig bekannt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sich der promovierte Jurist 1930/31 in die Diaspora des Kärntner Unterlandes begab – als Spätberufener hatte er sich erst 1927 an der Wiener Kunstakademie eingeschrieben, wechselte ein Jahr später nach München zu Carl Caspar, selbst einer der hochinteressanten, wenn auch in Vergessenheit geratenen Künstler. Kaum fertig mit diesem Studium, folgte Berg nicht allein seiner kreativen Berufung, sondern auch der Stimme des Fernwehs und schlug sich mit seiner Frau auf einem Kärntner Bauernhof durch. Das hatte freilich den Vorzug, dass er hautnah das Wechselverhältnis von Leben und Kunst erfuhr. Und das Leben mit der Kunst – und vice versa – war nicht einfach: Berg war mit einer Arbeit in der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ dabei, und Österreich fiel bekanntlich Hitlers "Heim-ins-Reich"-Wahn zum Opfer: Die vorgezogene Emigration wurde 1938 automatisch zur inneren Emigration. In den Kriegsjahren wurde Bergs künstlerisches Talent zu militärischen Zwecken genutzt – sozusagen als zeichnender Kriegsberichterstatter fristete er sein Dasein.

 

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So auffallend Bergs flächenbetonter Stil ist, so schwer mag es sein, unter solchen Vorzeichen Profil zu zeigen, zumal er bevorzugt die „kleinen Leute“ slowenischer Zugehörigkeit auf die Leinwand brachte. In den 1950er Jahren war der Maler und Holzschneider noch präsent, nahm sogar an der Biennale von 1950 teil, doch mit den Ausstellungswürdigungen 1957 in Wien und 1961 in München wurde es ruhiger um Berg – da ist die Gründung der Werner Berg Galerie 1968 in Bleiburg schon ein Wunder (der Begriff darf hier erlaubt sein) – nach seinem Tod 1981 wurde das Haus zur Stiftung, dann zum Museum, das sich in diesem abgelegenen Fleckchen der Erde dem Nachleben Werner Bergs verschrieben hat. Nun zeigt es anlässlich der diesjährigen Europaausstellung „Visionen des Göttlichen“ mit Kunst aus dem 20. Jahrhundert, hier unter ausschließlich österreichischer Beteiligung. Berg hat sich dabei den besten ihrer Zunft zu stellen: Christian Ludwig Attersee, Herbert Boeckl, Arik Brauer, Albin Egger-Lienz, Alberrt Paris Gütersloh, Anton Hanak, Alfred Hrdlicka, Friedensreich Hundertwasser, Kiki Kogelnik, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Maria Lassnig, Koloman Moser, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Egon Schiele, Wilhelm Thöny, Rudolf Wacker, Fritz Wotruba und andere mehr. Von deutscher Seite kommt der Berliner Werner Scholz hinzu, der nach der Besetzung Österreichs durch die Nazis nach Tirol zog; mit Joannis Avramadis ist ein Russe dabei, der allerdings auch früh nach Österreich übersiedelte, zunächst noch während des Kriegs als Fremdarbeiter, dann als Student nach 1945: Unter dem Einfluss Wotrubas wurde er Bildhauer, blieb Wien erhalten als Professor der Akademie. Die wahlösterreichische Färbung, die Werner Berg und die letztgenannten Künstlerkollegen in die Ausstellung bringen, hat einen Wiederhall im Gesamtkonzept. Der Katalog und damit auch die spektakuläre Schau sind dem Kunsthistoriker (und nebenbei, nicht minder bedeutend: Philologen) Wieland Schmied zum 80. Geburtstag gewidmet, der sein Fach wie kaum ein zweiter mitgeprägt hat. Selbst in Frankfurt a.M. als Sohn eines österreichischen Philosophen geboren, zog er als Kind 1939 mit den Eltern nach Österreich – als Caspar-David-Friedrich-Kenner sehen die Deutschen ihn gern als den ihren an. Das alles spielt in der Ausstellung nur eine untergeordnete Rolle, erklärt aber auch die ungemeine Tiefe des Projektes, das nicht nur österreichische Positionen beleuchtet, sondern österreichische Arbeiten von Weltniveau zeigt. Darüber hinaus läuft die Bleiburger Ausstellung parallel mit der Schau zur »Macht des Wortes« im Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal, die Handschriften vom 4. Jahrhundert  über Minnesängerblätter bis hin zur Gutenbergbibel präsentiert. Nicht zuletzt ist Schmied mit Ausstellungen wie »Zeichen des Glaubens – Geist der Avantgarde« (1980) und »GegenwartEwigkeit« (1990) einschlägig ausgewiesen. Umso tiefer geht die Schau in Bleiburg, wenn man im ausgezeichneten, mit unzähligen sinnreichen Primär- und Sekundärzitaten gespickten und hervorragend bebilderten Katalog Schmieds Kurzessay »Anstelle eines Nachworts« über Caspar David Friedrichs romantisches Landschaftsbild »Das große Gehege« liest, wo doch die Figurendarstellung in der Ausstellung mit rund 180 Arbeiten dominiert. Die Macht des Bildes in der Transzendenz gibt eben manches Geheimnis auf, mysteriöse Wege, Grenzüberschreitungen...

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Der Kurator Harald Scheicher sorgte sich, dass »aufgrund der Größe und Ausrichtung des Bleiburger Museums ... gewisse Einschränkungen« notwendig wären. Natürlich wird der eine oder andere unter den gut 60 Künstlern Namen vermissen, abstrakte Felder sind kaum abgesteckt worden. Das sollte ihn aber kaum berühren, auch angesichts von weit über 10000 Besuchern bislang: Gerade die Konzentration auf die so schon unglaubliche Vielfalt figurativer Positionen – etwa von Hanaks »Kruzifixus« bis zu Wotrubas »Kruzifix« –, gerade die Betonung auch regionaler und damit zuweilen über die Grenzen hinaus weniger oder zu wenig bekannte Äußerungen – eine Blecharbeit (!) Franz Wiegeles von 1910, die informellen Bilder Hans Staudachers usw. –, im Verbund mit Meisterwerken erstrangiger, weithin bekannter Künstler, machen die Ausstellung zu einem faszinierend kurzweiligen, entdeckungsreichen Pfad durch ein Jahrhundert: phantastisch, lustvoll, hingebungsvoll, blasphemisch zeigen sich uns die im Guten wie im Bösen visionären Themen. Dass auch die nach 1950 geborenen Künstler nicht ausgespart werden, ist ein zusätzlicher Reiz: Insbesondere die halbwegs entmaterialisierten biblischen Szenen von Siegfried Anzinger sind hinreißend. Es ist allerdings purer Zufall, dass mit ihm ein Künstler präsent ist, der seinen Wirkungskreis von Österreich nach Deutschland verlegt hat und damit zum Ausdruck bringt, dass die internationale Transparenz selbstredend in beide Richtungen durchlässig ist. So ist es trotz des österreichischen Grundtenors bis in die oberen Ränge (man denke nur an Hrdlicka, Rainer, Nitsch, Brus) und eines durch Werner Berg geprägten Zentrums gelungen, eine Schau wahrhaft (mittel-)europäischen Zuschnitts zu präsentieren, die zu den intensivsten Eindrücken des Jahres zählen.

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.

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