Buchrezensionen

Nicole Bröhan: Künstlerkolonien. Ein Führer durch Deutschland, die Schweiz, Polen und Litauen, Parthas 2017

Künstlerkolonien erfreuen sich seit geraumer Zeit eines erstaunlichen Interesses. Erinnert sei an die Ausstellung »Mythos Heimat. Worpswede und die europäischen Künstlerkolonien« 2016 im Landesmuseum Hannover, die von einem opulenten Katalogbuch begleitet wurde, sowie an die Ausstellung »Lieblingsorte – Künstlerkolonien. Von Worpswede bis Hiddensee« 2016/17 im Gustav-Lübcke-Museum Hamm, zu der leider kein Katalog, sondern lediglich eine kleine Broschüre erschienen ist. (Über beide Ausstellungen wurde bei Portal Kunstgeschichte berichtet.) Der Berliner Parthas Verlag hat nun eine neue Publikation zum Thema aus der Feder von Nicole Bröhan herausgebracht. Rainer K. Wick hat sie gelesen.

Nicole Bröhan, Tochter des Berliner Sammlers Karl H. Bröhan, betreibt nicht nur den Museumsshop des illustren Bröhan-Museums in Berlin-Charlottenburg, sondern hat als Kunsthistorikerin unter anderem über Heinrich Zille, Max Liebermann und Otto Dix geschrieben sowie einen Museumsführer über Schweizer Kunstsammler publiziert. Nun legt sie unter dem Titel »Künstlerkolonien« ein gut zweihundert Seiten starkes Buch mit dem Untertitel »Ein Führer durch Deutschland, die Schweiz, Polen und Litauen« vor. Um Missverständnissen sogleich zuvorzukommen: Litauen und Polen treten nur mit je einem Ort in Erscheinung, und zwar mit dem einstmals ostpreußischen Nidden auf der Kurischen Nehrung, das heute unter dem Namen Nida zu Litauen gehört, und mit dem im Riesengebirge gelegenen Schreiberhau, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs polnisch ist und Szklarska Poreba heißt. Beide Orte befanden sich ursprünglich innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches, und insofern ist es aus historischer Perspektive nur naheliegend, dass sie angesichts der thematischen Konzentration des Buches auf den deutschen Kulturraum nicht fehlen dürfen. Dass auch Sils Maria im Engadin und Ascona mit dem Monte Verità im Tessin Eingang in die vorliegende Publikation gefunden haben, findet damit seine Rechtfertigung, dass sie – so die Autorin – zu jenen »Orten des Aufbruchs und der Inspiration« gehören, »die eng mit der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum verknüpft sind.«

Das einleitende Kapitel »Raus aus den Ateliers, hinein ins Leben«, das den Einzeldarstellungen vorangeht, bietet eine knappe, kultur- und sozialgeschichtlich grundierte Einführung in das Phänomen »Künstlerkolonie«. Die Autorin geht auf den Wandel der sozialen Rolle des im 19. Jahrhundert autonom gewordenen, »freien« bildenden Künstlers ein und zeigt, dass im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung und des rapiden Anwachsens der urbanen Ballungszentren zahlreiche Maler zeitweise oder dauerhaft ihre städtischen Ateliers verließen, um gemeinschaftlich ihre »romantische Sehnsucht nach dem Einfachen, der Natur und einer ländlichen Lebensweise« in die Praxis umzusetzen. Ihre bevorzugten Motive fanden sie im bäuerlichen Milieu und unter freiem Himmel, und als Freilichtmaler waren sie Anhänger des Naturalismus, des Impressionismus und im frühen 20. Jahrhundert auch des Expressionismus.

Allgemein gilt das französische Barbizon als die Mutter aller Künstlerkolonien, ein kleiner Ort am Waldrand von Fontainebleau, der schon seit den 1830er Jahren regelmäßig von Künstlern aufgesucht wurde, die hier ihre »Paysages intimes« malten, doch erinnert die Autorin daran, dass »schon eine Generation zuvor Johann Georg von Dillis in Dachau bei München die Moorlandschaft auf Leinwand festgehalten« hatte und damit den Grundstein für eine der bedeutendsten Künstlerkolonien im deutschsprachigen Raum gelegt hatte. Als Folie für die folgenden Einzeldarstellungen greift Nicole Bröhan auf die allgemein gebräuchliche, jedoch keineswegs unproblematische Typologie »Mäzenentyp« (auch als Landhaustyp bekannt), »Gasthaustyp« und »Kolonistentyp« zurück. Danach verdankt sich der sog. Mäzenentyp der Initiative und/oder der Unterstützung durch einen Gönner bzw. Mäzen. Besaß ein Künstlerort eine Herberge (oder mehrere), handelte es sich um den Typus »Gasthaus«. Nicht selten ging im 19. Jahrhundert der Bildung einer Künstlerkolonie im Sinne des Kolonistentyps eine Gasthausphase voraus, bevor Künstler dann an einem bestimmten Ort, meist in einsamer Lage und unter einfachen Lebensverhältnissen, siedelten und sesshaft wurden. Dass diese Typologie nur bedingt die komplexe Realität abbildet, da es fließende Grenzen und Mischtypen gab, zeigt sich dann auch in den folgenden Kapiteln, in denen zweiundzwanzig Künstlerorte bzw. -kolonien abgehandelt werden.

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Im Einzelnen sind das Nidden, Hiddensee, Ahrenshoop, Schwaan, Dangast, Worpswede, Dötlingen, Ferch, Schwalenberg, Goppeln, Willingshausen, Schreiberhau, Kronberg, Darmstadt, Grötzingen, Dachau, Frauenchiemsee, Höri, Murnau, Ramsau, Sils Maria und Ascona – also eine bunte Mischung aus prominenten Namen und solchen, die nahezu unbekannt oder im allgemeinen Bewusstsein kaum präsent sind. Leider unterlässt es die Autorin, die Kriterien ihrer Auswahl darzulegen, und selbst die Reihenfolge der Darbietung bleibt zunächst unklar. Erst ein Blick auf die Landkarte macht deutlich, dass, ausgehend vom ostpreußischen Nidden im äußersten Nordosten die Reise nach Pommern und Mecklenburg geht, von dort weiter westlich ins Oldenburgische und dann immer in Richtung Süden bis an den Bodensee und von dort östlich nach Bayern. Hinzu kommen Künstlerorte in Brandenburg, Sachsen und Schlesien sowie in der Schweiz. Eine Karte mit den fraglichen, meist kleinen Orten, deren genaue Lage den meisten Lesern oftmals kaum oder gar nicht gegenwärtig sein dürfte, hätte dem Buch, das sich als »Führer« präsentiert, gewiss gutgetan. Und da die Autorin am Ende eines jeden Kapitels Adressen und sonstige nützliche Hinweise für Reisende gibt, die sich auf den Spuren der genannten Künstlerkolonien bewegen, hätten sich auch kleine Ortspläne mit den relevanten Sehenswürdigkeiten angeboten, um so den praktischen Nutzen des Buches zu erhöhen.

Nicole Bröhan wendet sich weniger an den relativ kleinen Kreis der Fachwissenschaftler, sondern eher an ein breiteres kunstinteressiertes Laienpublikum. Ihre flüssige, lebendige Sprache machen die sachkundigen, faktenreichen, zum Teil anekdotisch angereicherten und nicht selten unterhaltsamen Darstellungen zu einem Lesevergnügen. Bereichert wird die Lektüre durch die zahlreichen, treffend ausgewählten Schwarzweiß- und Farbabbildungen, die dem Leser die Protagonisten wie auch deren Kunstschaffen anschaulich erfahrbar werden lassen.

Ein grundsätzlicher Einwand betrifft die Tatsache, dass nicht alle der besprochenen, von Künstlern gelegentlich besuchten oder auch dauerhaft bewohnten Orte im strengen Sinne die Kriterien einer Künstlerkolonie erfüllen. Insofern wäre es in etlichen Fällen sicherlich richtiger, neutral von Künstlerorten zu sprechen. So sind etwa Zweifel angebracht, ob die Bodenseelandzunge Höri, wo zeitweise Hermann Hesse, Helmuth Macke, Otto Dix, Julius Bissier und andere lebten und arbeiteten, soziologisch als Künstlerkolonie gelten kann. Das gleiche gilt für das durch Friedrich Nietzsche zum Mythos gewordene Sils Maria in der Schweiz, wo sich Künstler unterschiedlichster Couleur einfanden, ohne aber je eine Künstlerkolonie zu bilden. Und obwohl der legendäre Monte Verità bei Ascona im Tessin Intellektuelle, Schriftsteller, Tänzer und Maler anzog, war auch der »Berg der Wahrheit« nie eine klassische Künstlerkolonie. Vielmehr fand hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein lebensreformerisches Sozialexperiment statt, das auf eine Totalrevision menschlicher Existenz auf »natürlicher« Grundlage zielte. Erst relativ spät kamen einige bildende Künstler, so Arthur Segal, der während des Ersten Weltkriegs eine private Malschule gründete, und Marianne von Werefkin, die 1918 mit Alexej Jawlensky in Ascona eintraf und bis zu ihrem Tod dort blieb. Und was Murnau mit dem Künstlerpaar Gabriele Münter und Wassily Kandinsky und deren Gästen wie Franz und Maria Marc sowie Alexej Jawlensky und Marianne von Werfekin in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg anbelangt, scheint die Autorin ihrer Sache offenbar selbst nicht ganz sicher zu sein, wenn sie feststellt: »Ob man tatsächlich von einer Künstlerkolonie in Murnau sprechen sollte, ist Auslegungssache.« Im Unterschied zu den Unschärfen, die sich hier manifestieren, gelingen Nicole Bröhan überzeugende Darstellungen klassischer Künstlerkolonien, so etwa im niedersächsischen Worpswede, die dem Kolonistentyp zuzurechnen ist, im Lippischen Schwalenberg, die den Gasthaustyp repräsentiert, oder im hessischen Darmstadt, die das Kriterium des Mäzenentyps erfüllt und um 1900 dem kunstgewerblichen Reformeifer des jungen hessischen Großherzogs Ernst Ludwig entsprang und ein gänzlich anders geartetes Profil aufwies als die ländlichen Künstlerkommunen, wie sie im 19. Jahrhundert sonst wie Pilze aus dem Boden schossen.

Ungeachtet einiger kritischer Einwände kann Nicole Bröhans kompetent geschriebenes Buch als eine willkommene Bereicherung des Schrifttums zum Thema begrüßt werden, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Autorin zahlreiche Künstlerkolonien in den Blick genommen hat, die in der Literatur bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind.