Buchrezensionen

Ole Wittmann: Tattoos in der Kunst. Materialität – Motive – Rezeption, Reimer 2017

Inzwischen gehören sie wie selbstverständlich zum Straßenbild: Tattoos. Manche sind simpel und gerade zu minimalistisch, manche können nun wahrlich nicht mir Kunstfertigkeit glänzen. Und: sie faszinieren und inspirieren Künstler, ja manche Tätowierer können sich gut und gerne selbst als Künstler bezeichnen. Ole Wittmann hat dem Thema, das unter die Haut geht, seine Dissertation gewidmet. Stefanie Handke hat sie gelesen.

Sind Tattoos Kunst? Sind sie es würdig als solche betrachtet und untersucht zu werden? Das fragt sich sicherlich mancher, wenn er sich im Alltag konfrontiert mit Arschgeweihen und chinesischen Schriftzeichen, die angeblich für »Glück« oder »Liebe« stehen sollen, aber gut und gerne auch der Einkaufszettel der letzten Woche sein könnten. Andererseits gibt es tatsächlich echte Kunstwerke unter den Hautbildern, die vor Detailtreue regelrecht strotzen. Und: seit einiger Zeit entdecken Künstler das Tattoo für sich und ihre Arbeit. Und seit einigen Jahren findet das Tattoo auch seinen Weg ins Museum, so etwa 2015 ins Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Nun also ist auch die Dissertation des Kunsthistorikers Ole Wittmann erschienen, die sich dem Phänomen Hautbild widmet.

Im Zentrum steht dabei das Motiv des Schmetterlings. Anhand dessen untersucht Wittmann, was bisher kaum gemeinsam betrachtet wurde: Die Einheit, die der Bildträger, also die Haut und der Körper des Tätowierten, und das Motiv bilden. Mit dem Motiv des Falters steht dabei insbesondere Damien Hirsts »Butterfly, divided« im Mittelpunkt. Damit entscheidet sich Wittmann zugleich für ein beliebtes Motiv; seit dem 19. Jahrhundert lässt sich der Schmetterling in der Tätowierung nachweisen. Daneben liegt auf den Spezifika des Körpers ein weiterer Schwerpunkt; je nach Figur, Hautfarbe, aber auch nach Hautalterung kommt ein Tattoomotiv anders daher.

Zunächst lotet Wittmann jedoch den Forschungsstand aus. Die mehr oder wenige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen Tätowierung setzt er dabei bereits im 18. und 19. Jahrhundert an, und bezieht dabei auch anthropologische, ethnologische und kriminalanthropologische Beschreibungen mit ein, was auch notwendig ist, denn die Beschäftigung mit Tattoos fand bisher zumeist in recht engen Fragestellungen statt: so finden sie sich in den Beschreibungen Forschungsreisender zu »exotischen Völkern«, Charles Darwin beschreibt sie in seiner »Reise eines Naturforschers um die Welt«, aber auch Gottfried Semper beschäftigt sich mit ihr als Kunstform. Die Stigmatisierung, die erst wieder in der Zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgebrochen werden sollte, geschah im 19. Jahrhundert, als Tätowierungen Gegenstand kriminalistischer Debatten und gerne auch einmal bei Straftätern als Atavismus gedeutet wurden. Während so also teilweise bis heute das Bild des tätowierten Kriminellen gepflegt wurde, änderte sich die Rezeption des Tattoos seit den 1970ern erneut. Ein eigener Abschnitt widmet sich daher der kunsthistorischen Forschung seit den 1980er Jahren, die auch andere Grundvoraussetzungen vorfand, da Tätowierer zunehmend ihre Kunst zelebrieren und nicht erst seit wenigen Jahren oftmals ausgebildete Künstler sind – und der Beruf inzwischen ohnehin einigermaßen anerkannt. Nichtsdestotrotz muss der Autor aber eine unzureichende Forschungssituation feststellen, da sich die wenigen Arbeiten zumeist auf Einzelaspekte wie künstlerische Praxis und zudem gerne auch auf einige wenige Künstler beziehen.

Die Leinwand des Tattoos ist und bleibt die menschliche Haut, sein Träger. Damit ist und bleibt also jede dieser »Leinwände« individuell in Textur und Farbe, somit »die größte Variable im Tätowierprozess«. Ein Interviewpartner Wittmanns beschreibt dies wunderbar treffend: »Ich lege dir ein Blatt Papier hin und du schreibst einen Brief. Ihn zu schreiben dauert vier Stunden und ich wackle die ganze Zeit am Tisch. Dann mache ich das Papier auch noch nass und ich rede mit dir.« (S. 53) Obendrein blutet der Bildträger und und und. Selbst wenn der Tätowiervorgang abgeschlossen ist, geht es weiter: Die Farbe arbeitet unter der Haus, mit der Zeit verschwimmt das Tattoo und auch die Linien verändern sich. Zudem gibt es eine Diskussion darüber, ob Konturlinien überhaupt notwendig sind oder nicht.

In einem dritten Komplex widmet sich Wittmann der Genese der japanischen und europäischen Tätowierung in den letzten 200 Jahren und ist bereits mittendrin in der Analyse von Hirsts »Butterfly, divided« (s.u.). Dabei fällt ein Unterschied auf: Während die japanische Tattootradition stets eng an den Körper angelehnt war, sodass teilweise großflächige Gesamtkunstwerke entstanden, blieben europäische Tätowierungen oft Einzelwerke, wenn auch gerne einmal in gehäufter Form, und bestenfalls werden anatomische Gegebenheiten humoristisch eingesetzt. Aber auch regelrechte trompe-l‘œil kommen vor, wie Wittmann an einigen Bildbeispielen anschaulich verdeutlicht, etwa anhand biomechanischer Motive oder der Darstellung von Wunden. Der von Hirst konzipierte Schmetterling, ein auf die Vulva der tätowierten Shauna Taylor aufgebrachter Falter, den der Fotograf Hedi Slimane für das Garage Magazin abgelichtet hat, spielt offensichtlich augenzwinkernd mit den anatomischen Gegebenheiten. Ein weiterer, nicht minder bedeutender Aspekt, der aber nicht nur Thema des Tätowierers ist, sondern der Kunst allgemein, ist seine Symmetrie. Die anatomisch bedintgte Zweiteilung lenkt vom ersten Tabubruch – der Abbildung eines weiblichen Genitals – ab und stattdessen den Blick auf die eigentliche Komposition.

Mit der Wahl des Schmetterlings kann Hirst ebenfalls auf eine lange Tradition zurückgreifen; er gilt als einer der Klassiker des Tattoos. Und auch Wittmann bildet Beispiele vom Ende des 19. Jahrhunderts ab und zitiert Untersuchungen zu den Tätowierungen von Strafgefangenen aus der Zeit der Jahrhundertwende – unbeliebt war der Schmetterling als Motiv beileibe nicht. Erstaunt äußert Wittmann sich über die fehlende Rezeption der Schmetterlingstätowierung auf Christian Schads Porträt »Egon Erwin Kisch« (1928): unter anderem trägt der Porträtierte die Tätowierung eines abgeschlagenen Männerkopfes. Auf dem diesen durchbohrenden Krummsäbel sitzt ein Schmetterling. Die hierzu überlieferte Geschichte spricht von einer den Eunuchen des kaiserlich-chinesischen Frauenpalastes eigenen Motivik, was Kisch jedoch nicht bewusst gewesen sein soll bis ihn eine Prostituierte aufgeklärt habe. Wittmann kann diese Geschichte falsifizieren; vielmehr handelt es sich dabei um ein sogenanntes Namakubi-Motiv, das durch den Schmetterling erweitert wurde. Weitere Bildbeispiele für den Schmetterling findet der Autor in Mischwesen, etwa mit Frauenkopf oder leib. Auch die Genitaltätowierung ist beileibe nicht neu; insbesondere bei Frauen finden sich dabei auch zahlreiche Schmetterlingsmotive – Wittmann führt schon Beispiele aus den 1950er Jahren an, wobei das zumeist wohl eher als Betonung des weiblichen Körpers und nicht als humoristischer Kommentar zu werten sei.

Nachdem Wittmann diese und weitere Aspekte des Schmetterlingsmotiv (etwa dessen erneute Beliebtheit in der Gegenwart) untersucht, widmet er sich noch einmal ausführlich Hirsts Werk. Diese wurde vom Tätowierer Mo Coppoletta realisiert, die Trägerin Shauna Taylor wurde aus zahlreichen Bewerbern ausgewählt.Während sie in diesem Akt der Kreativität lediglich die Empfängerin, die Leinwand, war, konnte Tätowierer Coppoletta Änderungen am Ursprungsentwurf vornehmen, um das Tattoo auch wirklich umsetzen zu können. Interessant an der Präsentation des fertigen Werkes ist, dass wohl selbst Hirst verlegen war, während seine »Leinwand«, in deren Intimsphäre ja eigentlich eingedrungen wurde, souverän damit umging. Die eigentliche Veröffentlichung der Fotografie des Werkes von Hedi Slimane wurde mit einem Aufkleber versehen, geschah also ebenfalls schamvoll.

Hinzu kommt, dass der Schmetterling bereits zuvor immer wieder Thema für Hirst war: In Installationen, Gemälden, Fotografien, etc. setzte er sich mit den faszinierenden Wesen auseinander. Wittmann stellt hier die These auf, dass sich »Butterfly, divided« jedoch von anderen Arbeiten dadurch abhebt, dass bei jenen der Rezipient zum Bestandteil der Installationen (etwa bei »In & Out of Love«) wird, während bei diesem besonderen Werk der Ausstellungskontext freilich fehlt. Auch ist dies seine erste Arbeit mit und am menschlichen Körper. Immerhin aber ist der Schmetterling im Werk des Künstlers neben seiner Vergänglichkeitssymbolik auch ein Symbol einer (düsteren) Sexualität, erreicht er doch seine vollste Schönheit ausschließlich zur Paarung, um dann zu verenden. Und die Präsentation des Schmetterlings auf dem Körper erinnert obendrein an ein Präparat. Besonders spannend sind Wittmanns Untersuchungen zum Verhältnis des Werkes zum Kunstmarkt: erscheinen andere Werke Damien Hirsts gerne in Serie und sind damit bestens vermarktbar, so ist dies bei »Butterfly, divided« freilich nicht möglich. Verkäuflich ist hier nichts, ausgestellt wurde das Werk nie, lediglich seine Produktion und das Endergebnis dokumentiert. Zugleich ist es aber in seiner Singularität bestens für die Vermarktung anderer Werke oder des »Garage Magazine«, auf dessen Titelblatt es erschien, bestens nutzbar.

Wittmann hebt mit seiner Arbeit erstmals umfassend das Tattoo in den Fokus kunstwissenschaftlicher Betrachtung. Indem er das Motiv des Schmetterlings umfassend untersucht, aber auch die besonderen Gegebenheiten des Materials Haut nicht außer Acht lässt, demonstriert er, dass Tätowierungen eine reiche kultur- und kunsthistorische Tradition besitzen, deren Untersuchung sich tatsächlich lohnt. Insbesondere dass er dabei über die bisher vorherrschende Betrachtung von Kunstaktionen rund um das Tattoo hinausgeht, macht seine Arbeit zu einem Gewinn für die Forschung.