Buchrezensionen, Rezensionen

Renate Wiehager u.a.: Minimalism and After. Tradition und Tendenzen minimalistischer Kunst von 1950 bis heute. Daimler Art Collection, Hatje Cantz 2010

Die These der Ausstellungsreihe ›Minimalism and After‹ war, eine Wirkungsgeschichte neu zu entdecken, die mit der ‚Emigration' von Bauhaus und Konstruktivismus in den 1930er Jahren und deren Rezeption in den USA ihren Anfang nahm. Unsere Autorin Ursula Siepe hat sich mit diesem Phänomen beschäftigt.

Wiehager u.a. © Cover Hatje Cantz
Wiehager u.a. © Cover Hatje Cantz

In ihrem Beitrag zum jüngst erschienenen »Metzler Lexikon Avantgarde« fasst die Kunsthistorikerin Annette Spohn den Minimalismus als einen »Sammelbegriff für eine Geisteshaltung, die seit den 60er Jahren in verschiedenen Bereichen wie bildender Kunst, Tanz, Architektur, Literatur und Musik auftaucht«. Wohlgemerkt, es handelt sich laut Spohn um eine »Geisteshaltung« und nicht etwa um einen Stilbegriff oder um eine chronologisch festumrissene Epochenbezeichnung. Gleichwohl lassen sich einige Merkmale resp. Kriterien benennen, die das Phänomen »Minimalismus« der definitorischen Willkür entreißen und eine einigermaßen konturierte Gegenstandsbestimmung erlauben. So ist »minimalistisch« eine Kunst zu nennen, die antimimetisch ist, auf gestalterische wie emotionale Reduktion und Geometrisierung setzt und überhaupt den Bildcharakter des Kunstwerks soweit als möglich zu eliminieren trachtet.
Uneindeutig ist, inwieweit der Begriff »Minimalismus« mit dem des Konstruktivismus historisch und stilkritisch konvergiert oder koinzidiert; denn beide Begriffe zielen ab auf Werke absolut ungegenständlichen und a-subjektiven Charakters.

Die 1977 mit dem Ankauf eines Gemäldes von Willi Baumeister (»Ruhe und Bewegung« von 1948) begründete Daimler Kunst Sammlung erlangte – nach anfänglicher Konzentration auf Werke von Künstlern der Stuttgarter Akademie und des süddeutschen Raums – 1986 erstmals internationale Aufmerksamkeit mit einer Auftragsvergabe an Andy Warhol: »Cars« ist der Titel seiner Serie zum Thema »Auto – Ikone der Mobilität«, die 1986 begonnen wurde und infolge des Todes Warhols (1987) unvollendet blieb. Das Warhol-Projekt markiert nicht nur den Wendepunkt zu einer Umorientierung von regionalen zu internationalen Künstlern, sondern schließlich auch zu einer Öffnung der konzerninternen (»zur Unterstützung kultureller und sozialer Prozesse im Unternehmen«, wie es bei Daimler heißt) Kunstsammlung für die interessierte Öffentlichkeit. Nach der ersten Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie 1998 wird ein Jahr später ein eigener Ausstellungsraum außerhalb der Werksgebäude eingerichtet: das »Daimler Contemporary« am Potsdamer Platz in Berlin.

Heute umfasst die Sammlung etwa 1800 Werke von rund 600 deutschen und internationalen Künstlern der »abstrakten Avantgarden des 20. Jahrhunderts« mit einem Schwerpunkt »im Bereich einer abstrakt-konstruktiven, konzeptuellen oder minimalistischen Bildauffassung«, wie sich die Sammlung selbst beschreibt: »vom Stuttgarter Kreis um Adolf Hölzel von 1910 über Bauhaus, Konstruktivismus, Konkrete Kunst, Minimalismus, konzeptuelle Tendenzen, Neo Geo bis in die jüngste Gegenwartskunst«.

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Mit dem Ziel, »formal reduzierte Bildkonzepte und geometrische Abstraktion als eigenständige künstlerische Phänomene neben der klassischen Minimal Art zu positionieren«, konzipierte die Daimler Kunst Sammlung die Ausstellungsreihe »Minimalism and After«, die zugleich richtungsweisend für Neuerwerbungen sein sollte. Der ersten Ausstellung im Jahr 2000 folgten bis 2005/06 drei weitere dieses Titels. Schließlich erschien bei Hatje Cantz 2006/07 die inzwischen vergriffene Publikation gleichen Namens, der nun, 2010, die hier vorzustellende 2. Auflage folgte, die sich weder in Titel noch Umschlagbild (Charlotte Posenenske: »8 Reliefs, Elemente der Serie C, Prototypen von 1967«) von der ersten unterscheidet, allerdings um zahlreiche Neuerwerbungen erweitert auf nunmehr gut 600 Seiten über 400 Werke von fast 200 Künstlern in Text und Bild vorstellt. Herausgeberin der Publikation ist die Kunsthistorikerin Renate Wiehager, Leiterin der Sammlung Daimler und zugleich des Berliner »Daimler Contemporary«, in deren alleiniger Verantwortung auch der Ankauf der Neuerwerbungen liegt.

Theoretisches Herzstück von Wiehagers »Minimalism and After« ist ihr Einführungsessay »100 Jahre Geschichte der abstrakten Avantgarden aus der Perspektive der Daimler Kunst Sammlung«. Der Aufsatz entfaltet die zentrale These Wiehagers, dass minimalistische Kunst »in der ›Emigration‹ von Bauhaus und Konstruktivismus in den 1930er Jahren und deren Rezeption in den USA ihren Ausgang nimmt und bis in zeitgenössische internationale Kunst führt«. Allerdings beginnt Wiehager in ihrem Aufsatz die Rekonstruktion der Minimalismus-»Wirkungsgeschichte«, die »neu zu entdecken« sei, noch früher, nämlich mit Adolf Hölzels Berufung an die Stuttgarter Akademie 1906. Hölzel habe mit seinen malerischen Experimenten und theoretischen Lehren »einen Weg in die Moderne« geebnet, der zum Weimarer Bauhaus, dann zur Konkreten und Konstruktiven Kunst und schließlich zu den »reduktionistischen Bildformen der 1940er/50er Jahre führen sollte«. Diese Geschichte und ihre Protagonisten mit ihren vielfältigen, verschlungenen und vernetzten Schüler-Lehrer- und Rezeptionsverhältnissen stellt Wiehager in ihrem Essay vor.

Anders als der Terminus »Minimalismus« selbst ist der verwandte und mitunter synonym verwendete Begriff »Minimal Art« historisch und personell klar zu lokalisieren: Er wurde um 1965 speziell den Objekten Dan Flavins, Donald Judds, Sol LeWitts und weniger anderer beigegeben, die einen absoluten Traditionsbruch, besonders auch mit der europäischen Kunst, herzustellen vorgaben. In Übernahme einiger propagandistischer Äußerungen dieser »Minimal Art«-Künstler kursiert in der Kunstgeschichtsschreibung bis heute die Ansicht von der Originalität, Singularität und Vorbildlosigkeit des »Minimalismus«, die auch Annette Spohn zu teilen scheint, wenn sie sagt: »Der Minimalismus hat keine europäische Parallelbewegung. Es handelt sich nach dem Abstrakten Expressionismus um die zweite genuin amerikanische Kunstbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg«.

Diese konventionelle Sicht relativiert Wiehager nun mit guten, historisch tiefgehend recherchierten Argumenten. Sie führt zahllose Künstler und Künstlerbewegungen (so mit besonderer Gewichtung »Zero«) an, verfolgt die Rezeptions- und Ausstellungsgeschichte seit den 50er Jahren und beobachtet einen kontinuierlichen Dialog zwischen Europa und Amerika im Feld reduziert-geometrischer Bildformen, den sie – mit geweitetem Blick auf internationale künstlerische Positionen – bis in die Gegenwart ausführlichst und mit bewunderswerter Sachkenntnis in all seinen Facettierungen nachzeichnet.

Während man den kunsthistorischen und kunstsoziologischen Analysen Wiehagers uneingeschränkte Anerkennung zu zollen hat, bleibt doch eine gewisse Unsicherheit zurück: Handelt es sich beim »Minimalismus« etwa doch um einen soliden Stilbegriff? Oder handelt es sich um eine Epochenbezeichnung, um ein primär chronologisches Konstrukt, wie die Adverbialfügung »and After« es nahelegt? Denn wie sollte es ein »Später» oder »Danach« überhaupt geben können, wenn nicht zuvor eine zeitlich begrenzte Erscheinung ihr Ende gefunden hätte? Wiehager ihrerseits versteht das »and After« auch in dem Sinne, dass minimalistische Kunstwerke immer wieder – imitierende, »subversiv« ironisierende und nicht zuletzt (re)politisierende – strömungseigene Reaktionsbildungen ins Leben gerufen haben, die ebenfalls in die Daimler Kunst Sammlung aufgenommen wurden und somit zum Betrachtungsfeld der Publikation gehören.

Vielleicht ist es selbst nach Wiehagers gründlicher kunstgeschichtlicher Revision des Phänomens »Minimalismus« angesichts der unscharfen – sachlichen wie zeitlichen – Definitionslinien nicht unangemessen, mit Annette Spohn weiterhin von einer »Geisteshaltung« zu sprechen, die, je nach geschichtlichem Stand der innerästhetischen Entwicklung, ein Höchstmaß an antimimetischer Reduktion, vor allem aber die Minimalisierung des Anteils künstlerischer Subjektivität bezweckt. Mit einiger Plausibilität lässt sich das Produktivwerden dieser ins Abstrakt-Geometrische zielenden künstlerischen »Spiritualität« eben auf den Beginn des 20. Jahrhunderts datieren, wenngleich Konsens darüber besteht, dass die wirkliche Hochblüte »minimalistischer« Kunst in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fällt.

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Den quantitativen Hauptteil des Buches macht der alphabetisch nach Art eines Künstlerlexikons aufgebaute Katalogteil aus, der den gesamten bei Daimler unter »Minimalism and After« aufbewahrten Bestand in Form von Werkmonografien, begleitet von hochwertigen Farbfotografien, vor Augen führt. Greifen wir drei markante Namen heraus.

Josef Albers, 1888 in Bottrop geboren, Bauhausschüler und langjähriger Bauhauslehrer, emigrierte nach der Schließung des Bauhauses 1933 in die USA, wo er als Kunst-Dozent große Wirksamkeit entfaltete. Dort, in Amerika, beginnt er nach dem Krieg – an Malewitschs »Schwarzes Quadrat« alludierend – die Arbeit an der farbexperimentellen Bildserie »Homage to the Square«, welche formprägenden Einfluss auf das Ende der 50er Jahre sich herausbildende »Hard Edge Painting« (u.a. Kenneth Noland, Al Held) hatte. Diesen scharflinig konstruierten Gemälden wiederum wird gemeinhin eine genealogische Verwandtschaft mit der etwas später einsetzenden »klassischen« »Minimal Art« zugesprochen. Das künstlerische wie theoretische Werk Josef Albers ist ein früh einsetzender, bis in postminimalistische Zeiten hineintönender Generalbass der von der Daimler Kunst Sammlung orchestrierten Minimalismus-Polyphonie.

1928, Josef Albers lehrt zu dieser Zeit am Bauhaus, kommt Donald Judd im US-Bundesstaat Missouri zur Welt. Mit seinen kastenartigen Objekten wird er in den 60er Jahren zu einem der prominentesten Vertreter der »Minimal Art«, die mit der Intention auf, so Wiehager, »Entindividualisierung und Objektivierung« industriell vorgefertigte Werkstoffe bevorzugte. In die »Minimalism-and-After«-Sammlung sind drei von Donald Judd (1985) entworfene Möbel aufgenommen, die vom äußeren Anschein her die These von der »Banalität des Materials« zu bestätigen scheinen, in Wirklichkeit aber (seit 2002) von einer exklusiven Schweizer Firma hergestellt werden und – wie die Autos mit dem Stern! – ästhetische Reduktion mit konstruktiv-technischem Maximalaufwand vereinen.

Donald Judd war 1968 mit zwei Exponaten auf der Documenta 4 vertreten. Zwei Jahre später wird Mathieu Mercier in Frankreich geboren, der mit seinen Mondrian-Adaptionen auf die Ursprünge rekurriert und für den Postminimalismus steht: Ausreißungen in den Bildern signalisieren kritische intermediale Reflexivität und – womöglich – die Tatsache, dass sich postmodern wieder Subjektivität anmelden möchte.

Fazit: Der Hatje Cantz-Verlag hat einen optisch und inhaltlich überaus ansprechenden Prachtband zur Kunst des Minimalismus herausgegeben. Die fachliche Kompetenz Renate Wiehagers ist unbestritten und leuchtet in diesem Band strahlend hervor. Kritisch anzumerken wäre vielleicht, dass die imponierende Präsentation dem Einwand, geistes- und kulturgeschichtlich theorielastig zu sein, gewiss keine Nahrung geben möchte. Es bleibt dem Leser, von Wiehagers »Minimalism and After« angeregt, noch ein genügendes Pensum an eigenem Studium zu absolvieren.