Buchrezensionen, Rezensionen

Ruth Heftrig/Bernd Reifenberg (Hg.): Wissenschaft zwischen Ost und West. Der Kunsthistoriker Richard Hamann als Grenzgänger, Jonas Verlag 2009

Um Richard Hamann, wahrscheinlich einer der einflussreichsten Kunsthistoriker Deutschlands der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts, ist es seit seinem Tode 1961 nicht ruhig geworden. Allein anhand der drei großen im vergangenen Jahr erschienenen Publikationen lässt sich die Bedeutung erkennen, die dem Professor in Marburg und Berlin und dem Gründer des Bildarchivs Foto Marburg heute zuerkannt wird. In dem von Ruth Heftrig und Bernd Reifenberg herausgegebenen Buch wird der Versuch unternommen, eine in die Geschichte des noch frisch geteilten Deutschlands eingebettete Biografie des kontroversen Wissenschaftlers und Grenzgängers vorzulegen. Unser Rezensent Jan Hillgärtner hat das Buch für PKG gelesen und zeigt sich erstaunt.

Heftrig/Reifenberg © Cover Jonas Verlag
Heftrig/Reifenberg © Cover Jonas Verlag

Das Bild Richard Hamanns als die graue Eminenz der deutschen Kunstgeschichte, als der Gründer der wichtigsten Bildersammlung innerhalb der Bundesrepublik und als der Verfasser wichtiger Standardwerke wie »Deutsche Kunst und Kultur von der Gründerzeit bis zum Expressionismus«, um nur das wahrscheinlich wichtigste zu nennen, ist heute zur Genüge bekannt. Interessant erscheint der Versuch der beiden Herausgeber, Stimmen verschiedener Wissenschaftler, darunter auch Hamann-Schüler, in einem Band zu vereinen und ein Bild des in einer Zeit des Umbruchs engagierten Forschers zu zeichnen. Die zehn Beiträge, versammelt auf rund 190 Seiten, schreiten ein kulturgeschichtliches Spektrum ab, dessen Schwerpunkt auf der Zeit zwischen Kriegsende und den 60er Jahren liegt und den Eindruck eines Menschen entwerfen, der mit erstaunlicher Sicherheit in einer Zeit, da zwei Nationen auf den Kalten Krieg zusteuern, seine eigene Position vertritt, sich ideologisch nicht vereinnahmen lässt und mit eigenen Mitteln an der Vereinigung Deutschlands arbeitet.

Mutet diese Darstellung wie die utopische Schilderung eines Weltverbesserers an, macht Sigrid Hofer in ihrem Beitrag »Richard Hamann in Berlin. Visionen, Perspektiven, Realitäten« den Leser darauf aufmerksam, auf welche Art und Weise Hamann selbst um den Aufbau einer wissenschaftlichen Einrichtung in Berlin nach dem Marburger Vorbild bemüht war, und wie seine Anträge von den entscheidenden Stellen negativ beschieden oder unbeachtet blieben. Hofer weist in ihrem Quellenstudium nach, mit welch feinen Tricks Hamann arbeitete, wie er für nicht genehmigte Einrichtungen über Jahresfristen einfach den Projektstatus als die Ausgangssituation etablierte, um so doch noch nachträglich an die gewünschten Mittel zu kommen. Der Verkauf, oder besser der Tausch, in Form eines Naturalienhandels zwischen Marburg und Berlin ist einer der Gegenstände in Dorothee Haffners Beitrag »Marburger Fotos für Berlin. Die Verleihung des Deutschen Nationalpreises an Richard Hamann«. In diesem schildert die Autorin, wie es Hamann zwar nicht gelang, das Geld aus dem mit 50.000 DM dotierten Deutschen Nationalpreises direkt nach Marburg zu überweisen und Fotos anzukaufen – eine kluge Taktik Hamanns, mit diesem Schachzug beiden Instituten zu helfen, so Haffner – aber über den Umweg des Ankaufs fototechnischer Materialien für Marburg im Gegenzug rund 37.000 Bilder für die Humboldt-Universität zu erwerben.

Mit dem schwierigen Arbeitsverhältnis Hamanns an der Berliner Universität beschäftigen sich gleich zwei der Aufsätze in dem Sammelband: Elmar Jansens Aufsatz »Richard Hamann und die Kunst des Sehens. Seine Berufung nach Berlin, seine Rückkehr an die Alma mater Unter den Linden« setzt sich intensiv mit dem Wirken Hamanns in Berlin auseinander. Der Beitrag dokumentiert anhand von Äußerungen anderer prominenter Gelehrter wie etwa Gadamer, wie der in Magdeburg geborene Hamann in seiner Marburger Zeit als »höchst unbürgerlicher Geist« auffiel und was er sich davon noch bis ins hohe Alter – seine Zwangsemeritierung in Berlin erlebte er mit 78 Jahren – behielt und sich in seinen unangepassten Taten und der aus heutiger Perspektive sicherlich kühn zu nennenden Intervention gegen den Abriss des Berliner Stadtschlosses widerspiegeln. Sorgen müssen Hamann jedoch nicht nur dieser irreversible Eingriff in die Architektur einer Stadt bereitet haben, die seinem eigenen Diktum zufolge »aus dem Boden gestampft« und arm an architekturhistorischen Denkmälern sei, auch seine Zwangsemeritierung und die radikale Streichung seiner Forschungsgelder haben Hamann, so Hubert Faensen, zugesetzt und sind auf seine Ablehnung gestoßen.

Der Beitrag Faensens »Richard Hamann und Gerhard Strauss. Der Nachfolger auf dem Berliner Lehrstuhl«, mit dem der Band beschließt, ist eine letzte Reflexion über das komplizierte Verhältnis zwischen Richard Hamann, der sich den marxistisch-leninistischen Kunstrichtlinien, die besonders nach den Unruhen von 1956 durchgesetzt wurden, nie gefügt hat und seinem Lehrstuhlnachfolger Gerhard Strauss, einem dieser Kunstauffassung verpflichteten Professoren. Pikant wird diese Verhältnis nicht nur durch die theoretischen Unterschiede, auch eine private Komponente spielt in diesen Konflikt mit hinein. Hamann hatte versucht, die Bewerbung seines Sohnes Richard Hamann-Mac Lean zu forcieren, stieß jedoch auf Ablehnung seitens der Autoritäten, die, auch dies stellt der Beitrag sehr deutlich dar, das kunstgeschichtliche Institut von westdeutschen Gelehrten unterwandert und gegen die Staatsziele der DDR ausgerichtet sahen, die Berufung eines linientreuen Nachfolgers musste Hamann sehr schmerzen, dem eine Beteiligung in dem ideologischen Konflikt fern lag.

Insgesamt ist der Band neben einer Biografie genauso die Geschichte zweier wissenschaftlicher Institute in Marburg und Berlin. Lobenswert erscheint an den einzelnen Beiträgen deshalb auch nicht nur die sorgfältig aus den Quellen der Korrespondenz Hamanns herausgearbeiteten Details zu dem Forscher selbst, sondern auch der Einblick, den sie in die wissenschaftliche Welt nach dem Krieg offenbaren. Für den Leser lassen sich hier erstaunliche Parallelen entdecken: wer das Schreiben von Anträgen und das Level an Bürokratisierung als lästiges Phänomen des gegenwärtigen Forschungsbetriebs betrachtet, kann bei der Schilderung des Umbaus des Berliner Instituts einen Wissenschaftler entdecken, der mit großem Fleiß stets die eigene Arbeit bei den Autoritäten bewirbt, dessen sicherlich gut begründete Vorhaben keine Unterstützung finden und der nur über Umwege in der Lage ist zu tun, was ihm als sinnvoll erscheint. Das Gros der Beiträge würdigt Richard Hamann auch nicht im engeren Sinne in seinem wissenschaftlichen Werk, es ist mehr die Person Hamanns, wie sie in diesem Buch in ihrem Wirken zwischen Ost und West beim Aufbau eines Institutes gezeichnet wird.

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