Kataloge, Rezensionen

Sabine Haag/Christiane Lange/Christof Metzger u.a. (Hg.): Dürer – Cranach – Holbein. Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500, Hirmer Verlag 2011

»Die Entdeckung des Menschen« ist Thema einer grandiosen Ausstellung mit Meisterwerken aus der Renaissance von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä. und Hans Holbein d. J. Die Porträts, die in diesen Tagen im Wiener Kulturhistorischen Museum zu sehen sind, werden am 16. September auch nach München kommen. Stefan Diebitz hat für Portal Kunstgeschichte den sehr schönen Katalog gelesen.

Heute wird keine Rangordnung der Bildgegenstände mehr akzeptiert, und es ist seit langem undenkbar, dass etwa ein Historienbild mehr gelten könnte als ein Landschaftsbild. Trotzdem besteht wohl Einigkeit darüber, dass das Porträt eine Königsdisziplin ist, die ein enormes technisches Können, größtmögliche Sensibilität des Künstlers in der Begegnung mit seinem Modell und dazu eine nicht eben häufige künstlerische Reife verlangt. Das alles fällt nicht vom Himmel, und so muss die Geschichte der Entwicklung dieser Fertigkeiten deshalb ebenso Interesse hervorrufen wie die historischen Begleitumstände, welche die Blüte des Porträts begünstigten.

Es war sicherlich kein Zufall, dass ein gewaltiger Forschritt in der Kunst des Porträts - »Die Entdeckung des Menschen« - zusammen mit dem Humanismus in der frühen Neuzeit auftrat. Das gleichzeitige Auftreten dreier Genies hingegen war wohl schon ein solch glücklicher Zufall. Diese Jahre stellen so etwas wie einen goldenen Augenblick in der Geschichte der deutschen Kunst dar, denn wann sonst hätten derart großartige Köpfe wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä. und Hans Holbein d. J. gleichzeitig gewirkt? Eben diese Heroen der deutschen Kunst vereinigt die große Schau »Die Entdeckung des Menschen« zusammen mit Meistern wie Hans Baldung Grien, Martin Schaffner oder Hans Burgkmair, die sich wohl in keiner anderen Epoche ins zweite Glied hätten stellen lassen müssen.

Ganz selbstverständlich stellt der Katalog Dürer, Cranach und Holbein in den Mittelpunkt und widmet diesen drei Meistern auch drei eigene Beiträge. Dazu kommen sechs allgemeine Artikel, die sich mit Skulpturen oder mit Bildnissen auf Münzen beschäftigen, die Bedeutung der Kleidermode erläutern oder auf die Funktion von Porträts eingehen. Diese dienten als Andenken, für die Repräsentation nicht allein des Kaisers, sondern auch des wohlbestallten Bürgers, und wurden endlich sogar für Propaganda oder den diplomatischen Dienst hergestellt. Letzteres konnte auch Brautwerbung heißen. Heinrich VIII. zum Beispiel bestellte ein Bild der Anna von Kleve, mit dem er aber gar nicht mehr einverstanden war, nachdem er ihr leibhaftig begegnete, denn Holbeins Bildnis verschweigt ihre Pockennarben.

Herausragend sind viele Werke, so viele, dass sich nicht einmal alle in diesem Band aufzählen lassen. Hans Holbeins Bildnis des französischen Gesandten Charles de Solier gehört zu meinen persönlichen Favoriten, ein Bild, das in den Worten Jochen Sanders den »überwältigenden Eindruck physischer wie psychischer Präsenz« hervorruft (selbst im Katalog!), oder die Bildnisse zweier Väter, einmal von Albrecht Dürer von 1497, das nur als Kopie erhalten ist, sowie des Vaters von Martin Luther auf einem höchst eindrucksvollen Blatt von Lucas Cranach, auf dem Hans Luther gedankenverloren zur Seite schaut. Aber das ist eine ganz subjektive Auswahl, der sich andere an die Seite stellen lassen. Nur ein Beispiel. Das letzte Bild des Kataloges zeigt den »Maler Hans Burgkmair und seine Frau Anna«, gemalt 1529. Sie trägt einen Spiegel in der Hand, in dem zwei Totenschädel zu sehen sind, er steht auf der rechten, also eigentlich weniger bedeutenden Seite des Bildes. In dem großen Renaissance-Kompendium von Anne-Marie Bonnet und Gabriele Kopp-Schmidt wird dieses Bild als von der Hand des Malers selbst gemalt und damit als eine »in der Kunstgeschichte einmalige persönliche Vanitas-Allegorie« bezeichnet, in diesem Katalog aber gilt es als ein Werk von Lukas Furtenagel, als das es geistesgeschichtlich vielleicht weniger bedeutend erscheint, uns aber immer noch beeindrucken kann.

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Wie hart ein selbstdisziplinierter Künstler wie Albrecht Dürer trotz seiner ungeheuren Begabung über Jahrzehnte hinweg an sich arbeitete und auch arbeiten musste, zeigen Erwin Pokorny und Eva Michel in ihrem Beitrag. Dürer empfahl nicht allein das tägliche Zeichnen, sondern praktizierte es auch und wusste mit seinen solchermaßen trainierten Fähigkeiten seine Kollegen zu beeindrucken, wenn er etwa ein Stück Kohle nahm und aus der Hand einen zirkelgenauen Kreis zog. Voraussetzung für dieses ständige Training war aber billiges Papier, das erstmals in dieser Zeit in ausreichender Menge zur Verfügung stand. Ebenso ließen sich auch Spiegel erst in jenen Jahren zu erschwinglichen Preisen erwerben – unbedingt notwendig für Selbstporträts und sicherlich verantwortlich für den Blick nicht allein auf sich selbst. Vielleicht war es ja der Spiegel, der für »Die Entdeckung des Menschen« verantwortlich zeichnet?

Den Epochenwandel muss man sich als einen wirklich sämtliche Bereiche des Lebens erfassenden Prozess vorstellen. Anna Moraht-Fromm zeigt in ihrem Beitrag über die Kostüme nicht allein, wie sich in dieser Zeit dunkle Kleidung durchsetzte (besonders die Humanisten bevorzugten schwarze Stoffe, die schon zuvor die Universitätslehrer getragen hatten), sondern auch, wie das Schmale und Zerbrechliche der Spätgotik durch das Selbstbewusst-Breite und Behäbige abgelöst wurde: »Wenn vorher die Vertikale, das Schmale, Schlanke, Zierliche das Erscheinungsbild geprägt hatte, erhielt die Kleidung mit dieser Neuerung einen bequemen, raumfüllend-repräsentativen Charakter mit Betonung der Horizontale. Dies entsprach dem Prozess der ständischen Umstrukturierung, denn der Einfluss des Adels wurde zu Gunsten des Patriziats und der gehobenen Bürgerschicht zurückgedrängt.«

Vielleicht also besteht der Wechsel der Farbigkeit der Kleidung und damit des Porträts weniger in einer Hinwendung zum Schwarzen oder gar Dunklen als vielmehr in einer Abwendung von den heraldischen Farben, die jetzt, da auch die letzten Ritter mit ihren Turnieren verschwanden, in ihrer Bedeutung immer mehr reduziert wurden.

Ein anderer wesentlicher Aspekt eines jeden Porträts ist die Lebendigkeit des Gesichts, die sich auch mit größter Akkuratesse und Detailtreue nicht erreichen lässt, sondern sogar manchmal von der Betonung der Einzelheiten beeinträchtigt wird. Statt mit Details wird der Anschein des Lebendigen besser mit der leisen Andeutung von Bewegungen hervorgerufen, und die Technik hierfür erarbeiteten sich die Maler eben in jener Zeit allmählich. Ein wichtiger Kunstgriff ist eine Wendung der Augen, die den Betrachter anzublicken und sogar manchmal seinen Bewegungen zu folgen scheinen; Darstellungen im Profil dagegen, wenn der Blick für den Betrachter ins Leere geht, sind in aller Regel weniger lebendig.

Eine andere Möglichkeit für den Maler besteht darin, den Mund ganz leicht geöffnet darzustellen, als wolle der Porträtierte sogleich zu sprechen beginnen oder als atme er. Hier ist für den Maler besondere Vorsicht vonnöten, denn ein weit geöffneter Mund wird meist als Ausdruck von Entgeisterung verstanden, und damit ist natürlich das genaue Gegenteil dessen erreicht, was sich ein Auftraggeber wünscht. In seinem Essay über »Die ästhetische Bedeutung des Gesichts« schrieb Georg Simmel über das »Aufsperren des Mundes«, es sei »ganz besonders unästhetisch«, denn gerade diese Bewegung sei »der Ausdruck des ‚Entgeistertseins’, der seelischen Lähmung, des momentanen Verlustes der geistigen Herrschaft über uns selbst.« Diese Bemerkung Simmels lässt sich sehr schön mit einem im Katalog abgebildeten Porträt eines wutentbrannten Mannes aus der Hand Dürers illustrieren.

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Der Katalog bietet noch andere Beispiele für einen geöffneten Mund. Meist ist diese Öffnung kaum sichtbar, etwa bei dem Porträt Dürers eines Wilhelm Haller von 1507, das im Katalog seiner geringen Größe wegen als »sein Meisterwerk der Feinmalerei« gerühmt wird. Aber selbst ein weit geöffneter Mund findet sich in den Porträts dieser Zeit, und zwar ausgerechnet bei Kaiser Karl V. und seinem Bruder, König Ferdinand, die beide als Familienerbteil einen sehr ausgeprägten und dazu vorstehenden Unterkiefer besaßen, der ihre Physiognomie deutlich prägte und auch auf dem Porträt der noch sehr kleinen Tochter des Kaisers nicht fehlt.

Es gibt eine Frage, die sich wohl prinzipiell nicht beantworten lässt, die sich aber stellt, wenn wir die Entwicklung des Porträts in den wenigen in diesem Buch dokumentierten Jahrzehnten betrachten: Unterschied sich die Wahrnehmung des menschlichen Gesichts in der Renaissance von der spätgotischen? Vollzog sich tatsächlich eine »Entdeckung des Gesichts«? Soll man also diesen Titel wörtlich nehmen? In diesem Fall hätten die Menschen der vergangenen Jahrhunderte ja noch gar keine Gesichter wahrgenommen. Sahen die Menschen der Spätgotik also sich selbst und ihre Mitmenschen anders, weniger differenziert und vielleicht auch weniger empathisch?

Dieses Problem wird von Christof Metzger angesprochen, der angesichts einiger Dürer-Arbeiten feststellt: »Ungeachtet aller künstlerischen Überlegenheit und bei aller Steigerung ins Pathetische überragen Dürers auf jener Augsburger Zeichnung beruhende Bildnisse alle übrigen Konterfeis des Monarchen hinsichtlich ihrer Lebendigkeit.« Trotzdem lehnte die Tochter des Kaisers das Bild Dürers ab, und das ist für Metzger der Grund, in seinem Beitrag die Frage nach den Sehgewohnheiten des spätgotischen oder frühneuzeitlichen Menschen zu stellen. Sehen die Menschen nun tatsächlich mehr, als sie zuvor gesehen haben? »Überforderte vielleicht«, fragt Metzger deshalb mit Blick auf die Ablehnung des Bildes, Dürers »so vitale Darstellung die an spätgotischen Bildern geschulten Sehgewohnheiten der Regentin?«

An den großartigen Porträts dieses voluminösen Bandes kann man sich kaum sattsehen und nur bedauern, (zu) weit von der Ausstellung entfernt zu wohnen. Die Beiträge des Kataloges – die Artikel wie die Bildbeschreibungen im Katalogteil – sind in jedem Fall der Qualität der gezeigten Kunst angemessen, vor allem auch sprachlich, so dass sich das Buch uneingeschränkt empfehlen lässt.