Rezensionen

Stephanie Hanke/Brigitte Sölch (Hrsg.): Projektionen. Der Platz als Bildthema. Deutscher Kunstverlag

Platz–Bilder sind mehr als Visualisierungen, sie sind eigenständige künstlerische Setzungen. Diese These bildet den Ausgangspunkt eines Sammelbandes, der aus dem Forschungsprojekt »Piazza e Monumento« des Kunsthistorischen Instituts in Florenz hervorgegangen ist. Ein neues Buch begegnet diesem Thema mit 13 erfrischend unterschiedlichen Zugängen. Torsten Kohlbrei hat es für Portalkunstgeschichte gelesen.

Cover © Deutscher Kunstverlag
Cover © Deutscher Kunstverlag

Das Buch versteht sich als Forschungsprojekt, will also über tagesaktuelle Diskussionen hinaus Bestand haben, wenn es Platz–Bilder »sowohl in ihrer künstlerischen als auch soziopolitischen Eigenlogik« analysiert. Doch die Rezension kann die Gegenwart nicht ausblenden. Man sitzt im Home–Office, vielleicht auch schon wieder in einem Straßencafé und erlebt den von Stephanie Hanke und Brigitte Sölch herausgegebenen Band als Erzählung über eine ferne, fremde Zeit. Was waren das für Zeiten, als sich Menschen auf einem Platz näherkommen konnten?

Wenn im letzten Beitrag des 272 Seiten umfassenden Bandes mit »Architectural Projection Mapping« eine junge Form der bildhaften Aneignung von Platzarchitektur vorgestellt wird, stellt sich deshalb ungewollt die Frage, ob diese computergestützten Projektionen die Zukunft einer Gesellschaft sind, die sich aus Angst vor Ansteckung nicht mehr körperlich versammelt und die künstlerische Aneignung der Platzarchitektur hauptsächlich als Videostream erlebt.
Doch ungleich wahrscheinlicher ist es, dass sich die kollektive Wahrnehmung auf weniger spektakuläre, dafür aber genauso tiefgreifende Weise verändert. Selbst ohne Pandemie betonen aktuelle Darstellungen ihre Künstlichkeit, wenn sie die Räumlichkeit des Platzes überspielen und die eigene Bildlichkeit betonen. Besonders augenfällig wird das für die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung durch die immer beliebtere Panoramaphotographie, die eine Rundum–Fassadenansicht auf ein einziges Bild bannt. Die Funktion des »Platz(es) als Bewegungsraum« geht dabei verloren.

Für die Bilderproduzenten war die Abbildung der Fläche schon immer eine Herausforderung, dominant sind daher Darstellungen des »Platzes als Bühnenbild« (Camillo Sitte). Doch die gegenwärtige Praxis in Architektur sowie Bild–Produktion verliert zumindest in einflussreichen Teilen das Interesse am sozialen Begegnungsort.
Diese Tendenz fasst Carolin Höfler in ihrem Beitrag sehr prägnant zusammen: »Die neuen Großarchitekturen und Stadtviertel, die weltweit im Zuge neoliberaler Globalisierung entstehen, verdrängen den öffentlichen Raum durch eingeschränkt zugängliche Bauten, um ihn dann als signifikanten und wertsteigerndes Bild in Gestalt historisierender Plätze wiederaufleben zu lassen.«
Den »Fake Places« stellt sie die Position des niederländischen Architekten Rem Kohlhaas (*1944) gegenüber, der sich auf die beschriebene Entwicklung bezieht und – beispielsweise bei der Planung von Bibliotheken – Plätze »ins Innere großer Gebäude [verlegt], um dort urbane Qualität zu entwickeln.« Mit dieser Strategie entstehen spektakuläre Entwürfe, die den Ruhm des Architekten begründen. Zum Ende des äußerst erhellenden Aufsatzes fragt die Autorin jedoch, ob die von Kohlhaas geübte Selbstbeschränkung auf den semi–öffentlichen Raum alternativlos ist und welche Bilder den Platz als Aktionsraum stärken könnten.

Aber was ist eigentlich ein Platz? Dietrich Erben (*1961), Inhaber des Lehrstuhls für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design an der Technischen Universität München zeigt, dass nicht nur Platz–Bilder Projektionen sind, sondern auch die Wahrnehmung des offenen Raums als Platz eine Setzung ist, die auf der Entscheidung des Betrachters für einen Standpunkt sowie die Zusammenschau von Fassaden und plastischer Ausstattung beruht. Erben bezieht sich dabei auf den von Felix Thürlemann 2013 einführten Begriff des »Hyperbildes« (bestimmte Beziehungen zwischen Bildern über ihre räumliche Zusammenstellung hinaus) und wendet ihn auf den Markusplatz in Venedig an.
Erben zeigt, dass das, was wir Platz nennen, Ergebnis eines »Kombinationskalküls« von Produzent und Rezipient ist. Durch das gewählte Vokabular wird über seinen Beitrag hinaus deutlich, warum das Buch spröde mit dem Wort »Projektionen« betitelt wurde. Als gemeinsamer Nenner liegt allen 13 Beiträgen ein verwandtes Verständnis von Platz–Bildern zugrunde: Bei jeder Visualisierung handelt sich um ein – Neudeutsch formuliert – Narrativ, das auf die gebaute Situation angewandt wird.

Mit dieser Sichtweise führt der Band seine Leser*innen unter anderem nach Berlin, wenn Katja Bernhardt die Stigmatisierung des gegenwärtigen Alexanderplatzes untersucht. Gemeinsam verfolgt man die Entwicklung von »Stadt–Bildern« durch Marcello Piacentini in Bergamo, Sabaudia und Rom. Außerdem reist man gedanklich in das Venedig des 15. Jahrhunderts, genauso wie ins Rom im 19. Jahrhundert. Gleich mehrmals wird in Florenz Station gemacht, denn dortet bietet die Piazza della Signoria mit Architektur und Skulptur einerseits reiches Material zur Entwicklung und Interpretation unterschiedlicher Platz–Projektionen, andererseits entstand der Band im Rahmen des Forschungsprojekts »Piazza e Monumento« am Kunsthistorischen Instituts Florenz.
Weitere Beiträge thematisieren außereuropäische Plätze in Dubai, Canton oder Mexico City.
Jeder dieser Momentaufnahmen weckt Interesse für ihr Forschungsgebiet, allerdings gelingt es nicht allen Beiträgen gleichermaßen das allgemeine Verständnis des Themas »Platz als Bildthema« zu bereichern. Doch wer sich Carolin Höfers im Auftakt–Kapitel formulierte Analyse der »Verdrängten Fiktionen« zu eigen macht, kann auf der Suche nach dem verlorenen Potenzial von Plätzen und Platz–Bildern durch den Band flanieren. So gewinnt der Forschungsband dann doch tagesaktuelle Bedeutung: Kein Platz für Fake–Places!


Stephanie Hanke/Brigitte Sölch (Hrsg.)
Projektionen. Der Platz als Bildthema. Deutscher Kunstverlag
272 Seiten mit 80 Abb., 24 x 17 cm, Gebunden

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