Buchrezensionen

Vanessa Moos: Der Sternenhimmel. Gestirne und astrale Phänomene in der Kunst des 19. Jahrhunderts, Lukas Verlag 2016

Ob die Sterne nun wirklich unsere Zukunft voraussagen können, das kann niemand sagen. Dass sie aber herrliche Glanzpunkte am Himmel sind, und vor allem eine Inspiration für Kreative bilden, das steht wohl außer Frage. Wie aber schlagen sich die funkelnde Realität am Nachthimmel und astronomische Erkenntnisse in diesen künstlerischen Darstellungen nieder? Vanessa Moos ist dieser Frage nachgegangen. Stefanie Handke hat sich mit ihrem Buch in die Welt der Sternenhimmel begeben.

Sie funkeln am Himmel, bilden Muster, faszinieren Wissenschaftler und geben Anlass zu Vorhersagen und Prognosen: Sterne. Wenn sie bei klarem Himmel zu sehen sind, dann übt das eine fast schon magische Anziehungskraft auf uns aus. Ebenso ging es Vanessa Moos mit ihrer Dissertation, die sie 2014 eingereicht hat. Darin untersucht sie den Umgang verschiedener Künstler des 19. Jahrhunderts mit astralen Phänomenen, vor allem aber mit dem bestirnten Himmel.

Zunächst geht sie dabei auf die Geschichte und Bedeutung der Sternenkunde ein. Diese hat im 19. Jahrhundert Konjunktur, denn das Interesse der Öffentlichkeit an der Astronomie ist hoch und technische Neuerungen ermöglichen zugleich die Entdeckung zahlreicher neuer Sterne und Planeten. Das, so Moos, hängt auch mit der sich verändernden städtischen Lebenswirklichkeit zusammen: Straßenlaternen machen die Nacht zum Tage, der Tag-Nacht-Rhythmus der Stadtbewohner wandelt sich und vor allem die Hintergrundhelligkeit urbaner Räume lässt den Nachthimmel einen ganz eigenen Zauber entwickeln.

Die Entwicklung der künstlichen Beleuchtung und der Beleuchtungsindustrie verdrängen im 19. Jahrhundert zunehmend die Dunkelheit der Nacht und damit auch eine gewisse Intimität der künstlerischen Darstellung – Großstadtszenen finden sich nun des Öfteren in der Kunst. Das ruft auch einige Kritik hervor; Künstler wie van Gogh oder Schriftsteller wie R.L. Stevenson vermissen diese Intimität und monieren vor allem das grelle Licht der Städte. Zugleich gewinnt die Dunkelheit der Nacht an Bedeutung, wird bewusst wahrgenommen und mit ihr werden die Sterne zu einem Faszinosum, dessen Anziehungskraft dank der Entwicklung von Teleskopen, Himmelsgloben und Sternkarten, noch zunahm. In diesem Zuge untersucht die Autorin sodann die Himmelsfotografie der Epoche und die sogenannten »Celestografien« August Strindbergs. Für diese legte er Fotoplatten in der Natur aus, sodass das natürliche Licht diese belichtete. Die entstandenen Bilder sind voller kleiner Lichtpunkte, in denen der Schriftsteller getreue Abbilder der Gestirne sah – ob diese aber nun wirklich besonders helle Sterne oder nicht vielmehr zufällige Lichtpunkte auf der Platte darstellen, sei dahingestellt.

Sodann ist eine Untersuchung der Symbolik von Mond und Gestirnen unerlässlich für Moos‘ Arbeit. Der Mond spielt dabei nur am Rande eine Rolle, konzentriert die Autorin sich doch auf die Gestirne und andere Himmelserscheinungen. Als Referenzen z.B. für die Keuschheitssymbolik zieht sie Künstler Albrecht Dürer (das Titelblatt der Serie »Das Marienleben« zeigt eine Mondsichel, in der Maria samt Jesuskind sitzt) heran, während etwa Franz von Stucks »Abendstern« die Venus als Stern der Liebe und Sexualität inszeniert. Insbesondere im England des 18. Und 19. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Darstellungen von Meteoriten und Kometen, die als effektvolle Himmelserscheinungen oft als Vorzeichen eines Unglücks oder einer Katastrophe gedeutet wurden, zugleich aber auch Zeichen des Glücks sein konnten, etwa in Heinrich Vogelers »Wintermärchen (Die Heiligen Drei Könige«.

Im Hauptteil ihrer Arbeit widmet sich die Autorin vor allem vier Künstlern: Grandvilles Illustrationen vertreten dabei die Druckgrafik, während Vincent van Gogh, Carl Spitzweg und Edvard Munch exemplarisch für die Malerei behandelt werden. Jean Ignace Isodore Gérards Spezialität (etwa im Vergleich zu seinem Zeitgenossen Daumier) ist dabei die Integration astronomischer Gegebenheiten in seine Bildfindung, wenngleich er diese auch nicht immer naturgetreu darstellt. Hierfür kann die Studie einige Beispiel anführen: So illustrierte Grandville etwa Jean de la Fontaines Fabeln und zeigt bei »Der Wolf und der Fuchs« das Sternbild des Großen Wagens und einen Teil der Jagdhunde sowie die Capella. Hierbei geht er nicht ganz naturgetreu vor, gibt die Sternbilder und Sterne aber deutlich erkennbar wieder und nimmt dafür auch eine Abweichung von der Geschichte in Kauf, denn auf die Darstellung eines Vollmondes verzichtet er. Selbst die Person des Astronomen ist Thema in Grafik und Fabel »Der Sternengucker, der in einen Brunnen fiel«, auf dem sich neben der beeindruckenden Gestalt des Sternenkundlers in langer Robe und mit Fernrohr Teile des Sternbildes des Bärenhüters entdecken lässt. Grundlage für diese genauen Darstellungen waren vermutlich selbst angestellte Beobachtungen und die Lektüre des »Magasin Pittoresque«.

Den einzelnen Malern, die sich der Nachtdarstellung widmen, schaltet Moos noch einen kurzen Abriss zur Tradition dieses Bildthemas vor. Dabei beobachtet sie, dass die meisten Maler mit beeindruckenden Nachtbildern aus Handelsnationen, oft gar aus Hafenstädten, stammen. Nach vor allem allegorischen Nachtdarstellungen des Mittelalters, findet dank z.B. Adam Elsheimer und Caravaggio das Nachtstück seinen Eingang in die Kunst mit einer ganz besonderen Intimität und Geborgenheit. In Seestücken wie Alfred Stevens »Der Dampfer im Mondschein« (um 1893) lässt sich später die Begeisterung der Künstler für astrale Phänomene beobachten; der Himmel ist von Sternen übersät. Bei Jean-François Millet, in »Sternennacht« (um 1850) steht dagegen die Erhabenheit der Natur im Vordergrund und der bestirnte Himmel nimmt eine Hauptrolle ein. Zugleich gilt das Werk als »das präziseste Gemälde des Sternenhimmels aus dem 19. Jahrhundert, eine Art Sternenkatalog«, denn Millet bezog die neuesten astronomischen Erkenntnisse hier mit ein.

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Auf den folgenden etwa achtzig Seiten widmet sich die Autorin drei unterschiedlichen Positionen; Carl Spitzweg, Vincent van Gogh und Edvard Munch. Carl Spitzwegs Nachtdarstellungen sind geprägt von seinem Interesse für die Astronomie selbst, etwa in den unterschiedlichen Variationen des »Sterndeuters« (erstmals 1845, zuletzt 1875) und den Möglichkeiten einer Raumwirkung des Himmels. Verschiedene Bilder hat Spitzweg der Darstellung von Nachtwächtern und sogenannten Scharwachen, für die der Künstler sich begeisterte und die er Teils direkt vom Fenster aus malte. Verschiedene Belege konnte die Autorin ausmachen, in denen Spitzweg die Darstellung der Wachen mit einem bestirnten Nachthimmel, oft zwischen die Häuserschluchten eingebettet, verbindet. Die aufgehellte Architektur steht dabei in Kontrast zum dunklen Nachthimmel, an dem sich auch originalgetreue Sternbilder finden. Auf dem Hochformat »Die Scharwache« (um 1875) kann man etwa Kassopeia, Andromeda und Perseus entdecken. Es steht gleichsam exemplarisch für Spitzwegs Umgang mit dem bestirnten Himmel, den er zumeist ausschnittsweise als Bildelement, aber nicht als Hauptthema abbildet, und den er des Öfteren, aber nicht immer, einigermaßen naturgetreu wiedergibt.

Bei van Gogh ist dagegen eine regelrechte Entwicklung der Nachthimmeldarstellung zu beobachten, von »Caféterasse bei Nacht (Place Forum« (1888) über »Sternennacht über der Rhône« (1888) bis hin zu »Sternennacht« (1889). Diese, innerhalb von etwas mehr als einem Jahr entstandenen Bilder, fallen ein eine Phase, in der der Künstler den Wunsch entwickelt, eine Sternenmacht zu malen. Hier zeigt er den dunklen Nachthimmel zunächst in leuchtendem Blau, den er auch in einem Porträt seines Freundes Eugène Boch thematisiert. In beiden Bildern ist der Himmel zwar voller Sterne, aber kein dominantes Element. Anders sieht es bereits bei dem nur zwölf Tage später entstandenen »Sternennacht über der Rhône« aus, wo die Zivilisation zwar noch erkennbar ist, aber der Himmel bereits einen großen Teil der Komposition einnimmt. Dabei malte van Gogh den Sternenhimmel so wie der sich ihm darbot, also recht naturgetreu samt Großem Bären, Großem Wagen (etwas gekippt), aber auch einigen, eigentlich nicht in den Bildausschnitt passenden Sternen. Etwa ein dreiviertel Jahr später hielt er sich dann bereits in der Nervenheilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence auf und begann mit der Arbeit an einem seiner berühmtesten werke, der »Sternennacht«, mit der er seinen schon ein Jahr bestehenden Wunsch, eine Sternennacht mit Zypressen zu malen, in die Tat umsetzte. Hier ist der Himmel Hauptelement des Bildes, die kleine Stadt im Grunde genommen nur noch Beiwerk. In unterschiedlichen Stadien entstanden dabei zunächst die dominanten Zypressen, während er für den Himmel zunächst die blauen Flächen und erst im Anschluss die Sterne ausführte. Auch hier ist die Stellung der Sterne einigermaßen naturgetreu wiedergegeben. Gemeinsam ist allen drei Bildern die genaue Naturbeobachtung und eine entsprechend genaue Darstellung des Himmels, die etwa bei der »Sternennacht über der Rhône« durch kompositorische Eingriffe ergänzt wird.

Zuletzt widmet sich Moos dem Sternenhimmel bei Munch, bei dem die Nacht vor allem als Stimmungsträger fungiert. Das hier besprochene Seestück »Sternennacht«, das in zwei, im Abstand von zehn Jahren entstandenen Variationen existiert, zeigt etwa im Gegensatz zu van Goghs Werken eher kleine Sternenpunkte. Auch andere Bilder, wie »Unter den Sternen« warten mit einem ähnlich düsteren Sternenhimmel auf, und dienen vor allem als Transportmittel einer düsteren Stimmung.

Vanessa Moos‘ Arbeit schlägt so einen Bogen vom naturwissenschaftlichen Interesse an astralen Phänomenen, das eine entsprechend genaue Darstellung wie bei Grandville oder Millet impliziert, über die Arbeit mit Stimmungen und Raumphänomenen wie bei van Gogh, Spitzweg oder Munch. Auch bei letzterem lässt sich aber eine gewisse Genauigkeit in der Darstellung des Sternenhimmels nicht leugnen, wenngleich diese auch immer wieder ergänzt wird durch eigentlich im Himmelsausschnitt nicht sichtbare Sterne und Sternbilder. Insbesondere Spitzweg und van Gogh kann die Autorin dabei ein großes Interesse an astralen Phänomenen nachweisen, das sich mit einem Blick für die Lichteffekte der Nacht verbindet und so eine entsprechende Bildwirkung erzielt. Es scheint, dass die von der Autorin untersuchten Künstler zumeist genaue Naturbeobachter waren, die aber kaum genaue Überlegungen zu astronomischen Phänomenen anstellten. So bewegt sich die Sternenhimmeldarstellung des 19. Jahrhunderts zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis, individueller Naturbeobachtung und Bildwirkung.

Vanessa Moos‘ Dissertation wirft mit der Verbindung von astronomischer Erkenntnis und künstlerischer Darstellung ein Schlaglicht auf einen bisher wenig beachteten Schnittpunkt von Naturwissenschaft und Bildender Kunst. Ihre Wahl durchaus unterschiedlicher Künstler beweist dabei, dass sich Auseinandersetzung mit dem Sternenhimmel uns seiner Darstellung in unterschiedlichen Techniken und Intentionen niederschlug. In der genauen Betrachtung der abgebildeten Himmelsphänomene zeigt sich dabei ihre Stärke, denn so erschließen sich diese künstlerischen Sternenhimmel auch dem astronomischen Laien.