Ausstellungsbesprechungen

Venedig. Von Canaletto und Turner bis Monet

Dem Besucher in immer neuen Zugängen vor Augen zu führen, dass die Moderne, der sich der große Kunsthändler und Sammler Ernst Beyeler nun einmal verschrieben hat, keine creatio ex nihilo ist, - das gehörte schon häufiger zur Intention einer Ausstellung in der Basler Fondation. So schwelgerisch schön wie bei der aktuellen Schau „Venedig. Von Canaletto und Turner bis Monet“ ist es selten gelungen.

Aber die drei Eckpfeiler Canaletto, Turner und Monet sind vielleicht nicht einmal die eigentliche Entdeckung; mindestens ebenso lohnend ist es zu sehen, wie unbekanntere Maler, die man nicht auf Anhieb mit der Lagunenstadt in Verbindung gebracht hätte, die Serenissima sahen: James McNeill Whistler, der amerikanische Weltenbürger John Singer Sargent, der Symbolist Odilon Redon, der nicht nur als Radierer herausragende Schwede Anders Zorn oder auch Paul Signac.

In Riehen wird bewusst darauf geachtet, dass nicht die Klischees bedient werden, die sich mit diesem herrlichen „Gegengewicht zur Welt“ (Rilke) für die meisten Besucher verbinden. Ein anderes, ein modernes Panorama von Stadtansichten ist hier zu sehen. Dies konnte nur in einer bewussten Beschränkung auf die wichtigsten Maler so eindrücklich gelingen.

Etwa 150 Bilder vom 18. Jahrhundert bis an die Schwelle des 1. Weltkrieges, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, geben Aufschluss darüber, wie sich an Venedig, diesem klassischen Ziel aller Bildungsreisenden und Maler, neue Sichtweisen erprobten. Geheimer Schwerpunkt der Schau ist das Fin de siécle. Nicht jene Strömung der Epoche freilich mit dem rückwärts gewandten Blick der Décadence, sondern jene, die auch den Boden für so viel Wegweisendes bereitet hat.

In den ersten Räumen findet der Besucher mit Canaletto und Guardi die beiden häufig antipodisch gesehenen Begründer der Vedutenmalerei: hier, bei Canaletto, die lichten Ansichten in zeichnerischer Schärfe und perspektivischer Strenge, die sich gleißendem Licht und klarer Schlagschatten (aber auch schon einem moderneren Hilfsmittel wie der Camera obscura) verdankt. Dort, bei Francesco Guardi, die oft dunkel-verhangene Fleckenmalerei mit dem Sinn für die Straßenszenen des 18. Jahrhunderts, als die reichen Patrizier der Stadt den Rücken zukehrten und sich mehr und mehr in ihre Brenta-Villen auf die terre ferma flüchteten. Besonders Guardi fing auch die Atmosphäre des gar nicht lustigen Karnevals ein, der immer länger ausgedehnten Zeit der Masken und amourösen Stelldicheins. Doch in der Riehener Ausstellung kommen sich die beiden Maler überraschend nah. Nicht nur Canaletto steht für die Qualität der exakten Wiedererkennbarkeit: für die Vedute als Souvenir der Grand Tour. Beide Maler liefern für den Kunstmarkt jene Erinnerungstrophäen, wie sie sich gerade in englischen Adelshäusern größter Beliebtheit erfreuten. Und nicht nur Francesco Guardi betont das Erzählerische, Atmosphärische, die flüchtige und nicht selten auch etwas düstere Stimmung des verbleichenden Glanzes.

Ein Höhepunkt der Ausstellung sind sicherlich die beiden Räume mit den Werken William Turners. Mehrfach besuchte er zwischen September 1819 und 1840 die Lagunenstadt. Er liebte in ganz anderer Weise das Zwielicht im Übergang von Tag zur Nacht und die Stadt als fernen Prospekt. So konnte er (im Gegensatz zu Canaletto) die Fülle der Einzelheiten ausblenden, das Wesentliche der Topographie einfangen und ins Monumentale steigen. Das Spiel der Spiegelungen und das flutende Licht in einer oft wie ausgewaschenen Zwischenzone lösen beinahe jede Gegenständlichkeit auf. Sie steigern die Stadtansichten ins Visionäre zu fast gegenstandsloser Farbmusik. Dabei kam es Turner entgegen, dass gerade die Leichtigkeit und Flüchtigkeit der Wasserfarben dieser Stadt zu entsprechen schien. Wunderbar, dass es den Ausstellungsmachern gelungen ist, mit den Leihgaben der Tate einen ganzen Raum zu füllen.

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Wie modern der große Romantiker ist, erweist sich erst recht, wenn man die beiden Räume daneben hält, die Paul Signac und Odilon Redon vorbehalten sind. Das ist nahezu hundert Jahre später, und doch wirken die divisionistischen Rasterbilder des Postimpressionisten so konventionell und angestaubt wie eine Malaufgabe für Oberschüler. Und Odilon Redons Fregatten haben auch im sonst bei diesem Maler so delikaten Kolorit absolut nichts Geheimnisvoll-Mystisches; sie sind geradezu langweilig und lassen den Bezug zu Venedig kaum erkennen. 

Aber (zeitgleich) Monet! - Es hat auch sein Gutes, wenn eine Ausstellung so überfüllt ist wie diese: Man entdeckt erst aus der Distanz von gut 10 Metern das wahre Anliegen des großen Impressionisten. Aus den unterschiedlichsten Museen sind hier serielle Bilder so zusammengehängt, wie sie Monet 1908 malte: Nicht um das Malen der Palazzi am Canal Grande ging es ihm, sondern um das Malen des Lichts, um das Malen an sich. „Das Ding an sich“, um mit Kant zu sprechen, also das Sujet des Palazzo Dario, Mula oder Contarini, ist geradezu austauschbar geworden. Nur die blaue Stunde zählte, welche das Wasser des Canals und die wie hängende Orientteppiche wirkenden Fassaden entkörpert. In der Mitte eine Trennlinie für zwei flirrende Colorfields. Claude Monet als Vorläufers Marc Rothkos, - das ist ganz im Sinne Ernst Beyelers.

Eine besondere Entdeckung für das breitere Publikum dürften die letzten beiden Säle sein. Sie zeigen die Bilder von John Singer Sargent und Anders Zorn. Der amerikanische Weltbürger wie der Schwede kamen seinerzeit als Porträtisten durchaus dem Zeitgeschmack entgegen. Akademische Könnerschaft, der Sinn für gewagte Perspektiven und ein stupender, nach Virtuosenapplaus schielender Strich sind gerade bei diesen etwas mondänen Malern zu bewundern. Besonders als Aquarellist dürfte Singer Sargent, der immer wieder im Palazzo Barbero abstieg und selbst fließend Italienisch sprach, für viele heute noch Maßstäbe gesetzt haben. Folgt er in seinen Ölbildern von venezianischen Hintergassen und Interieurs der gewagten, ja radikalen Monochromie spanischer Vorbilder, so entpuppt er sich in seinen Aquarellen, die er immer wieder in wackligen Gondelfahrten - aus der Sicht eines Touristen also - aufs Papier wirft, durch und durch als Impressionist. Wunderbare Bilder: mutig, kräftig, frei.

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Öffnungszeiten
Täglich 10 - 18 Uhr, mittwochs 10 - 20 Uhr.
Das Museum ist an allen Sonn- und Feiertagen geöffnet! Mittwoch, 24. und 31. Dezember 2008 10 - 18h