Ausstellungsbesprechungen

Von Barbizon bis ans Meer. Carl Malchin und die Entdeckung Mecklenburgs. Staatliches Museum Schwerin, bis 6. Oktober 2019

In Schwerin kann noch bis in den Herbst hinein der wenig bekannte, aber sehr bedeutende Landschaftsmaler Carl Malchin entdeckt werden. Stefan Diebitz hat sich auf den Weg gemacht.

Carl Malchin, Sommer (Schweriner Schloßgarten), 1895 (© Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Foto G. Bröcker) Carl Machin Ausstellungsansichtl © Stefan Diebitz Carl Malchin, Mondscheinstimmung am Schweriner See (© Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Foto G. Bröcker) Narcisso Virgilio Díaz de la Peña, Im Wald, um 1850 (© Sammlung Christoph Müller, Berlin)
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Carl Malchin, 1838 in Kröpelin bei Rostock geboren, war ein Spätberufener. Nachdem er für den eigentlich erwünschten Beruf des Schiffsbauers körperlich nicht geeignet war, wurde er Landvermesser. Als er sich 1860 bis 1862 in München fortbildete, beschäftigte er sich intensiv mit der Kunst, ohne aber sein Studium zu vernachlässigen. So konnte er zunächst Ingenieur im Dienst des Großherzogs von Schwerin werden, gemalt wurde in der Freizeit. Nachdem Malchins erstes Bild ausgestellt wurde, intervenierte angesichts seiner offensichtlichen Begabung der Hofmaler Theodor Schoepke beim Mecklenburger Großherzog. Malchin erhielt ein Stipendium für die Kunsthochschule Weimar, wo er sich unter dem Einfluss von Theodor Hagen und Albert Brendel dem Realismus zuwandte.

Die Überschrift der Schweriner Ausstellung ist verwirrend. Denn wo liegt Barbizon? In Frankreich, ganz in der Nähe des großen Waldes von Fontainebleau, wo Carl Malchin tatsächlich aber nie gewesen ist. Der Titel spielt darauf an, dass der Mecklenburger Maler über Umwege von Landschaftsmalern aus der Schule von Barbizon beeinflusst wurde. Wie seine Kollegen bevorzugte auch Malchin wenig spektakuläre Ansichten. Und wenn man vom Schweriner Schloss absieht, malte er kaum Prunkbauten seiner Zeit, sondern vielmehr Hütten, Katen und reetgedeckte Fischerhäuser. Die wenigen Porträts zeigen einfache, sogar arme Menschen, jedoch nie den Adel oder das große Bürgertum. Daher steht Malchins Realismus keineswegs allein für die stilistische Ausrichtung seiner Malerei, sondern gleichzeitig für eine soziale: Viele seiner Bilder geben ungeschminkt die furchtbare Armut der Mecklenburger Landbevölkerung des 19. Jahrhunderts wieder, wie sie schon zuvor auch in Wilhelm Raabes Roman »Hungerpastor« (1853) dargestellt wurde. (Lesetipp dazu: Der Katalogbeitrag »Der Alltag auf dem platten Lande in Mecklenburg« von Reno Stutz)

Neben seinem ursprünglichen Beruf – Landvermesser – und den Einflüssen seiner Lehrer wirkte sich noch ein dritter Faktor entscheidend auf Malchins Stil aus: Der Großherzog stellte ihn als Restaurator seiner umfangreichen und hochwertigen Bildersammlung ein – so erscheint es nur logisch, dass Malchins Malweise wie Motivwahl an die Niederländer erinnern, die seit langem einen Schwerpunkt der Schweriner Sammlungen bilden. Beispielsweise malte Carl Malchin wie Paulus Potter mehrfach das liebe Vieh – in dieser Ausstellung findet sich ein ganz wunderbares Beispiel davon mit sich abkühlenden Kühen in einem flachen Teich. Dominante Spezies in den realistischen Landschaften bleiben aber die Schafe, ganz so wie bei den Vorbildern aus Barbizon. Einen Hang zur Genremalerei hatte Malchin vielleicht auch schon zuvor besessen, aber die Niederländer werden ihn darin noch einmal bestärkt haben. (Im begleitenden Katalog behandelt Gero Seelig die Arbeit Malchins für die Sammlungen ausführlich und die damit verbundene glückliche Fügung des Schicksals)

Die sehr große, durchdachte und reiche Ausstellung – fast dreihundert Arbeiten! – zeigt neben dem Œuvre Malchins noch eine Reihe von schönen Bildern aus dem Barbizon–Umfeld (fast ausschließlich Landschafts– und Genregemälde). Es ist eine wenig spektakuläre, auf genaue Beobachtung der Wetter– und Lichtphänomene wie der Natur beruhende, stets sauber ausgearbeitete Pleinairmalerei. Ein lichtdurchfluteter Waldweg von Narcisso Virgilio Díaz de la Peña (1807 – 1876), einem der Hauptvertreter der Barbizoner Künstlerkolonie, zählt zu den Höhepunkten der Schau.

Die Schule von Barbizon (sie wird im Katalog von Kurator Tobias Pfeifer–Helke in seinem eröffnenden biografischen Essay vorgestellt), die Einflüsse der Weimarer Lehrer und die ihm anvertraute Niederländer–Sammlung, sie alle führen Malchins Stil in dieselbe Richtung: hin zu einer dunklen und erdigen, einer »düster–regenschweren Malerei«, so Pfeifer–Helke: »Typisch für Malchins Malerei ist ein Himmel mit Wolken, die sich zu Haufen, Knäuel oder Ansammlungen ballen und auftürmen, hier und da das Sonnenlicht durchscheinen lassen und vor allem mit großer Eile über die Landschaft dahinziehen und stürmen«.

Die Krönung der Ausstellung ist sicherlich das Mecklenburg–Panorama im letzten Saal, das sage und schreibe 147 topografisch geordnete Landschaften umfasst: Viele, dicht an dicht aufgereihte Ölskizzen in der Größe von Zigarrenkisten, hängen dabei unterhalb von mittelgroßen Gemälden, die teils die freie Natur, teils das Mecklenburger Dorfleben oder auch die Residenzstadt Schwerin mit ihrem im See gelegenen Schloss zeigen.

Die große Bedeutung der Ölskizze für das Werk Malchins, der fast alle diese kleinen Arbeiten eigenhändig signierte, wird im Katalog von Claudia Denk behandelt. Plausibel schlussfolgert sie, dass die Ölskizze »eine der innovativsten Bildmedien des 19. Jahrhunderts« ist, und findet, dass es ist nicht allein für die »Liebhaber Mecklenburgs eine spannende Sache sei, die Vielzahl dieser kleinen Bilder zusammen mit den mittelgroßen Gemälden abzuschreiten«. Es beginnt im Osten mit Rügen, Darß und Ahrenshoop, und zwar mit Bildern, die weder den aufkommenden Tourismus noch die Künstlerkolonie des frühen 20. Jahrhunderts erahnen lassen. Im Westen schweift der Blick bis nach Boltenhagen und Lübeck, ja sogar bis nach Schleswig. Und wo man auch hinsieht: Immer wieder morastige Dorfstraßen, alte Mühlen, ziehende Wolken…


Katalog: Von Barbizon bis ans Meer. Carl Malchin und die Entdeckung Mecklenburgs. Herausgegeben von Tobias Pfeifer-Helke. Deutscher Kunstverlag 2019
256 Seiten