Ausstellungsbesprechungen

Zero: Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre, Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 8. Juni 2015

Feuer, Rauch, Licht, Wasser – dies sind die Materialien, aus denen die puristischen Arbeiten der Zerokünstler in den 50er und 60er Jahren gemacht sind. Zero ist die Vorstellung einer zurückgenommenen Kunstästhetik, die das moderne Kunstverständnis der Nachkriegszeit in Deutschland und der internationalen Kunstmetropolen wie Berlin, Amsterdam und New York prägte. Jaqueline Menke hat sich auf die Spuren des Zero begeben.

Erstmalig präsentiert ein Ausstellungshaus die Arbeiten der Zero-Bewegung in solch ausgedehntem Format. In 21 Räumen, die in Themenschwerpunkte wie Farbe, Bewegung, Raum und Struktur gegliedert wurden, sind mehr als 200 Werke von 43 Künstlern aus 13 Ländern vertreten. Weit oben auf der Liste stehen die Namen der drei Düsseldorfer Gründungsväter Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack. Das Ensemble aus Yves Klein Jean Tinguely, Piero Manzoni und Jan J. van Schoonhoven gibt der Auswahl einen internationalen Esprit.

Die Konzeption der Ausstellung ist klar strukturiert und folgt Raum für Raum demselben Schema. Der erste Raum widmet sich dem Thema Zeit und Raum; die Künstler: Lucio Fontana, Günther Uecker und Otto Piene. Zu sehen sind Fontanas perforierte Leinwände mit dem Titel »concetto spaziale« (»Raumkonzepte«), eben sein Verständnis von der neuen Kunstform, die nach einer Einheit von Raum und Zeit verlangt. Daneben hängen die Sand- und Bronzebilder von Uecker und Pienes »Stencil paintings«. Im nächsten Raum steht der Besucher dann Yves Kleins dominanten Farbleinwänden gegenüber. Natürlich sind hier die »Monochromes sans titre« zu sehen, das von ihm partentierte ultramarinblaue Bild darf natürlich nicht fehlen. Sein kunsttheoretischer Ansatz, sich auf die Totalität der Farbe ohne einen erkennbaren Duktus einzulassen und damit einen Zustand der Leere und schlussendlich der Freiheit auszulösen, ist nach einer kurzen Einfühlzeit bis ins kleinste Detail spürbar. Gerade erst den Rundgang begonnen, wird sich der Besucher der Experimentierfreude der Avantgardekünstler mit dem Material und dessen Wirkunsgästhetik bewusst.

Tradierte Kunstformen scheinen damit überwunden zu sein. Die Künstler reagieren auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse durch eine für diese Zeit neue künstlerische Ausdrucksform. Es entsteht ein Dialog zwischen Werk und Betrachter, eine intime Interaktion, die mitreißend ist, träumen lässt und in einer beruhigenden Stille ausklingt – und das auf eine ganz unterschiedliche Art und Weise: Yves Klein schlitzt Leinwände durch senkrecht verlaufende Schnitte auf. Er vollzieht damit einen dynamischen Akt (der Zeit), der, wie er sagt, einen Raum im Bild entstehen ließe und gleichzeitig eine dritte Dimension erreichen würde. Diese neue Arbeitweise und sein Bidlkonzept stehen ein für die fast schon brutale Zerstörung der überholten Kunstvorstellungen.

Otto Piene verwendet selbskonstruierte Rasterschablonen. Diese setzt er auf die Leinwände und drückt die zähe Farbe hindurch. Was dabei ensteht, ist eine klare Struktur, ein Rahmen durch welchen die Farbe zur ihrer puren Entfaltung kommt. Vereinfacht auf eine Formel gebracht erzeugt er eine freien Farbverlauf durch formale Strukturiertheit. Ein Widerspruch? Keinesfalls! Überraschenderweise enstehen rhythmisch gegliederte, harmonische Farbverläufe, die eine reine, schlichte Natürlichkeit austrahlen. (Otto Piene,Rasterbild, 1958, Öl auf Leinwand, 25 x 30 cm, Helga und Edzard Reuter, Stuttgart ).

Diese Kontinuität im Bild greift der Holländer Jan J. Schonhoven in seinen Arbeiten auf und hebt sie auf eine weitere künstlerisch-ästhetische Ebene: mehrfach aufeinandergeschichtete Pappen lassen einen überdimensional großen Pappquader enstehen. Indem er eine komplette Wandseite des Raumes einnimmt, wirkt er befremdlich, fast beängstigend groß. Tritt man näher heran, kann man die Struktur der einzelnen Schichten erkennen. Sie ergeben aufeinandergestapelt und in sich eine rhythmische, wiederholbare Abfolge. Die Wirkung hat etwas monotones, vielleicht sogar, überspitzt formuliert, etwas stumpfes in Kombination mit dem alltäglichen Material. Nach einigen Minuten spürt man auch hier den Doppelsinn, der in einer angenehmen Ruhe und in einem Moment der Zeitlosigkeit mündet.

So taucht man, geladen von visuellen Eindrücken, Raum für Raum in eine für sich eigene, neu interpretierte Welt des einzelnen Künstlers ein, in der das Material auf fazinierende Weise bearbeitet, variiertund inszeniert wird. Neben den genannten Arbeiten stechen die von Reflexen und Spiegelungen dominierten Installationen von Heinz Mack ins Auge. Günther Uecker zeigt im Saal 16 seine Arbeit »Kosmische Vision« (Lichtscheiben, 1961-1981). Damit leitet die Arbeit in eine kosmische, irreale Atmosphäre, in die sich der Besucher begibt, über.

Das Highlight der Ausstellung ist der historische Lichthof des Gropius Baus: Dort präsentiert sich der Zero-Wanderzirkus, gemeint ist damit das Prinzip als Künstergruppe von Ort zu Ort zu ziehen und für einen regen, internationalen Austauch zu sorgen. Neben diversen Zeitungsartikeln, Plakaten und Höreditionen, schwingt die Installation von Heinz Mack durch den Raum:eine riesige, sich um sich selbst drehende Scheibe, die an der Decke des Lichthofes hängt und den bereits evozierten, kosmischen Eindruck verstärkt.

»Zero ist Stille, Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich. Zero ist der Mond. Die Nacht – dynamo, dynamo, dynamo. Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang, Zero ist rund. Zero ist Zero.« (Heinz Mack, Otto Piene, Günther Uecker: Zero der neue Idealismus, 1963). Dieses Manifestzitat bringt abschließend auf den Punkt, was die Zero-Bewegung ausdrücken wollte. So impulsiv und mit einem idealistisch aufgeladenen Pathos die Kunstbewegung in einer Zeit des Neubeginns enstand, so schnell verpuffte sie auch wieder. Welcher künstlerische Wert dennoch blieb, wird mit dieser Ausstellung eindrucksvoll ins Gedächtnis gerufen.