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100 Notizen - 100 Gedanken über die documenta

In zwei Wochen ist es soweit: Am 9. Juni öffnet die documenta in Kassel ihre Pforten für die Reflexion über Kunst und Gesellschaft. Zur Einstimmung auf das diesjährige Großereignis wurden im Hatje Cantz Verlag 100 Notizbücher veröffentlicht, die den Leser mit dem Gedankenkonstrukt hinter der documenta (13) vertraut machen. Rowena Fuß hat eine Auswahl gelesen.

Den ersten Hinweis auf das Konzept der 13. documenta gibt Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der diesjährigen Ausgabe, in ihrem »Brief an einen Freund«. Dazu zitiert sie aus einer Beschreibung des Sklaventanzes Bamboule: »Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit«.

Als Teil von vielen volkstümlichen Ritualen kann tanzen dazu dienen, mit der Geisterwelt in Kontakt zu treten, den Schwertkampf zu üben, jemanden zu begrüßen oder den Sinn für Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zu schärfen. Letzteres ist auch durch eine gemeinsame Mahlzeit möglich.

Mit durchschnittlich etwa 15 Seiten und einem Format, das bequem in die Handtasche passt, muten die Notizheftchen denn auch wie kleine hors d’œuvre an. Die Hauptkomponenten des mehrgängigen documenta-Menüs bilden die Fragen, was die documenta sein wollte und was die aktuelle Ausstellung möchte. Häppchenweise versorgen die Hefte den Leser mit Gedanken zu den Themen Umgang mit der NS-Zeit, Gastfreundschaft, Kunst im digitalen Zeitalter, Esoterik und Konsumgesellschaft.

»Kunst ist nicht Kunst, wenn sie nicht heilen kann« verlautet der Text von Chus Martinez über Alejandro Jodorowsky und dessen Beschäftigung mit dem Tarot de Marseille. Heutzutage dient das alte Kartenspiel in erster Linie der Selbsterkenntnis und der Situationsanalyse. Jodorowsky war der Meinung, dass die symbolische Aufladung von Wörtern und Bildern zu einem Transformationsprozess führe, der Wirkungskräfte freisetze.

Beschäftigen wir uns daher eingehender mit der ersten documenta. Der Künstler Ian Wallace hat sich ihr gewidmet. Laut Wallace ist die documenta Dreh- und Angelpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Begründung liegt in der Zeit ihrer Entstehung. Die erste documenta war 1955 ein Bekenntnis zur abstrakten Kunst. Sie zielte einmal auf die Aufwertung der in der NS-Zeit als „entartet“ gebrandmarkten modernen Kunst. Ferner bezweckte sie die Wiedereingliederung von v.a. abstrakten deutschen Künstlern in den Strom der Nachkriegszeit ab. Durch die erste documenta erhielten die Besucher die Chance, sich öffentlich am Urteilen und Anerkennen und somit öffentlich an der Wiedergutmachung zu beteiligen.

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Die Tarot-Karten verkünden Ähnliches: Symbolisiert durch die Karte des Papstes steht die erste documenta wesensmäßig unter dem Zeichen der Sinnsuche, der Einsicht, des Mitgefühls und des Optimismus. Mit der diesjährigen documenta sieht es anders aus: Nach außen steht die Kraft, im Innern die Herrscherin. Interessant ist die Wachstumskarte für 2012: Der Herrscher zeigt eine Zeit der Verwirklichung und Läuterung an. Klingt so, als würde es wieder einmal spannend werden in Kassel.

Für Carolyn Christov-Bakargiev ist die documenta eine Geistesverfassung. Sie ist die Manifestation von Zusammenbruch und Neubeginn, hervorgegangen aus dem lokalen Trauma nach dem 2. Weltkrieg. Sie sieht die Ausstellung als Schnittpunkt zwischen der gesellschaftlichen Funktion von Kunst und ihrer Autonomie. Ihr geht es weniger um eine neue Betrachtung von zeitgenössischer Kunst und dem darin enthaltenen sozialen bzw. radikalen Potenzial, als darum, die Gegenwart zu begreifen — indem sie sie in Beziehung zu Ideen der jüngeren Vergangenheit setzt. Es erinnert an eine Aussage der documenta X-Leiterin Catherine David im Kurzführer zur Ausstellung, wo sie fast wortwörtlich dasselbe sagte.

Aber zurück zu Christov-Bakargiev: Ihr Mittel zum Durchblick ist das Erzählen von Geschichten. Geschichten von Gesten, Handlungen, Beziehungen und Gesprächen zwischen einzelnen Individuen am selben Ort oder verschiedenen Orten. An dieser Stelle kommt die Reihe »100 Notizen – 100 Gedanken« ins Spiel. Die Hefte sollen als Gedächtnisstütze und –spur dienen. Statt feststehender Aussagen präsentieren die Büchlein Gedankenvariationen, die zum Nachdenken einladen.

Welche Geschichten erzählen die 100 Notizen nun? Zum Beispiel die namenloser NS-Opfer. Konkret geht es bei Griselda Pollock um Charlotte Salomon. Die Jüdin schuf einen umfangreichen narrativen Zyklus mit dem Titel »Leben? oder Theater?«, bevor sie 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Text und Bilder des Zyklus schlagen eine Brücke zwischen klassischen und jüdischen Mythen über den Ursprung der Menschheit und der Kunst, die in Salomon zusammenlaufen. Sie versucht mit ihrem Werk sich selbst zu finden und dem schöpferischen Ich einen Namen zu geben. Dies geschieht durch eine visuell-akustische Einschreibung in eine psychische oder imaginierte Reise in den Tod und wieder zurück.

Ein KZ spielt auch in einigen anderen Heften von »100 Notizen – 100 Gedanken« eine besondere Rolle. Es handelt sich um das ehemalige KZ Breitenau bei Kassel, das als ein Korrespondenzort der documenta (13) fungiert. Bilder von leeren Etagenbetten, Fluren, Treppenhäusern und Duschen finden sich bei der Künstlerin Emily Jacir und der Philosophin Susan Buck-Morss. Einzig ein Arbeitsraum mit mehreren Frauen an Schreibtischen ist belebt. Allerdings sind die Personen durch einen schwarzen Balken im Gesicht anonymisiert worden. Ihnen werden Bilder aus dem heutigen Kassel gegenübergestellt: Aufnahmen von leeren Straßen, geschlossenen Läden und Hochhäuserghettos. Der Archiv-Charakter des Heftes folgt einem Zitat von Walter Benjamin: »History breaks down into images, not into stories«.

Der Kunsthistoriker und Kulturkritiker Peter György erkennt in dem KZ in seiner Rolle als Teil der aktuellen documenta hingegen einen Paradigmenwechsel im kuratorischen Konzept: die Verbindung von zeitgenössischer Kunst mit der Lokalhistorie. Zu begründen ist dies, so György damit, dass die zeitgenössische Kunst ihr Medium verloren hätte. Daher gewinnt von nun an der Schauplatz an Bedeutung.

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Vom Arbeitslager führt der Weg zum gegenwärtigen Ort der Plackerei. ln »Der Exorzist und die Maschinen« schildert der Professor für Social and Cultural Analysis Andrew Ross den mobilen Büroalltag. Dank technischer Hilfsmittel wie Netbook, Smartphone & Co können Kreative überall arbeiten, ob im Café, im Zug oder sonst wo. Unsere Träume über perfekte Helfer filtert die Industrie über Social Media-Daten und lässt sie dann mittels ultrafleißiger Arbeiter in China und ein paar Maschinen wahr werden. Dass sich der Kreative mit seiner Besessenheit, überall erreichbar und geschäftig sein zu müssen, nur selber schädigt, genau wie die chinesischen Arbeiter, die seine Multimedia-Prothesen herstellen, scheint vielen nicht bewusst. Zeit für einen Exorzismus!

Es gibt aber auch Positives zu vermelden, wie David Links »Das Herz der Maschine« demonstriert. Der Künstler hat mit Hilfe eines Turing-Programms einen Computer dazu gebracht, niedliche kleine Liebesbriefe zu produzieren. Was uns die Geschichte lehrt, ist, dass die Liebe im digitalen Zeitalter nicht verloren geht, da sie vorprogrammiert ist. Eine Auswahl der Briefe kann übrigens im Anschluss an den Text gelesen werden.

Schließlich senden die Künstlerin Ana Prvacki und die Dozentin für Women’s Studies und Kunst Irina Aristarkova mit »Das Begrüßungskomitee berichtet« einen Aufruf an die Gastfreundschaft an den Leser. Die theoretischen Ausführungen zum Begriff werden dabei regelmäßig durch persönliche Erlebnisse von Prvacki unterbrochen. Sehr unterhaltsam sind auch die Randnotizen zu Berühmtheiten wie Bill Clinton, Louis XIV oder Gandhi und ihrem Verhalten in Gesellschaft.

Fazit: Es ist keine leichte Kost, die die Macher und Teilnehmer der documenta uns mit den Notizbüchern vorsetzen. Insbesondere die Essays von Christov-Bakargiev sind dicht gepackt und komplex. Trotzdem lässt sich die Diskussion um die zeitgenössische Kunst unter den Stichworten Kollaboration und Archiv gut verfolgen — Bissen für Bissen.

Weitere Informationen

Zu den einzelnen Heften der Reihe »100 Notizen - 100 Gedanken« gelangen Sie hier.