Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

»Aus/gezeichnet/zeichnen«, Käthe Kollwitz Museum Köln, bis 9. Mai 2010 und »Linie Line Linea«, Kunstmuseum Bonn, bis 16. Mai 2010

Die Zeichnung hat in der Diskussion der Kunst immer eine zentrale Rolle gespielt, doch gerade in den vergangenen Jahren wurde ihre Bedeutung als globale Bildsprache international wieder besonders sichtbar. In der Konzentration auf Linie und Fläche, Stift und Papier reicht das Spektrum von der improvisatorischen Bewegung zum komplexen Bild der Welt, von individueller Erfahrung zur Alltagskultur, vom Konzept zur Reportage. Neben traditionellen Verfahrensweisen verdeutlichen photographische und digitale Konzeptionen sowie Mischformen die enorme Spannweite des zeitgenössischen Zeichnungsbegriffs. Günter Baumann hat sich mit dem Medium Zeichnung in der Kölner und Bonner Ausstellung für PKG beschäftigt.

Wer das Buch »Die Kunst der Zeichnung« von Walter Koschatzky, des langjährigen Leiters der Wiener Albertina, noch im Sinn hat, hat zum Thema seiner epochalen Einführung die disziplinierte, aber auch vorwiegend dienende Linienführung vor Augen. Stetig hat sich die Zeichnung, die älteste künstlerische Gattung der Menschheit – man denke an die Höhlenzeichnungen oder an archaischen Ritzkerben in Steinen – bis hin zur Renaissance zu einer respektablen zeichenhaften Sprache entwickelt, aber sie ist fast immer und bis ins 19., 20. Jahrhundert Hilfsmittel geblieben, Studie, Vorlage, Fingerübung. Daneben mauserte sich die Kunst der Linie im Alltag zu einer Art Leitmedium, das in der Welt der Zeichen (als Grundelement der Semiotik und der Schrift sowieso) nicht mehr wegzudenken ist. Da ist es kein Wunder, dass die Künstler des 20. Jahrhunderts die Chance ergriffen und nutzten, aus der Zeichnung eine vollwertige, vielseitige und (ausdrucks)starke Gattung zu machen. Die Kunstlandschaft hat sich darauf eingestellt, heute mehr denn je: In Köln zeigt das Käthe Kollwitz Museum die Ausstellung »aus/gezeichnet/zeichnen« und gleich um die Ecke glänzt das Kunstmuseum Bonn mit einer Schau über die »Linie Line Linea« – da fügt es sich, dass im Juni im schwäbischen Eislingen die 4. Biennale der Zeichnung beginnt. Die Zeichnung ist kein Mauerblümchen mehr, sie scheint vielmehr die Bühne der Gegenwartskunst wesentlich mitzugestalten.

Ausdruck dieser vielfältigen Präsenz ist schon die etwas manierierte Titelgebung der Kölner Ausstellung, die schlagwortartig alle Facetten der modernen Zeichenkunst abdecken will. Das ehemals brave Lob ausgezeichneter Arbeit reicht nicht mehr aus (die Beherrschung der Griffel-Kunst deckt längst nicht mehr die Ansprüche an die Zeichnung ab), wie darüber hinaus die ehemalige Dominanz der gezeichneten Linie kein alleiniges Kriterium der Charakterisierung mehr ist, weshalb es sich salopp gesagt im Linienfeld ausgezeichnet hat (die Linie reicht mittlerweile ins Malerische, Plastisch-Installative, Fotografische und Architektonische, sogar ins Konzeptuelle und Digitale hinein) – letztlich wird aber immer noch, irgendwie, gezeichnet, und auszeichnungswürdig sind die beteiligten Künstler(innen) allemal… Das mag im programmatischen Ansatz gekünstelt anmuten, wird aber souverän überspielt in der Präsentation der autonomen Zeichenkunst, wie sie sich insbesondere im 20. Jahrhundert darstellt. 2009 war die Kölner Ausstellung – in anderer, reduzierter Form – bereits in der Berliner Akademie der Künste zu sehen. Rund 200 Arbeiten von über 60 Künstlern sind eine stolze Zahl, und das gute Dutzend verstorbener Beiträger unterstreicht nur die Tragweite einer ansonsten jungen bzw. jüngeren, höchst lebendigen Szene.

Die Beteiligten Künstler in Köln sind: Gerhard Altenbourg (1926-1989), Dieter Appelt (geb. 1935), Armando (geb. 1929), Frank Badur (geb. 1944), Joseph Beuys (1921-1986), Eberhard Blum (geb. 1940), Lothar Böhme (geb. 1938), Eduardo Chillida (1924-2002), Emil Cimiotti (geb. 1927), Carlfriedrich Claus (1930-1998), Anthony Cragg (geb. 1949), Tacita Dean (geb. 1965), Jim Dine (geb. 1935), Arnold Dreyblatt (geb. 1953), Hartwig Ebersbach (geb. 1940), Bogomir Ecker (geb. 1950), Valie Export (geb. 1940), Thomas Florschuetz (geb. 1957), Jochen Gerz (geb. 1940), Bruno Goller (1901-1998), Dieter Goltzsche (geb. 1934), Gotthard Graubner (geb. 1930), Erich Hauser (1930-200), Erwin Heerich (1922-2004), Bernhard Heiliger (1915-1995), Karl Horst Hödicke (geb. 1938), Rebecca Horn (geb. 1944), Alfonso Hüppi (geb. 1935), Magdalena Jetelová (geb. 1946), Joachim John (geb. 1933), Ivan Kafka (geb. 1952), Gerhard Kettner (1928-1993), Ronald B. Kitaj (1932-2007), Willem de Kooning (1904-1997), Christina Kubisch (geb. 1948), Raimund Kummer (geb. 1954), Bernhard Luginbühl (geb. 1929), Marwan (geb. 1934), Bruce Nauman (geb. 1941), Wolfgang Petrick (geb. 1939), Hermann Pitz (geb. 1956), Markus Raetz (geb. 1941), Arnulf Rainer (geb. 1929), Bridget Riley (geb. 1931), Karin Sander (geb. 1957), Hanns Schimansky (geb. 1949), Michael Schoenholtz (geb. 1937), K. R. H. Sonderborg (1923-2008), Daniel Spoerri (geb. 1930), Klaus Staeck (geb. 1938), Walter Stöhrer (1937–2000), Werner Stötzer (geb. 1931), Rolf Szymanski (geb. 1928), Antoni Tàpies (geb. 1923), André Thomkins (1930-1985), Rosemarie Trockel (geb. 1952), Günther Uecker (geb. 1930), Hans Uhlmann (1900-1975), Micha Ullman (geb. 1939), Emilio Vedova (1919-2006), Hans Vent (geb. 1934), Dorothee von Windheim (geb. 1945), Klaus Wittkugel (1910-1985).

Selbstredend sind hier klassische Zeichnungen genauso vertreten wie eben jene Grenzüberschreitungen, die etwa Ebersbach zur Malerei hin aufweist, wie Raetz sie in der Plastik zeigt. Und Jetelová macht auf faszinierende Weise deutlich, dass sich Fotografie und Zeichnung nicht ausschließen, was wir in Verbindung mit der Schrift nie bezweifelten, wie wir es bei Claus sehen, wenngleich deren Prozesshaftigkeit nur selten so klar vor Augen gestellt worden ist wie bei Dreyblatt. Die Fülle der Beispiele ließe sich endlos ausbauen, immer wieder stellt sich ein Staunen ein, wie dehnbar und widersprüchlich und zugleich wie stark und charaktervoll die Zeichnung sich heute zu äußern versteht. Die gleichbleibende, bruchlose Höhe in der Qualität der Arbeiten ist sicher auf die Bedeutung der Akademie der Künste zurückzuführen, deren Mitglieder nun – nach Berlin – in Köln ausstellen. Der Kurator und Direktor der Sektion Bildende Kunst, Robert Kudielka, schrieb dazu, dank der internationalen, generationsübergreifenden Mitgliedschaft »war es möglich, ohne konzeptuelle Verrenkungen eine exemplarische Ausstellung dessen, was Zeichnung heute sein kann, zu präsentieren«.

Auch in der zweiten, der Bonner Ausstellung, geht es um Zeichnung, die ihr ureigenes Medium gleich dreifach im Titel führt: »Linie Line Linea« – er macht zugleich auf den globalen Aspekt aufmerksam. Kein Wunder, steht doch hinter der Schau das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart. Die 20 Teilnehmer sind vergleichsweise überschaubar, aber nicht minder aussagekräftig wie die der anderen Ausstellung. Hier heißen die Teilnehmer: Irina Baschlakow (geb. 1967), Marc Brandenburg (geb. 1965), Monika Brandmeier (geb. 1959), Fernando Bryce (geb. 1965), Marcel van Eeden (geb. 1965), Gerhard Faulhaber (geb. 1945), Katharina Hinsberg (geb. 1967), Pauline Kraneis (geb. 1970), Pia Linz (geb. 1964), Christiane Löhr (geb. 1965), Theresa Lükenwerk (geb. 1962), Nanne Meyer (geb. 1953), Thomas Müller (geb. 1959), Christian Pilz (geb. 1978), Alexander Roob (geb. 1956), Malte Spohr (geb. 1958), German Stegmaier (geb. 1959), Markus Vater (geb. 1970), Jorinde Voigt (geb. 1977), Ralf Ziervogel (geb. 1975). Das Selbstbewusstsein ist hier auch Programm: Vor einigen Jahren hätte man wahrscheinlich keine Zeichner im quasi-nationalen Auftrag auf Reisen geschickt – wir dürfen nicht vergessen, dass Bonn nur eine erste Station der von der ifa erarbeiteten Ausstellung ist. Die weiteren Stationen sind noch offen, doch im Rahmen des Kulturaustausches kann man erwarten, dass die Tour weite Kreise über den Globus ziehen wird. Schon deshalb hat man Wert auf ein breites, exemplarisches Spektrum gelegt, das man in den knapp 90 Arbeiten nachvollziehen kann. Man mag dabei zwar bedauern, dass die Arbeiten sich auf seine klassischen Wurzeln, dem Medium Stift und Papier, konzentrieren, aber die Themen reichen weit genug: sozusagen unter dem Aspekt »Der Griffel und die Welt«. Material (Blei- und Buntstift, Kugelschreiber und Feder, Filzstift und Kohle) und Form (schraffiert, gestrichelt oder eingebunden in Fotos und Collagen, akribisch oder flüchtig usw.) lassen keinen Zweifel an der Augenhöhe, die die Zeichnung inzwischen gegenüber den anderen Gattungen eingenommen hat. Ob und inwieweit dabei die Wirklichkeit dargestellt, erzählt oder auch bewusst ausgeblendet wird, ist dabei weniger relevant als die technische Machart einerseits und die Weise andrerseits, wie die Welt mithilfe der Linie befragt und erkundet wird.

Die Welt erscheint im Großen wie im Kleinen, als Weltbühne oder Traumbude, als chaotischer Gedankendschungel oder als mathematische Überlegung, die Künstler(innen) gehen ihr skriptural oder skulptural entgegen, als Comic oder als Skizzenbuch. Am Ende addieren sich die einzelnen Linien zum Universum hinauf, das malerisch kaum vergleichbar umrissen werden kann. Richard Serra, ausgerechnet ein Bildhauer, der in Köln vertreten ist, adelte die Zeichnung als grundlegende, sich vor anderen Gattungen hervorhebende Handlung: »Es gibt keine Methode, eine Zeichnung zu machen - es gibt nur das Zeichnen … Das Zeichnen bedeutet die Konzentration auf eine Grundtätigkeit, und die Glaubwürdigkeit der Äußerung hält man ganz in den eigenen Händen.«