Buchrezensionen

Florian Illies: Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst, S. Fischer 2018

Eine regelrechte Hommage an seine Helden ist dieser Band von Florian Illies. Texte aus 25 Jahren Schreibtätigkeit versammelt er und wirft damit zugleich ein Schlaglicht auf einen echten Liebhaber der Kunst und natürlich auf seine große Leidenschaft, die er in mitreißenden Texten verarbeitet. Andreas Maurer hat sie mit Genuss gelesen.

Florian Illies ist Journalist, Kunsthistoriker, Bestsellerautor, Kunsthändler, Gründer der Kunstzeitschrift »Monopol«, ehemaliger Mitarbeiter der »Zeit«, seit 2011 Leiter des Auktionshauses Grisebach in Berlin und, wie könnte es anders sein, er liebt die Kunst. Den Beweis liefert einmal mehr sein neues Buch. 32 Beiträge aus den letzten 25 Jahren sind darin versammelt und porträtieren die persönlichen Helden des Autors; von Max Friedländer, Gottfried Benn und Harry Graf Kessler bis hin zu Andy Warhol.

Jedoch: Weder ist es ein Lehrbuch, noch ein Sachbuch oder gar ein Roman. Die »Texte zur Kunst« sind auch keine lose Aneinanderreihung von Aufsätzen oder Vorträgen (obwohl sie das vorgeben zu sein). Sie sind leserfreundlich! Denn erst die eigene Bereitschaft des Lesers entscheidet, was das Buch für ihn ist. Ganz so wie man in den gerade noch blauen Himmel blickt und die eigene Fantasie die Form der aufziehenden Wolken interpretiert, individuell und persönlich. Eines bindet aber alle Text zusammen: Sie sind Liebeserklärungen an die Kunst und die Kunstliteratur, begeistert und begeisternd. Sie kommen unmittelbar und leidenschaftlich daher, leichtfüßig und duftig wie Wolken am Himmel.

Im Auktionshaus Grisebach in Berlin ist Illies verantwortlich für die Malerei des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart – Epochen, die auch den Rahmen für das Buch vorgeben. Die Einteilung erfolgt dabei in höchstem Maße biografisch: in frühe und neue Helden. Darüber hinaus liest man mit dem Autor in vergessener Literatur, unternimmt Hausbesuche, führt Erkundungen im verkannten 19. Jahrhundert durch und reist einmal mehr in Illies´ geliebtes Jahr 1913 (siehe sein Roman: »Der Sommer des Jahrhunderts«).

Unter anderem begründet der Autor logisch, warum die besten Maler des 19. Jahrhunderts am liebsten in den Himmel blickten und anfingen Wolken zu malen. Man erfährt, was sie scharenweise in ein kleines italienisches Dörfchen namens Olevano trieb, fragt sich gemeinsam mit Illies, ob Romantik heilbar ist und darf als Höhepunkt seiner Begeisterung einen glühenden Liebesbrief an Caspar David Friedrich lesen.

Es sind größtenteils Bilder und Bücher der Vergangenheit, die in der Publikation liebevoll seziert werden, für Illies sind diese aber ganz und gar das Jetzt. Einmal gesehen oder gelesen wurden sie Teil seiner eigenen Biografie und legten das Mosaik seines heutigen Kunstverständnisses. Vergangenheit, die ihn berührt, wird als Gegenwart erzählt, als Augenblick. »Scheinbar Ewiges ist flüchtig, scheinbar Flüchtiges ewig«, gesteht er schon im Vorwort.

Illies beschreibt aber nicht nur einzelne Personen und Bilder, sondern lässt sie unter seinem Blick neu entstehen. Aus toten Leinwänden werden plötzlich bewegte Gemälde in Farbe, aus historischen Figuren leidenschaftlich liebende und lebende Menschen. Kleine Psychogramme inkludiert. Besonders gut zu sehen (oder zu lesen) ist das, wenn der Autor etwa die Stile von Max Friedländer und Julius Meier-Graefe vergleicht: »Bei Friedländer hat man das Gefühl, jeder Buchstabe sei uralten Weinstöcken auf einer unzulänglichen Steillage abgetrotzt. Bei Meier-Graefe perlten die Worte wie Champagner«. Auch so kann Kunstliteratur klingen. Dank dieser poetischen Analysen kommt das Buch auch komplett ohne Abbildungen und Fotos der besprochenen Kunstwerke oder Helden aus. Illies gibt sozusagen die Umrisse und Zahlen vor, der Leser ist frei sie selbst in den schönsten Farben ausmalen.

Wissensvermittlung funktioniert hier anders: Erzählerisch, bescheiden und ohne erhobenem Zeigefinger. Komplexe Zusammenhänge werden einfach und verständlich vermittelt. Dass Illies' logische Texte allesamt auf Fakten und Tatsachen beruhen, ist zwar anzunehmen, nachprüfen lässt es sich aber nicht. Insofern ist es manchmal schade, dass der Autor seine Quellen nicht mit dem Leser teilt. Auch wenn er bewusst jede Fußnote oder Anmerkung vermeidet, um den Himmel nicht einzutrüben, in einigen Fällen (besonders bei den Texten über die Kunstschriftsteller) wäre es doch nett gewesen genauere Informationen zu haben, auf welche Schriftstücke oder Bücher seiner Helden Illies sich bezieht. Nicht zwingend wegen der wissenschaftlichen Korrektheit, sondern um dem eigenen Horizont vielleicht im Anschluss noch etwas mehr Tiefenblau zu geben. Woher Illies' eigene Aufsätze und Reden stammen, erfährt man (leider) auch erst im Anhang des Buches, wie es zur Auswahl kam wird hingegen nicht verraten.

Vielleicht will der Autor damit aber auch nur eines sagen: Ob geschriebenes oder gesprochenes Wort, es macht keinen Unterschied. Viel wichtiger ist es, sich darauf einzulassen: auf die Texte, auf die Kunst und darauf in Illies' Welt einzutauchen. Besonders nachhaltig wirken dabei der lohnenswerte Beitrag über Jean Paul sowie der Hausbesuch bei Georg Baselitz, der seine Liebe zu Marcel Duchamp gesteht.

Als Gebrauchsanweisung empfiehlt sich: Vielleicht nach (oder auch während) der Kapitel das Buch gelegentlich kurz aus der Hand zu legen und die Worte auf der Zunge zergehen zu lassen. Nachschmecken, genießen und erst wieder aufschlagen wenn der Himmel allmählich beginnt sein Blau zu verlieren und man bereit ist die nächsten Schattierung auf der Leinwand aufzutragen.

Eines muss man neidvoll feststellen: Illies sieht und liest scheinbar anders, als wir es gemeinhin tun. Er atmet seine Umgebung, trinkt die Luft und die Aura, welche die Kunst- und Literaturwerke vergangener Jahre umweht. Und: Er lässt uns daran teilhaben. Ein Buch über sich wollte Illies nicht schreiben, liest man, er lässt lieber seinen Helden den Vortritt, und doch ist gerade so ein biografisches Exemplar herausgekommen. Denn wer könnte besser erklären wer wir sind oder sein wollen, wenn nicht die Summe unserer Leidenschaften?