Buchrezensionen

Ingrid Pfeiffer, Max Hollein (Hg.): Sturm-Frauen. Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932, Wienand Verlag 2015

Die von Herwart Walden gegründete Zeitschrift »Der Sturm«, aber auch seine gleichnamige Galerie zeigte immer wieder die Werke zeitgenössischer Künstlerinnen, denen sonst oft die gebührende Aufmerksamkeit versagt blieb. Ihnen widmet sich der Katalog zur 2015er Ausstellung in der Schirn Kunsthalle. Marco Hompes hat darin interessante Biografien entdeckt.

Als Herwarth Walden 1910 die Zeitschrift Der Sturm gründete, war dies der Beginn eines der erfolgreichsten Projekte zur Förderung und Vernetzung der klassischen Avantgardebewegungen, vor allem des Expressionismus, in Europa. Auf die Veröffentlichung der ersten Ausgabe folgte zwei Jahre später die Eröffnung einer gleichnamigen Galerie, in der sich die wichtigsten Protagonistinnen und Protagonisten der Kunstwelt die Klinke in die Hand gaben. Viele von ihnen sind heute fest im kunstgeschichtlichen Kanon verankert, andere hingegen wurden vergessen. Dem allgemeinen Trend zur Aufarbeitung weiblicher Kunstschaffender folgend, nahm sich die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zumindest der weiblichen Vertreterinnen des Sturms an und widmete ihnen eine Ausstellung. Hierzu gehören prominente Namen, etwa Sonia Delaunay, Natalja Gontscharowa oder Gabriele Münter, aber auch eher unbekannte, beispielsweise Helene Grünhoff oder Emmy Klinker.

Der dazugehörige Katalog ist mit 400 Seiten und einem Gewicht von über zwei Kilo ein rechtes Schwergewicht. Im Inneren überwiegen wunderbar reproduzierte Werkabbildungen, die 20 größtenteils monografisch gehaltenen Texte sind vergleichsweise kurz gehalten.

Lesenswert ist vor allem ein einführender Beitrag von Ingrid Pfeiffer, in dem die Autorin unter anderem Waldens Verhältnis zu Künstlerinnen darlegt. Offenbar hat er sich nie explizit oder schriftlich zur Frauenfrage geäußert. Doch anhand des Ausstellungsprogramms und der Präsenz von Künstlerinnen in der Zeitschrift Der Sturm lässt sich schließen, dass er keinen großen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Kunstschaffenden machte. Durch den Vergleich zu anderen Galeristen jener Jahre verdeutlicht Pfeiffer, dass der Galerist und Verleger dem allgemeinen Trend der Zeit, künstlerische Leistungen von Frauen zu relativieren oder gar zu diskreditieren, nicht folgte. Darin lag für viele malende und zeichnende Damen eine Chance. Einige hatten ihre ersten Ausstellungen in Waldens Galerie, manch eine kam dort überhaupt erst in Kontakt mit avantgardistischen Tendenzen. Walden selbst profitierte ebenfalls durch den Austausch, fungierten einige der Frauen doch als hervorragende Netzwerkerinnen. Selbst Waldens Künstlername sowie die Bezeichnung Der Sturm stammen von einer Frau, nämlich von Else Lasker-Schüler, der bekannten Dichterin und ersten Ehefrau Waldens.

Weiterhin schreibt die Autorin auch über das Selbstverständnis der Künstlerinnen sowie über die damaligen Ausbildungsmöglichkeiten. Hierbei formuliert sie im Wesentlichen Allgemeinplätze und streift kurz solche Themen wie Künstlerehepaare, die Adaption männlicher Attribute und die zunehmenden Zahlen weiblicher Studierender an Kunstgewerbeschulen. Für alle, die sich schon einmal mit der Situation von Künstlerinnen im 20. Jahrhundert beschäftigt haben, ist all das nicht neu. Für alle anderen ist es eine knappe und kurzweilige Einführung.

Auf diesen Text folgen die Beiträge zu den ausgewählten 18 Frauen. Die Reihenfolge ist alphabetisch entsprechend der Nachnamen; beginnend mit Vjera Biller und endend mit Marianne von Werefkin. Allen wurde jeweils ungefähr gleich viel Platz zugestanden. Das mag verständlich sein, da so eine inhaltliche Wertung umgangen wird. Gleichzeitig ergeben sich dadurch einige Schwierigkeiten. So nimmt etwa die Biografie Lavinia Schulz‘, die nach ihrem Suizid mit nur 28 Jahren wunderbare Ganzkörpermasken und Bewegungsstudien hinterließ, ebenso viele Seiten ein wie die Marianne von Werefkins oder Sonia Delaunays. Die Folge ist, dass die Texte zu den zuletzt Genannten, zu denen es ja bereits zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen gibt, inhaltlich abflachen und oft nicht mehr Informationen bieten als ein Wikipedia-Eintrag.

Trotz alldem lassen sich in dem Katalog einige Entdeckungen machen. Hierzu zählt, neben Lavinia Schulz‘ vorzüglichen Masken und Gesichtsstudien sicherlich Emmy Klinker. Ihre aufregende Biografie, erzählt von Lea Schleiffenbaum, führt von Wuppertal nach Karlsruhe über Berlin, Paris und München bis zu einer KZ-Inhaftierung. Interessant ist an dieser Künstlerin nicht nur ihre Kunst, die klare Parallelen zu Marianne von Werefkins Malerei aufweist, sondern auch ihre Position als Teil der »verschollenen Generation«. Damit sind die Expressionistinnen und Expressionisten der zweiten Generation gemeint, die bereits erste Erfolge verbuchen konnten, ehe ihren Karrieren durch die Nationalsozialisten ein Ende bereitet wurde. Ein Großteil von ihnen, hierzu zählt auch Klinker, konnten nach dem Krieg nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen.

Ebenfalls vergleichsweise unbekannt ist Jacoba van Heemskerck, die über den synthetischen Kubismus hin zu einer radikal abstrakten Malerei fand. Diese zeichnet sich durch große, klar voneinander abgetrennte Farbflächen aus und erinnert zuweilen an Kirchenfenster. Da Walden allerdings wenig Interesse an ihrer künstlerischen Weiterentwicklung hatte, kam es zum Bruch zwischen beiden. Ein Grund für die unzureichende Rezeption ihres Werks ist neben dieser Tatsache sicher auch ihr früher Tod im Jahr 1924.

Wunderbar ist auch die Schilderung des Lebenswegs Sigrid Hjerténs, für den Katarina Borgh Bertop verantwortlich zeichnet. Hjerten und ihr Mann, Isaac Grünewald, hatten beide in Paris bei Matisse studiert, dessen Einfluss in den frühen Werken der Malerin noch erkennbar ist. Gemeinsam stellten sie bei Walden in Berlin aus und waren auch in Schweden bei den wichtigsten avantgardistischen Ausstellungen vertreten, über die man in Deutschland meist zu wenig weiß.

Auch wenn die Biografien oft sehr kurz sind, macht die Lektüre trotzdem Spaß. Vor allem dann, wenn innere Querverbindungen zwischen den Texten deutlich werden und die dichten Strukturen des Netzwerks rund um Herwarth Walden hervortreten. Aus rein wissenschaftlicher Sicht kann der Katalog kaum Leerstellen füllen. So wurden die Frauen im STURM bereits 2013 in einem Buch von Karla Bilang, die im Frankfurter Katalog den Text zu Else Lasker-Schüler beisteuerte, vorgestellt und zu den meisten der Frauen gibt es bereits ausführliche Kataloge oder Lebensbeschreibungen. Lesenswert und ästhetisch ansprechend ist der Katalog aber allemal.

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