Buchrezensionen, Rezensionen

Bayerische Staatsbibliothek, München / Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München (Hrsgg.): Pracht auf Pergament. Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180, Hirmer 2012

Die momentane Schau »Pracht auf Pergament« in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung zu München vereint die einzigartigen Handschriften mittelalterlicher Herrscher, süddeutscher Klosterschulen und Jahrhunderte alte Gesetzestexte miteinander. Kann ein Ausstellungskatalog diesen Kostbarkeiten überhaupt gerecht werden? Jan Hillgärtner hat ihn für Sie gelesen.

Bücher auszustellen ist kein einfaches Unterfangen. Noch schwieriger ist es, Handschriften in all ihrer Pracht dem Publikum zu präsentieren. Handschriften sind künstlerisch gestaltete Objekte, die aus allen drei Dimensionen erfahren werden wollen, hinter dem Glas der Schaukästen aber nur einen Teil ihrer Pracht präsentieren können. Die Bayerische Staatsbibliothek München präsentiert zurzeit ihre wichtigsten Handschriftenbestände und Leihgaben der Staatsbibliothek Bamberg in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München und hat parallel dazu einen Katalog erscheinen lassen, der in hochwertigen Aufnahmen einen guten Eindruck von der Gestaltung der Manuskripte bietet.

Immer beim Betreten einer mittelalterlichen Kirche merkt man, dass das Mittelalter nicht einfach eine dunkle Epoche war. Spirituelle Größe sollte in der reichen Gestaltung des sakralen Raumes ein Abbild finden. Dass das Buch ein Gegenstand in diesem Raum aber auch der Raum des Sakralen selbst sein kann, zeigt der Katalog. In einem hintergründig recherchierten Kapitel stellt Rainer Kahsnitz die Bedeutung des Einbands für die mittelalterliche Handschrift dar. Besonders die repräsentativen Bücher wurden oft mit einem Hang zur detailreichen Ausgestaltung auf ihrem Einband verziert. Gold war das Material der Wahl, erzielte es doch einen erhabenen und wertvollen Eindruck und konnte in der Messe auch aus weiterer Entfernung leicht als etwas Wertvolles ausgemacht werden. Ob die oft postulierte Verbindung zwischen dem Christentum und dem Medium Handschrift nun sinnig ist oder nicht, die Form des symbolischen Buchgebrauchs, der inszenierende Einsatz eines äußerlich reich gestalteten Kodizes in der Messe, zeugt von einem besonderen Umgang der christlichen Religion mit dem geschriebenem Wort.

Bis auf wenige Ausnahmen zeigen der Katalog und die Ausstellung nur Beispiele sakraler Bücher. Reich illustrierte Handschriften des Mittelalters findet man aber genauso im weltlichen Kontext. Bücher dienten oft der Repräsentation leseunkundiger Herrscher. Und auch wenn die Buchkultur im frühen und hohen Mittelalter weitestgehend auf die Entstehung im Kloster beschränkt war, gingen maßgebliche Impulse für das Entstehen einer Buchkultur und der Pflege und Wertschätzung des Buchs als Kulturgut von weltlichen Höfen aus. Prominentestes Beispiel dafür ist Kaiser Karl, der mit der von ihm veranlassten Bildungsreform für das Aufblühen der Buchkultur in den Klöstern des Frankenreichs sorgte.

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Nicht nur thematisch sondern auch geografisch lassen sich die Ausstellungsobjekte eingrenzen. Das Gros der Handschriften stammt aus der Produktion süddeutscher Klöster. Dieser enge lokale Raum ist klug gewählt, denn einerseits gehen in der ottonischen Zeit maßgebliche Impulse der Buchgestaltung von den Klöstern auf der Reichenau, St Emmeran (Regensburg) und Benediktbeuren aus, und in der Ausstellung sowie im Katalog kann so die Entwicklung der Buchillustration in einem kulturell zusammenhängendem Raum analysiert werden. Andererseits vermeidet diese Auswahl eine reine Schau der spektakulärsten Handschriften des Mittelalters, die genauso gut mit den Beständen anderer Bibliotheken hätte entstehen können. Nach der Lektüre und dem intensiven Studium der Abbildungen kann man ein einen Blick dafür bekommen, wie sich beispielsweise Reichenauer von Salzburger Buchillustrationen alleine durch den Faltenwurf der Kleidung unterscheiden. Das macht die Handschriften erlebbar und öffnet das Auge des Betrachters für Details.

Die Katalogtexte legen einen Schwerpunkt auf die Beschreibung der Miniaturen und der Verbindung mit den Inhalten der Bücher. Typografische Merkmale, sich entwickelnde Layoutschemata für bestimmte Buchtypen bleiben unberücksichtigt. Obwohl es interessantes Anschauungsmaterial gibt: Die beiden abgebildeten Seiten aus zwei unterschiedlichen Gratian-Handschriften liefern dem Betrachter eine gute Ausgangslage, die Vielfältigkeit der Buchgestaltung im hohen Mittelalter, der „Romantik der mittelalterlichen Buchkunst“, zu vergleichen. Auf der einen Seite steht da die um 1165-1170 entstandene Handschrift des Gratian, einem kirchenrechtlichen Texts. In zwei Kolumnen ist der Fließtext angeordnet und eine Initiale, in dem ein Casus den Musterfall eines den Zölibat vernachlässigenden und mordenden Mönch verhandelt, ist das einzige Schmuckelement auf der Seite.

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Nur wenige Seiten weiter finden sich drei Abbildungen aus dem gleichen Text, der vermutlich ca. 10 Jahre später in Salzburg niedergeschrieben wurde. Dieses Manuskript muss beim ersten Betrachten sofort als Prunkhandschrift beurteilt werden. Bischofs-, Kleriker- und Laienbüsten illustrieren eine Auswahl von 21 Rechtsfällen. Eine Gesetzesfrage, die das Eherecht verhandelt, wird mit einer ganzseitigen Dokumentation der Verwandtschaftsgrade bildlich dargestellt. Dies ist eine Bildtradition, die noch aus der römischen Antike stammt und der Bestimmung von Ehehindernissen dient. Hier liegt ein Fall vor, in dem ein Text, unabhängig voneinander niedergeschrieben, alleine über die Illustration eine vollkommen andere Rezeptionsweise des mittelalterlichen (und modernen) Menschen anlegt. Der Gratian ist einer der kirchenrechtlichen Texte, die den Sprung vom Manuskript- ins Druckzeitalter genommen haben und bei den Druckern des 15. und 16. Jahrhunderts für vollkommen neue Drucklayouts und die Ablösung der meist linearen Textpräsentation der Handschriften gesorgt hat.

Genauer beleuchtet hätte auch die Provenienz der einzelnen Objekte werden können. Zwar geben die meisten Katalogtexte Auskunft darüber, welche Stationen eine Handschrift nahm, um in den Besitz der Münchner oder Bamberger Bibliothek zu geraten, eine Zusammenfassung fehlt aber, so dass man selbst bei den Manuskripten mit einer zweifelsfrei nachweisbaren Provenienz anhand der angegebenen Sekundärliteratur die Informationen suchen muss. Nicht alle der Handschriften sind mit einer Anmerkung zur Provenienz versehen. Ein Großteil der Bestände ist im Zuge der Säkularisation zwischen 1802 und 1803 in den Besitz einer der beiden Bibliotheken gekommen, genaueres darüber erfährt man aber nicht.

Vollständig erlebbar sind die Handschriften nur für einen kleinen Kreis von Forschern, die Zugang zu den Dokumenten haben. In München ist die Digitalisierung der Altbestände allerdings schon weit fortgeschritten und die speziell für die Ausstellung eingerichtete Webseite (http://pracht-auf-pergament.digitale-sammlungen.de/) erspart die Suche im Katalog der Bibliothek nach den Originalen. Hier sind fast alle ausgestellten Handschriften noch einmal aufgelistet und lassen sich von vorne bis hinten entdecken.