Buchrezensionen, Rezensionen

Christiane Post: Künstlermuseen. Die russische Avantgarde und ihre Museen für Moderne Kunst, Dietrich Reimer 2012

Für die russische Avantgarde gilt 1913 als Geburtsjahr der abstrakten Kunst. Malewitsch schuf angeblich das erste Quadrat, Tatlin entwickelte seine Konterreliefs, Larionov veröffentlichte das »Manifest des Rayonismus« und Kandinsky wurde gar zum Erfinder des abstrakten Expressionismus erklärt. Über die Arbeiten dieser Künstler wurde bereits viel geschrieben und geforscht, ihre musealen Beiträge für Mütterchen Russland fanden dabei kaum Beachtung. Mit ihrem Buch »Künstlermuseen« füllt Christiane Post genau diese Wissenslücken auf. Elena Bozhikova hat die Neuerscheinung gelesen.

Im Jahr 2013 darf der offizielle 100-jährige Geburtstag der abstrakten Kunst gefeiert werden, doch wer tatsächlich das erste völlig abstrakte Werk geschaffen hat, ist bis heute eine Streitfrage. Wassily Kandinsky, Michail Larionov, Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin haben vor einem Jahrhundert gleichzeitig an der Entwicklung der abstrakten Kunst gearbeitet und um die Urheberschaft dieser Jahrhundertidee gestritten. Die russische Avantgarde des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts zählt heute zu den wichtigsten Bewegungen der Kunstgeschichte. Obwohl die Forschung seit Ende der 1950er-Jahre sich eingehend diesem Thema widmet, gibt es noch viele Leerstellen, die gefüllt werden müssen.

Eine dieser Leerstellen hat Christiane Post mit ihrem Buch über die Künstlermuseen der russischen Avantgarde geschlossen. Die Tatsache, dass die progressiven Künstler nach der Revolution hohe Stellen im Kulturapparat inne hatten und aktiv an der Entstehung von neuen Museen beteiligt waren, wurde oft nur marginal abgehandelt. Post untersucht die Geschichte der alten und neuen Museen Russlands von der Oktoberrevolution 1917 bis zu ihrer erneuten Reformation in den 1930er-Jahren. Der große Wert dieses Buchs liegt in der akkuraten Aufbereitung einzelner Stationen der Entstehungsgeschichte: Die Autorin fasst die wichtigsten Diskussionen und Entscheidungen zusammen und zeichnet die Einkaufstätigkeiten für die Museen nach. Dabei macht sie primär deutlich, wie wichtig das Engagement der Künstler für die konzeptuelle Entwicklung war. Kasimir Malewitsch hatte auch in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle: Mit seinen Artikeln »Über das Museum« und »Farbachse und Volumen« nahm er aktiv an den Debatten um die Aufgaben der neuen Museen teil. Dabei waren seine Schriften, wie auch seine Kunst, geprägt von einer futuristisch-avantgardistischer Radikalität. Ein historischer Vorläufer dieser Diskussionen war die Entwicklung der departementalen Museen der Französischen Revolution – hier arbeitet die Autorin präzise Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der russischen Situation auf. Ein weiteres wichtiges Moment dieser Arbeit ist die geografische Vielfalt: Außer den allgemein bekannten Museen, wie dem Museum für Malerische Kultur in Moskau (MŽK) und dem Museum für künstlerische Kultur (MchK) in Petrograd/Leningrad, werden auch die Museen in Vitebsk, Smolensk und in der russischen Provinz untersucht.

Im vorliegenden Buch werden die Ausmaße der avantgardistischen Kulturoffensive deutlich, die allerdings nur einige Jahre Bestand hatten und schließlich mit der Stalinistischen Umstrukturierung des Kulturbereichs endeten. Post eröffnet dem Leser viele neue Quellen und Tatsachen, die bisher in den deutschsprachigen Beiträgen zur Geschichte der revolutionären Kunst zu kurz kamen. Eine besonders informative und lesenswerte wissenschaftliche Arbeit.