Buchrezensionen

Frank Keim: Sandro Botticelli – Die astronomischen Werke. Mit einem Anhang zu Raffael, Verlag Dr. Kovac 2015

Gerade zieht der Name Botticelli wieder zahlreiche Besucher nach Berlin und das, obwohl so einige seiner Bildelemente bis heute rätselhaft sind. Frank Keim hat sich mit diesen Rätseln auseinandergesetzt und dabei erstaunliches entdeckt: astronomische Erkenntnisse! Andreas Maurer ist seinen Gedanken gefolgt.

Der Hamburger Verlag Dr. Kovač zählt mit zu den größten Fachverlagen für wissenschaftiche Literatur in Deutschland. Im 54. Band seiner Reihe »Schriften zur Kunstgeschichte« erschien nun ein Buch des Ulmer Wissenschaftlers Frank Keim – schlank, aber mit großem Inhalt! Nach seinen »Jupitermonden« (2009) ist dies die zweite Buchpublikation des Autors zur Malerei der Renaissance. Auf etwa 112 Seiten werden dabei erstmals ausgewählte Werke Sandro Botticellis (1445–1510) auf ihre astronomischen Gehalte untersucht. Bis heute bereiten viele Gemälde des Renaissancekünstlers Kunsthistorikern Kopfzerbrechen, darunter die »Anbetung der hl. drei Könige«, die »Geburt der Venus«, der »Frühling« oder die »Madonna della Melagrana«. Der Wissenschaftler hat es sich zur Aufgabe gemacht gerade diese, keineswegs selbsterklärenden, farbigen Rätsel, vor denen viele kapitulieren, zu entwirren und die Chiffren zu entziffern. Dabei kommt er schließlich zu einem verblüffenden Ergebnis, scheint doch das Codewort in allen Fällen stets das gleiche zu sein – die Astronomie.

Seit Ende der 1460er Jahre beobachtete Botticelli Kometen, denen die »Anbetung der hl. drei Könige« gewidmet ist. Zudem war der Künstler im Quattrocento einer der Ersten, welcher ein heliozentrisches Weltsystem vertrat. Es scheint also logisch, dass gerade diese Himmelsphänomene, darunter etwa die Entdeckung des Orionnebels, in seinen bildnerischen Werken ihr kunstvolles Echo fanden. Dass der Autor mit seiner These nicht alleine steht, beweist zudem, dass er bereits zweimal als Sprecher auf der renommierten INSAP (The Inspiration of Astronomical Phenomena) Konferenz eingeladen war. Diese, alle drei Jahre stattfindenden, internationalen Treffen, widmen sich insbesondere der Untersuchung und dem Einfluss von astronomischen Phänomenen auf Kunst, Literatur, Mythos, Religion und Geschichte.

So nähert sich Keim den Werken Botticellis auf ebensolche Art und zieht nicht etwa die kunsthistorischen Vorbilder für die Entschlüsselung zu Rate, sondern jene Objekte, die am denkbar weitesten davon entfernt sind – die Gestirne. Die Resultate auf welche der Autor stößt scheinen auf den ersten Blick befremdlich und doch entwaffnend logisch. So sieht er in Botticellis »Madonna delle Melagrana« nicht sechs Engel um die Jungfrau stehen, sondern sechs Planeten, die um ihr Zentralgestirn kreisen. Im »Frühling« soll das Renaissancegenie gar die Entdeckung des Kometen C/1490 und des Orionnebels in ein Gemälde gegossen haben, und die berühmte »Geburt der Venus« repräsentiert das heliozentrische Weltbild selbst. Die in der Renaissance gesichteten Himmelsphänomene sowie die neuen Erkenntnisse das Weltsystem betreffend hat Keim in eine kurze Tabelle zusammengefasst und den jeweiligen Ereignissen die besprochenen Werke Botticellis zeitlich gegenübergestellt.

Keims Schlussfolgerungen sind kunsthistorisch wie astronomisch äußerst interessant, viele der Erläuterungen und Beschreibungen des Autors erwarten jedoch vom Leser ein hohes Vorwissen an astronomischen Grundkenntnissen und können wahrscheinlich nur von wirklichen Astronomen bestätigt oder widerlegt werden. Ähnlich dem Romanschriftsteller Dan Brown nimmt Frank Keim auch die kleinsten Hinweise in den Gemälden unter die Lupe, etwa eine Brosche im »Frühling«, und ist stets auf der Suche nach passenden Maßen und Winkeln, um seinen astrologischen Vergleichen und Theorien ein Fundament zu zementieren. Diese vielen kleinen Wichtigkeiten und Details in den Gemälden, welche vom Autor auch für die astrologischen Interpretationen herangezogen werden, sind aber leider für den Leser des Buches ob der kleinen Formate der Abbildungen meist beinahe unsichtbar.

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Zwar mag der Schwerpunkt von Keims Forschung sicher mehr auf der Mathematik oder den Winkelgraden der Planeten liegen, für die Vergleiche in den Gemälden wären aber bessere Auflösungen und ganzseitige Abbildungen sehr wünschenswert gewesen – manche Werke, die im Text Erwähnung finden (darunter das »Studierzimmer des Augustinus« in Florenz) fehlen vollends. Astronomie und bildende Kunst beginnen sich in Keims Text und Forschung zwar zu vereinigen, und so interessant diese Herangehensweise an die großen Gemälde und Meister der Renaissance auch ist, so birgt sie doch auch die Gefahr, die Gemälde Botticellis und seiner Kollegen nicht mehr als »Kunst«–Werke, sondern lediglich als Bebilderung eines wissenschaftlichen Forschungsergebnisses zu betrachten.

Der hoch wissenschaftliche Tenor, der sich durch die Seiten zieht, spricht den Laien oder lediglich kunsthistorisch/astronomisch interessierten Leser wahrscheinlich weniger an, zumal auch die vielen Fußnoten, welche zwar zur weiteren Vertiefung in die Materie Wesentliches beitragen, den Lesefluss erheblich hemmen. Des Weiteren sind einige englische Zitate nicht ins Deutsche übersetzt worden, und auch die Abbildungen setzen eine detailgenaue Kenntnis der besprochenen Werke Botticellis blind voraus. Gerne würde man als Leser aber auch mehr über den persönlichen Zugang Botticellis und seiner Künstlerkollegen zur Astronomie oder über den wissenschaftlichen Zeitgeist erfahren. Interessant wäre auch zu wissen, was genau die Renaissancemeister mit diesen astrologischen Hinweisen in den Gemälden eigentlich bezwecken wollten, da es doch sehr zweifelhaft erscheint, dass die durchschnittlichen Betrachter ihrer Werke die versteckten Hinweise entziffern konnten – wollten sie belehren, demonstrieren, heranführen? Die Antworten darauf bleibt der Autor schuldig und doch sind ihm die Ergebnisse seiner Forschung hoch anzurechnen.

Definitiv ist es wert sich in diese Lektüre zu vertiefen, denn viel zu oft blicken wir in den Himmel, wie auch auf bekannte Werke der Kunstgeschichte und verlieren uns in deren Selbstverständlichkeit – ist der blaue Einband des Buches aber einmal geöffnet, breitet sich für die Leserin/den Leser ein völlig neuer Horizont aus. Im Anhang liefert Keim zudem noch eine Erweiterung zu seiner Publikation von 2009 und erläutert neben der astronomischen Tafel in Raffaels »Schule von Athen« die Aufspürung der Jupitersatelliten wenige Jahre nach Giorgione.