Rezensionen

Henri Cartier Bresson »Man redet immer zu viel«. Gespräche über das Leben, die Kunst und die Photographie 1951–1998. Schirmer & Mosel Verlag

Ein Buch ohne Abbildungen und doch mit unvergesslichen Bildern. Die Photographien von Henri Cartier–Bresson (1908–2004) muss man nicht weiter vorstellen, als stilprägende Werke der Moderne sind sie aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr wegzudenken. Nun ist eine aber spannende Ergänzung zu seinen Bildbänden erschienen: Ein Kaleidoskop einer Autobiographie. Walter Kayser hat die auf Deutsch übersetzten gesammelten Gespräche mit diesem Jahrhundertphotographen mit großem Vergnügen gelesen.

Cover © Schirmer&Mosel
Cover © Schirmer&Mosel

 Das Wort »Momentum« hat gerade absolute Hochkonjunktur. Wer immer auf dem weiten Feld des Feuilleton eine Spur intellektueller auftrumpfen möchte, peppt das Wort mit jenem lateinischen Neutrumsuffix bedeutungsschwanger auf, statt sich eines so schlichten Ausdrucks zu bedienen wie »einmaliger Augenblick«. – Sollte das womöglich daher rühren, dass diese sprachliche Aufmotzung auch im Jargon der Börsenspekulanten seine Verwendung findet? Dort bezeichnet »Momentum« nämlich bei Chartanalysen die entscheidende Kursveränderung im launischen Auf und Ab einer Aktie. Die alten Griechen erschufen seinerzeit für den einmaligen, unwiederbringlich glücklichen Zeitpunkt, an dem man viel zu selten den bekannten »Mantel der Geschichte« vorbeiwehen spürt, eigens die Personifikation des Gottes »Chairós«. Sie verpassten dem gebückt entwischendem Genius Flügel an den Füßen und eine glatt polierte Hinterglatze, ist doch der günstige Moment leider immer schon so schlüpfrig gewesen, dass man ihn kaum einmal zu fassen kriegt.
»Momentum« nannte aber auch der französische Philosoph und Schriftsteller Roland Barthes (1915–1980) in seinem letzten Essay »Die helle Kammer« jenes besonders geglückte Photobild, welchem das »Leben in seiner vergänglichsten Form« einzufangen gelungen ist. In ihm scheine eine Wahrheit auf, die sich nun mal nicht konstruieren lasse, eine irreversible »Dingkonfiguration«, ein »punctum« von Zeit, das jäh besticht und verletzt, etwas, was einfach geschehe und im nächsten Augenblick wieder zerfallen sei.

Wenn es einen Photographen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert gab, der sich auf das Einfangen dieses sagenumwobenen Zeitpunkts verstand, dann war es Henri Cartier–Bresson. Im Deutschen haben wir dafür den schönen Ausdruck »Schnappschuss« geprägt, Cartier–Bresson nannte ihn einfach »instant décisif« bzw. »The Decisive Moment«, (so die nicht ganz treffende Übersetzung des berühmten Bildbandes »Images à la sauvette« von 1952), oder, etwas spektakulärer, und ganz im Sinne seiner Surrealistenfreunde aus den 20er Jahren: »explosante–fixe«.
Es ist freilich bezeichnend für Cartier–Bresson, dass er auch diesen Schlüsselbegriff herunterspielt. Genaugenommen sieht er in ihm etwas, das sich ins Sinnbildliche verallgemeinern lässt. Photographieren steht für eine generelle Art, die Welt staunend zu betrachten und mit dem Zufall umzugehen. Mehrfach beharrte er darauf, dass der Begriff des »instant décisif« gar nicht von ihm stamme; wie immer sei es der Zufall gewesen, der ihn in den Memoiren des Cardinal de Retz (1613–1679) auf den Satz stießen ließ: »Es gibt nichts auf der Welt, das nicht einen entscheidenden Augenblick hätte.«

Die Tatsache, dass man der hier zur Diskussion stehenden Neuerscheinung einen Ausspruch aus einem Gespräch von 1994 zum Titel gegeben hat, »Man redet immer zu viel«, ist deshalb absolut passend. Die Bilder allein sollten sprechen; Interpretationen und Erläuterungen überließ Cartier–Bresson lieber anderen. Auch hat er es von sich gewiesen, eine Autobiographie zu schreiben, obgleich sein Leben wahrlich überbordend reich an Erfahrungen und Erlebnissen war. (Ganz am Schluss ist der berühmte Proust‘sche Fragebogen abgedruckt, den er 1998 ausfüllte. Auf die Frage »Was war Ihre liebste Reise?« lautet die lakonische Antwort des Abenteurers und welterfahrenen »Reporters«, wie er sich immer wieder bescheiden nennt: »Meine dreimalige Flucht aus der Kriegsgefangenschaft«).

Dass die Texte sich dem journalistischen Format des Interviews verdanken, ist nicht weniger wichtig. Lebt dieses doch vom anregenden Gegenüber, dem lebendigen Hin und Her von Angesicht zu Angesicht. Dabei wird die ganze Lebendigkeit, Schlagfertigkeit, der Charme und Esprit dieses Künstlers deutlich, der weit über sein Metier im engeren Sinne hinausgeht. Dass Cartier–Bresson nicht viel von Worten hielt, wird immer wieder deutlich. Selten gibt er sich als liebenswürdiger und entgegenkommender Gesprächspartner, im Gegenteil, der Widerspruch und die Paradoxie reizen ihn, und nicht selten schlägt sein Selbstbewusstsein in eine brüske Verweigerung um, die den Interviewer vor den Kopf stößt. Ständig betont er, dass man das Photographieren nicht lernen könne. So werden es tatsächlich »Gespräche über das Leben, die Kunst und die Photographie«, genau in dieser Reihenfolge und exakt, wie es der Untertitel verspricht. Die Zusammenstellung der zwölf Gesprächsprotokolle, die der Photograph kurz nach 1947 – dem Jahr, in welchem er die berühmte Agentur MAGNUM mitbegründete – und 1998 zuließ, ist den Kuratoren des Centre Pompidou zu verdanken. Dass sie nun bei Schirmer&Mosel herausgekommen sind, versteht sich fast von selbst, denn kaum ein anderes Verlagshaus hat sich hierzulande mit solcher Liebe und Leidenschaft um die Kunstform der Photographie im Allgemeinen und die Ausnahmeerscheinung Cartier–Bresson im Besonderen verdient gemacht.

Als Henri Cartier–Bresson im biblischen Alter von 95 Jahren am 4. August 2004 in seinem Haus in Montjustin/Provence starb, sprach noch niemand von Pixeln und digitaler Nachbearbeitung. Das alles hätte ihn gegraust. Photos zu machen war für ihn keine Frage der Maschine und der Technik, schon gar nicht der kalkulierten Inszenierung. Voraussetzung war vielmehr innere Aufgeschlossenheit, eine Erziehung des Auges, eine gute kunstgeschichtlichen Vorbildung, Einfühlungsgabe, ein antizipierender Instinkt für die kommende Hundertstelsekunde, menschliche Anteilnahme – und vor allem elementare Neugier, und zwar allem gegenüber, was sich an Alltagsleben auf den Straßen der Welt abspielte.
Das Auge, nicht der Apparat, war für ihn die entscheidende Vermittlungsstelle zwischen Bild und Gehirn. Das hört sich so banal wie mystisch an. Und tatsächlich, das Drücken des Auslöserknopfes seiner berühmten, schlichten Leica (ausgerüstet fast immer mit nur einem einzigen Objektiv von 50mm–Brennweite) verglich er mit dem Bogenschießen im Zen, ein waches Ganz–im–Hier–und–Jetzt–Sein. Der Photograph dürfe nie in eine Situation, die sich entwickle, störend eintreten; er habe sich vielmehr ganz dem »Hazard objectif« [objektiven Zufall] zu überlassen« (1974, S.88). Deshalb, so ein berühmter Ausspruch, habe er sich auch dem Geschehen »auf leisen Sohlen [zu nähern], auch wenn es sich um ein Stillleben handelt. Auf Samtpfoten muss man gehen und ein scharfes Auge haben. (…) Kein Blitzlicht, das versteht sich wohl, aus Rücksicht vor dem Licht, selbst wenn es dunkel ist.« Auch die Beschränkung auf Schwarz–Weiß, auf Filmmaterial als Meterware, der generelle Verzicht auf Filter und auf das Beschneiden des meist rechteckigen Formats ist typisch für diesen überzeugten Puristen: »[…] und deshalb gibt es bei einem guten Bild nichts zu beschneiden. Es existiert einfach und alles sitzt« (S.48).

Hier, wie so oft in diesen Gesprächen, die immer wieder vergeblich ein Know How erkunden wollen, wirkt die Art, wie Cartier–Bresson über das Photographieren spricht und dabei vom Medium geradezu abzusehen scheint, an die Selbstverständlichkeit mystischer Denker. Man meint einen weisen Zen–Meister zu hören, man denkt an die Bedeutung der Leere und die Kunst des Lassens bei Laotse oder an das »Nu der Ewigkeit« bei Meister Eckhart: »Die einzige Kunst liegt in der Menschlichkeit des eigenen Denkens, dem eigenen Blick und dem Zufall zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein« (1952, S.38).

Wie sehr Henri Cartier–Bresson einem genialen Pianisten gleicht, dessen atemberaubender Tanz über die Tasten so selbstverständlich und leicht aussieht, als sei es kein Hexenwerk, wie sehr er vermutlich selbst es so empfand, scheint in sibyllinischen Äußerungen immer wieder ähnlich auf: »Photographieren ist so schwierig und auch so einfach. Ein Finger, zwei Beine, ein Auge genügen. Und leider denken die Leute viel zu viel nach, anstatt einfach loszulassen« (1979, S. 104).
Er gab vor, dass es ihm gefalle, ein Paria zu sein: »Nein, man muss unauffällig bleiben. Die eigene Person vergessen. Ich habe etwas gegen dieses >Ich, ich…<. Ich hasse dieses >Ich, ich<. Ich glaube es war [Edgar] Degas, der gesagt hat, es ist wunderbar berühmt zu sein, solange man unbekannt bleibt«, gab der 81–Jährige zu Protokoll (S.168).
Und im Le Figaro–Magazine vom Februar 1989 trieb er die Clownerie im Gespräch mit Philippe Boegner auf die Spitze: »Photographieren ist nichts, Schauen ist alles«. Dieses Genie der Photographie nahm im Alter kaum noch eine Kamera in die Hand. Statt bedeutender und ikonischer Aufnahmen verschrieb er sich der Anfertigung unbedeutender Zeichnungen. Diesen Verzicht mögen wir Kunstliebhaber als unverzeihlich empfinden, für den mystischen Meister des Augenblicks war es unabdingbar.


Henri Cartier Bresson: Man redet immer zu viel. Gespräche über das Leben, die Kunst und die Photographie 1951–1998.
Aus dem Französischen und Englischen von Marion Kagerer und Michaela Angermair.
Gebunden, 160 Seiten,
Schirmer und Mosel, München 2020
ISBN 9783829608688

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