Buchrezensionen

Lilo Schmitz (Hg.): Artivismus. Kunst und Aktion im Alltag der Stadt, transcript 2015

Eine neue Kunstform erobert seit einigen Jahren den öffentlichen Raum: Der sogenannte Artivismus bewegt sich irgendwo zwischen Kunst und sozialer Bewegung und manche fragen sich: »Ist das überhaupt noch Kunst?« Lilo Schmitz beschäftigt sich mit dieser neuartigen Kunstform und präsentiert in ihrem Sammelband Beiträge, die deren Spektrum abbilden. Bianca Straube hat sie gelesen und viel Interessantes entdeckt.

Artivismus. Der »Ismus« lässt erahnen, dass es sich um eine neue Strömung, eine neue Kunstrichtung handelt. Künstlerischer Aktionismus, aktionistische Kunst? Es geht darum, politische und soziale Zustände mit künstlerischen Mitteln zu thematisieren. Oft sind es ambitionierte Widerstandsbewegungen – Proteste und Aktionen gegen Krieg, Klimawandel und Kapitalismus. Doch die Artivisten sind auch an der Universität, der örtlichen Schule oder auf dem Marktplatz um die Ecke tatkräftig.

Lilo Schmitz gibt in ihrem Sammelband »Artivismus. Kunst und Aktion im Alltag der Stadt« einen Einblick in diese Welt der künstlerischen Aktionen des alltäglichen Lebens. Der Fokus liegt auf dem öffentlichen Raum, der von Bewohnern zumeist nur noch in der Rolle des Konsumenten wahrgenommen wird. Doch auch Menschenrechte, Armut, Ausgrenzung und die Akteure selbst werden in den verschiedenen Beiträgen behandelt. Eine häufig gestellte Frage lautet: Wem gehört die Stadt und wie können Bewohner sich diesen Raum wieder aneignen?

In einem einführenden Kapitel unterteilt Schmitz die einzelnen Beiträge in mehrere Themenbereiche: »Grundlegendes», »Soziale Aktion und Menschenrecht«, »Alt und Jung«, »Arm und Reich«, »Bürger nehmen sich ihre Stadt«, »Kunst überall« und »Lebenskunst«. Die Textformen reichen von Aufsätzen, Forschungsberichten über Interviews bis hin zu Künstlerporträts. Exemplarisch sollen einige Beiträge herausgegriffen werden.

Alexander Flohé präsentiert in seinem aufschlussreichen Aufsatz »Stadt selber machen! Protest, Bewegung und DIY-Urbanismus« die wesentlichen Triebfedern für Protestbewegungen und deren Vielfalt. Dabei ist die Stadt »Konfliktfeld, ein Mobilisierungs- und Experimentierraum, eine Bühne«. Der Do-It-Yourself Urbanismus ist ein Schlagwort, das auch in einigen weiteren Beiträgen ein Leitmotiv bildet. Ob Performances, Urban Riots oder Guerilla Gardening – die Artivisten möchten für ein Mitsprache- und Partizipationsrecht der Bürger eintreten.

Wie entstehen die Initiativen und Engagements? Norbert Herriger untersucht in seinem Beitrag »Empowerment. Schatzsuche in urbanen Räumen« das Konzept der Selbstwirksamkeit. Empowerment im urbanen Kontext meint die Förderung kollektiver Fähigkeiten und Stärken der Bewohner. Durch aktive Mitgestaltung, Vernetzung und die Stärkung politischer Bürgerbeteiligung sollen die Menschen die »Pfade erlernter Hilflosigkeit« verlassen (S. 25).

Wie eine solche Partizipation oder gar Widerstand aussehen können, beschreiben die nachfolgenden Beiträge. Exemplarisch präsentieren die Autoren künstlerische Projekte und soziologische Forschungen, die Raum und Mensch aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Die Themen sind heterogen und zunächst nicht ganz einfach in einen Zusammenhang zu bringen. Sie reichen von politischem Widerstand in Istanbul (Derya Firat, Erdem Gündüz und Banu Beyer) bis hin zum gemeinsamen Musizieren in der Stadt (Hubert Minkenberg).

Nicht immer ist der Bezug zum Artivismus offensichtlich, wie beispielsweise im Aufsatz von Jessica Reisner. Die Aktivistin widmet sich den Menschenrechten im Arbeitsalltag. Die Initiative »aktion./. arbeitsunrecht e.V.« engagiert sich gegen das sogenannte Union Busting, das Arbeitgeber anwenden, um systematisch Gewerkschaften und Betriebsräte zu bekämpfen. Diesen teilweise illegalen Methoden der Arbeitgeber versucht die Initiative durch Aufklärung und öffentliche Kritik entgegenzutreten. Obgleich Reisner ein zweifellos wichtiges Thema behandelt, sucht man nach den künstlerischen Aspekten ihrer Initiative. Was unterscheidet demnach Artivismus von sozialem Aktionismus?

Doch diese definitorische Unschärfe bleibt die Ausnahme. Offenkundig artivistisch ist etwa der Düsseldorfer Künstler Carsten Johannisbauer. Gerade Großstädte wie Düsseldorf buhlen um ein wettbewerbsstarkes Image, das zahlreiche Unternehmen und Touristen anziehen soll. Das Netzwerk »Freiräume für Bewegung« kämpft für eine Öffnung der Stadt, die nicht nur für die stärksten Investoren da ist. Mit der Aktion »Die Weltrekordwurst« wird eine 101 Meter lange vegetarische Wurst in ein ironisch-subversives Bürgergeschenk an die Stadt Düsseldorf verwandelt.

Der Sammelband schließt mit dem Kapitel »Lebenskunst«, in dem sechs Akteure des Alltagsartivismus (Carsten Johannisbauer, Hans-Jörg Blondiau, Monika Bremen, Jessica Reisner, Pascal Blondiau und Peter Stamol) in kurzen Interviews vorgestellt werden. Fragen wie »Was hat dich ganz am Anfang inspiriert?« oder »Was bedeutet dir Geld?« lassen das Buch mit einer sehr persönlichen aber wenig rekapitulierenden Weise enden.

Sprachlich ist die Publikation durch ihre abwechslungsreichen Textformen sehr leserfreundlich. Inhaltlich ist es für den Leser dagegen etwas schwierig in den Beiträgen einen roten Faden zu entdecken. Die grundlegenden Aufsätze bieten Struktur und Orientierung, die allerdings bei sehr detaillierten Einzelbetrachtungen (z.B. Ulrich Deinet: »Subjektive Schulkarte, Nadelmethode, Autofotografie«) verloren gehen. Kleinere Einführungen oder vorangestellte Abstracts hätten dem entgegenwirken können. Die wenigen Abbildungen in dem Buch sind an manchen Stellen mit Bildunterschriften versehen, an anderen wiederrum nicht. Eine einheitliche Methode würde eine Zuordnung von Text und Bild erleichtern.

Gleichwohl bietet der Band einen facettenreichen Einblick in die Funktion und Wirksamkeit der Kunst, der Aktion, des Protestes sowie des Engagements. Nach dem Lesen des Buches ist zwar immer noch nicht klar definiert, was Artivismus eigentlich ist – aber vielleicht ist es gerade diese Unabhängigkeit von Kategorien, die den Artivisten, Künstlern oder Aktivisten die nötige Freiheit bietet. Das Buch richtet sich an Künstler, Forscher sowie Interessierte und bietet Inspiration und Information über einen Do-It-Yourself Urbanismus des Alltags.