Buchrezensionen, Rezensionen

Uwe Fleckner/Maike Steinkamp/Hendrik Ziegler: Der Sturm der Bilder. Zerstörte und zerstörende Kunst von der Antike bis in die Gegenwart, Akademie Verlag 2011

Statt den Bildersturm weiterhin nur als rein zerstörerischen Akt zu betrachten, wird in der jüngsten Forschung überdies ein schöpferischer Teil erkannt, der die eigenen Ausdrucksdimensionen umfasst. Ulrike Schuster hat sich mit dem Ikonoklasmus damals und heute beschäftigt.

Der vorliegende Sammelband ist das Resultat eines wissenschaftlichen Projektes, das nähere Erwähnung verdient. Es handelt sich nämlich um die erste Veröffentlichung des Internationalen Warburg-Kollegs, das 2006 eingerichtet wurde und am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg angesiedelt ist. Das Ziel der jungen Institution ist die internationale Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ein ermutigendes Signal in Zeiten der restriktiven Kürzungen im geisteswissenschaftlichen Bereich, und es ist zu hoffen, dass dem Pilotprojekt des Warburg-Kollegs noch viele weitere Publikationen folgen werden.

Den zentralen Gegenstand des ersten Kollegjahrgangs bildete das Thema der Kunstzerstörung – ein Brennpunkt für vielfache soziale und ästhetische Spannungsfelder, aber auch ein Gegenstand von leider wohl zeitloser Aktualität. Aus der Sicht der Kunstgeschichte wurde das Phänomen des Ikonoklasmus erstmalig, sieht man einmal von polemischen Statements in älteren Schriften ab, in den 1970er und 1980er Jahren kritisch unter die Lupe genommen. Auch heute noch stellen die Bücher von Martin Warnke, Horst Bredekamp und Werner Hoffmann die wichtigste Lektüre dar, bezüglich der soziologischen und politologischen Vielschichtigkeit, die unter dem scheinbar simplen Sachverhalt der Zerstörung von Kunstwerken verborgen liegt.

Auf dieses klassische Dreigestirn wird in den unterschiedlichen Beiträgen des Sammelbandes auch wiederholt verwiesen, fast schon ein wenig zu häufig. In Abgrenzung zur älteren Forschung und in Bezug auf das aktuelle Programm hebt Uwe Fleckner hingegen im Vorwort hervor: »Das Interesse an künstlerischen Phänomenen des Bildersturms hat sich in den letzten Jahren maßgeblich verschoben. Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei ikonoklastischen Handlungen […] nicht allein um destruktive bildauslöschende Praktiken handeln kann. Vielmehr wird nun der oft genug ‚schöpferische‘ Charakter dieser besonderen Rezeptionsform von Werken der Bildenden Kunst erkannt und immer genauer erfasst…« oder an anderer Stelle: »Heute drängt sich vielfach die Erkenntnis auf, dass der herkömmliche Ikonoklasmus nicht nur Beschädigung oder Vernichtung von Kunst bedeutet, sondern immer auch als kreativer Akt zu verstehen ist, der die eignen Ausdrucksdimensionen umfasst«.

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Das ist nun doch ein wenig hochgestapelt, denn das Schöpferische im Destruktiven ist auch der Aufmerksamkeit von früheren Autoren nicht entgangen. Hier wären Walter Grasskamps »Unerwünschte Monumente« (1989) zu nennen, oder die »Kunstzerstörer« von Peter Moritz Pickshaus (1988). Und sogar der als Gastautor im vorliegenden Band vertretene Dario Gamboni trat bereits 1983 mit einer einschlägigen Schrift zum Thema an die Öffentlichkeit (»Un iconoclasme moderne – Théorie et pratiques contemporaines du vandalisme artistique«) – nicht erst 1997, wie hier suggeriert wird.

Dabei gibt es durchaus eine Reihe von neuen Nachrichten zum Thema Bildersturm, die hier zur Sprache kommen. Warnke ging seinerzeit noch in optimistischer Weise von der Annahme aus, dass der klassische – politischer oder religiös motivierte Bildersturm – in den modernen und demokratischen Gesellschaften überwunden wäre. Doch dann veränderte sich der Lauf der Geschichte überraschend und rapide – und alte, totgeglaubte Phänomene drangen wieder an die Oberfläche: der Bildersturm in den osteuropäischen Staaten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, die barbarische Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan im März 2001, der inszenierte Sturz eines Denkmal Saddam Husseins in Bagdad 2003, um nur einige der berühmtesten Beispiele zu nennen.

Fleckner selbst verweist in seinem Beitrag auf den schwierigen Umgang der Bundesrepublik Deutschland mit den Relikten des kommunistischen Denkmalkultes der ehemaligen DDR. Dario Gamboni beschäftigt sich in seinem lesenswerten Aufsatz mit der politischen Semantik der Twin Towers des World Trade Centers und der Frage nach der Symbolik von Zerstörungsakten in aktuellen politischen Konflikten.

Die restlichen Beiträge des Bandes umfassen ein zeitlich und thematisch breit gefächertes Spektrum. Die differenzierten Fallstudien belegen, dass es vielfältige und durchaus subtile Formen im Umgang mit der Zerstörung von Kunstwerken gibt. Susann Holz beschreibt, wie die Vertreter des römischen Imperiums den Raub von Denkmälern, deren Neuinszenierung an anderer Stelle und unter bestimmten Umständen sogar deren Restituierung als politisches Instrumentarium gebrauchten.

Godehard Janzing behandelt in seinem Beitrag den Bildersturm während der Französischen Revolution, der auf so merkwürdige Weise mit der Gründung und Einrichtung der ersten Nationalmuseen korreliert. Clemena Antonova befasst sich ihrerseits mit der Bilderpolitik Lenins und dem mutigen Plädoyer eines Zeitgenossen, die heiligen Ikonen Russlands in ihrem kirchlichen Kontext zu belassen.

Erik Wegerhoff schildert ein wenig bekanntes Kapitel aus der Geschichte des römischen Kolosseums: dessen nachantike Nutzung als kollektives Wohn- und Wirtschaftsgebäude der Römer, die bis ins 18. Jahrhundert währte. Anke Blümm beschreibt in ihrem Beitrag die Umgestaltung des Atelierhauses von Arnold Zweig, einem Juwel der Moderne um 1930, das im „Dritten Reich“ der gnadenlosen Entmodernisierung unterzogen wurde. Der letzte Abschnitt des Buchs ist schließlich der modernen und zeitgenössischen Kunst gewidmet, die seit den Tagen von Futurismus und Dada ein programmatisches Nahverhältnis zum Thema der kreativen Zerstörung pflegte und daraus bislang viel von ihrem subversiven Potential schöpfen konnte.

Fazit: Die Publikation des Warburg-Kollegs eignet sich sowohl als Einstieg in das Thema Bildersturm als auch als Fundus für weiterführende und facettenreiche Ergänzungen. Und weckt hoffentlich auch mehr Sensibilität gegenüber diesem komplexen Thema.