Buchrezensionen

Christian Thies: Alles Kultur? Eine kritische Bestandsaufnahme, Reclam 2016

Kultur – ein Begriff für alles, was als Kunst deklariert wird oder durch öffentliche Gelder gefördert wird? Der vielseitig verwendete Kulturbegriff scheint sowohl in seiner Bedeutung als auch in seinem Gebrauch nicht so präzise gefasst zu werden. Wie »Kultur« tatsächlich zu begreifen ist, dem geht Christian Thies in seiner »kritischen Bestandsaufnahme« nach und liefert damit eine klärende Auseinandersetzung mit diversen Debatten um den Kulturbegriff sowie sprachliche Verwendungsweisen. Lea Braun hat das aufschlussreiche Werk gelesen.

Die wohl am weitesten gefasste Definition von Kultur ist, alles darunter zu fassen, was nicht Natur ist. Ist somit »alles« Kultur? Thies macht deutlich, dass der Kulturbegriff sehr unterschiedlichen Deutungen unterliegt und dies sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Einen einheitlichen Diskurs zum Kulturparadigma gibt es nicht und so begegnet dem Leser eine Untersuchung, welche vier zentrale Diskurse dieses Paradigmas bewertend in den Blick nimmt und ihre Schwachstellen und Grenzen aufzeigt. Diese zielt nicht darauf ab, eine Definition von Kultur zu präsentieren, sondern Anhaltspunkte für den Umgang mit der Begrifflichkeit vor dem Hintergrund der kulturellen Debatte zu liefern. Ein weiteres Ziel Thies‘ kritischer Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff ist das Hinterfragen des eigenen Selbstverständnisses. Dafür spielt Kultur eine entscheidende Rolle, denn wir deuten uns selbst innerhalb der Gesellschaft sowie der kulturellen Gegebenheiten, in welchen wir leben.

»Kultur« impliziert nicht nur eine Unzahl von Definitionen, sondern beinhaltet auch zahlreiche sprachliche Ungenauigkeiten, wie fremdsprachige Synonyme der Grundbegriffe des kulturalistischen Ansatzes, die mit den unterschiedlichsten Konnotationen besetzt sind. Während im Deutschen beispielsweise nicht klar ist, was genau unter einer »Leitkultur« zu verstehen ist, (ob darunter normative oder auch traditionelle Prinzipien fallen,) wird der englischsprachige Titel von Samuel Huntingtons Werk »The Clash of Civilizations« als »Kampf der Kulturen« übersetzt. Thies, der sich in seiner Erörterung auf die deutsche Begrifflichkeit konzentriert, bestimmt den Kulturbegriff – ohne damit den Anspruch auf eine Definition zu erheben – als etwas positiv Besetztes und in der Regel Implizites, das von einer großen Gruppe von Menschen geschaffen wird und daher auch allgemein verständlich ist. Um den Reflexionsbegriff Kultur näher zu bestimmen, stellt er ihm die vier Gegenbegriffe Natur, Barbarei, Zivilisation und Unterhaltung gegenüber und erläutert daraus hergeleitete Gebrauchsweisen. Demnach ist zum einen alles als Kultur zu bezeichnen, das nicht Natur ist, und spricht man von Kultur als Kunst, so meint man alles, was nicht Unterhaltung ist. Zum anderen wurde über die inzwischen überholten Gegenbegriffe Barbarei und Zivilisation, Kultur definiert als das, was einerseits nicht »unzivilisiert« war, andererseits nicht den Bereichen Technik und Ökonomie angehörte und somit der Kultursphäre widersprach. Heute hingegen ist von Hochkulturen sowie kulturellem und ökonomischem Sektor die Rede.

Wenn Kultur einem historischen und geographischen Wandel unterliegt, stellt sich die Frage, ob der Mensch stärker durch die Natur, d.h. durch genetische Vorprogrammierung oder aber durch die Kultur, also durch seine soziokulturelle Umwelt determiniert ist. Dazu stellt der Autor vier Positionen vor und bewertet sie in ihrem Bezug zum kulturalistischen sowie naturalistischen Ansatz: Während sich die Kultur im starken Kulturalismus von der Natur losgelöst hat, im starken Naturalismus die Kultur hingegen durch die Natur bestimmt ist, bestehen im schwachen Kulturalismus sowie Naturalismus Verbindungen zwischen beiden Begriffen. Demnach kann sich Kultur auf ihrer biologischen Grundlage frei entfalten, während die Kultur im letzteren Ansatz durch »darwinische Prinzipien«, nämlich dem Zusammenspiel von »Zufall und Notwenigkeit«, gekennzeichnet ist. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die auf die Kultur ausgerichteten Menschenbilder in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu schwach sind: Kultur kann auf die Natur aufbauen, sie jedoch nicht umbilden.

Eine weitere der zentralen Debatten um Kultur dreht sich um die Frage nach dem Bestehen von Kulturkreisen in einer globalisierten Welt. Laut Thies existieren sie durchaus, allerdings nicht in der Form von klar abgrenzbaren Kreisen mit eindeutigen Merkmalen. So, wie auch die eigene kulturelle Identität sich aus dem Wechselspiel von Fremd- und Selbstwahrnehmung bildet, und durch den Wandel von Raum und Zeit bestimmt sind, unterliegen auch die Kulturkreise diesen Einflüssen. Der Kulturkreis, so die These des Autors, stellt begrifflich einen Idealtypus dar, für den in der Realität aufgrund seiner Bestimmung durch zahlreiche Faktoren kein exaktes Pendant zu finden ist. Wenn Kultur als etwas von zahlreichen Menschen gemeinsam Erzeugtes definiert wird, ist im Gegenzug die Frage naheliegend, inwiefern die gesamte Gesellschaft von der Kultur bestimmt ist. Mit anderen Worten: Ist der kulturelle Sektor für den Zusammenhalt und das dynamische Wesen sowie für die historische Entwicklung der Gesellschaft auschlaggebend oder vielmehr der wirtschaftliche Sektor? Auf jeden Fall kann Kultur nicht die ausschließliche Basis der Gesellschaft sein, da sie nur einer von vielen wesentlichen Faktoren ist.

»Ist Pop auch Kultur?« lautet eine weitere Frage, deren Klärung Thies sich erfolgreich stellt. Dabei handelt es sich um den kulturellen Bereich, der durch die Massenmedien bzw. durch ihre Ästhetik bestimmt ist. Zunächst war Ende des 19. Jahrhunderts die Bezeichnung »Massenkultur« verbreitet. Wie viele andere Begriffe, wird auch dieser den differenzierten Erscheinungsformen des Phänomens nicht gerecht. Der durch die frühe Frankfurter Schule gezielt dagegen gerichtete Begriff »Kulturindustrie« setzt den Fokus seinerseits zu stark auf Technik und Ökonomie. »Populäre Kultur« hingegen beschreibt einen historisch dehnbaren Ausdruck, welcher das große Interesse an Phänomenen der Ästhetik hervorhebt. Außerdem wertet Thies dies Bezeichnung als passender, weil sie auch die Gegenwart mit Phänomenen aus Kino und Fernsehen, Mode und Tanz, Freizeitparks und Festen bzw. Paraden miteinschließt.

Abschließend geht er der Frage nach dem Potenzial von Kulturkritik auf den Grund, welche die Zweckbestimmung des Buches bildet: nämlich einen »Beitrag zur Selbstkritik von Kultur« (S. 117) zu leisten. Denn ein »Zeichen hoher Kultur wäre es nun«, so Thies, »wenn das Kulturparadigma sich nicht nur kritisch gegen andere richten würde, sondern auch gegen sich selbst« (S. 117). In diesem Sinne seien im Kampf um die Diskurshoheit innerhalb der Wissenschaften nicht nur die Schwachstellen und Grenzen konkurrierender Paradigmen zu beleuchten, sondern auch die Grenzen von Kultur selbst. So plädiert er für ein Nebeneinanderstellen und gegenseitiges Prüfen verschiedener Paradigmen, statt sich ausschließlich auf ein Modell zu konzentrieren.

Für eine Bestandsaufnahme fällt das Werk zwar knapp aus, doch gelingt es dem Autor darin, den inflationären Gebrauch des Kulturbegriffs zu entwirren. Außerdem wird das Buch durch einen kurzen Begriffsapparat kulturwissenschaftlicher Termini erweitert. Eine weitere Stärke bilden Literaturhinweise auf die wichtigsten Werke der Kulturphilosophie und wissenschaften sowie Hilfsmittel, die dem Leser den Zugang zum Kulturdiskurs erleichtern sollen.