Ausstellungsbesprechungen

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden, Museum Rietberg Zürich, bis 17. Juli 2016

»Dada, Dada, Dada!« hallte es 1916 wie ein Urschrei durch Zürich. Zum 100. Jubiläum dieses Ereignisses in diesem Jahr widmet sich das Museum Rietberg erstmals der Rezeption außereuropäischer Einflüsse in dadaistischen Werken. Rowena Fuß hat sich die absolut sehenswerte Ausstellung angeschaut.

»Dichter«, »Hosenlatz«, »bbbb«. Fremd echot die dadaistische Lautpoesie von Richard Huelsenbeck, Hugo Ball und Raoul Hausmann durch die Gehörgänge. Seltsam mutet das uniformierte Schwein namens »Preußischer Erzengel« von John Heartfield an, das an der Decke schwebt. Man ist irgendwie Teil einer Schlacht. Doch statt Granaten fliegen einem Konsonanten um die Ohren. Auch der »Engel« hält eine Botschaft parat. Ein Schild, das um seinen Hals hängt, weist darauf hin, man würde das Werk verstehen, wenn man zwölf Stunden mit vollgepacktem Affen (Soldatensprache: kleiner Tragerucksack, Anm. d. Verf.) auf dem Tempelhofer Feld exerzieren würde. Eine andere Möglichkeit, die die Autorin genutzt hat, ist, das Begleitheftchen zur Ausstellung zu konsultieren. Objekt 2, steht dort geschrieben, ist als bissige Karikatur auf den preußischen Militarismus zu werten. In der Schweinefratze offenbare sich das wahre Gesicht der Epoche, so der kurze Text.

Es ist das Jahr 1916, man befindet sich im Ersten Weltkrieg. Doch während an der Somme die Kanonen donnern, wiegen sich die Dadaisten in Trommelrhythmen. An die Stelle der grausamen Realität tritt ein tranceähnlicher Zustand. In Kostüm und Maske entdecken sie einen Gegenentwurf zum zeitgenössischen mörderischen Treiben. Man trifft sich im Cabaret Voltaire in der Zürcher Spiegelgasse. Denn während anderswo Krieg regiert, herrscht in der Schweiz Frieden. Und die Stadt am Limmat ist »überfüllt von Fremden, das Internationalste, was man sich denken kann«, wie die deutsche Schriftstellerin, Kabarettistin und Dada-Mitbegründerin Emmy Hennings später schreibt.

Es sind hauptsächlich diese Exilanten, die Dada ins Leben rufen und sich gegen Krieg, Stumpfsinn und Bürgertum richten. Man könnte sagen, dass Tristan Tzara, Sophie Taeuber, Hans Arp, Hugo Ball, Sonja Delaunay, Emmy Hennings, Marcel Janco, Richard Huelsenbeck, Hanna Höch und Raoul Hausmann, um nur einige Künstler zu nennen, durch Dada auf ihre Weise das lange 19. Jahrhundert beendeten. Oder flohen sie einfach nur?

Die Zürcher Schau hält sich mit einer Wertung zurück. Man möchte unpolitisch, aber nicht unkritisch sein. Die zahlreichen Objekte, darunter Kostüme, Masken, Plastiken und Grafiken, zeigen sowohl Einflüsse auf, wie auch den – abwertenden – kolonialen Blick auf die Kulturen, Afrikas, Amerikas, Asiens und Ozeaniens. Um sich zurechtzufinden ist die Schau in vier Teile geteilt: Dada Performance – Dada Galerie – Dada Magie – Dada Kontrovers. Lesenswerte Wandtexte geben darüber hinaus Auskunft, wie die Dadaisten das Fremde zu etwas Eigenem machten und eine neue Bildsprache entwickelten.

Ganz wichtig sind in diesem Zusammenhang die selbst gefertigten Masken und Kostüme, mit denen die Dadaisten gegen den Schrecken des Weltkriegs antanzten. Einmalig ist ihre Gegenüberstellung mit zumeist afrikanischen Originalen, die – so wird es während der Führungen erzählt – mit einiger Wahrscheinlichkeit tatsächlich Vorbild für das jeweilige Werk eines Dadaisten waren. Eine Gelegenheit dafür bot der Zürcher Kunsthändler Han Coray, der 1917 in seiner Galerie zum ersten Mal dadaistische und afrikanische Kunst, die sogenannte Art nègre, präsentierte.

Und so stehen auch heute Inspirant und Inspiration gleichwertig nebeneinander. So etwa eine Textilarbeit von Sophie Taeuber, die von der Tracht der nordamerikanischen Hopi-Indianer beeinflusst wurde: Katsina-Figuren, Abbilder von Maskentänzern der Hopi, stehen am Fuße des farbenprächtigen, abstrakt-geometrischen Kostüms. Dass sie damit auch auf einer der berühmt-berüchtigten Dada-Soireen getanzt hat, beweist ein Foto, welches links daneben hängt.

»Die Maske verlangte nicht nur sofort nach einem Kostüm, sie diktierte auch einen ganz bestimmten pathetischen, ja an Irrsinn streifenden Gestus«, beschrieb Hugo Ball die Magie dieser Objekte, die auch jeder Besucher spüren kann. Ob dieser dann aber in der Spiegelgasse vorbeischaut und einen tumultartigen Abend erlebt, sei jedem freigestellt. Fest steht, dass es in Zürich zurzeit viel zu entdecken gibt.

Hinweis: Die Ausstellung wandert im Anschluss nach Berlin und ist vom 5. August bis 7. November 2016 in der Berlinischen Galerie zu sehen.