Ausstellungsbesprechungen

Kunstraub | Raubkunst, Staatliches Museum Schwerin, bis 1. Februar 2015

Kunstraub wird wohl als eines der wichtigen Themen des Jahres 2014 in die Chroniken eingehen. Es war der Fall Gurlitt, der die Aufmerksamkeit auf den Kunstraub der Nazis lenkte, aber das Thema besitzt noch ganz andere Facetten. Das demonstriert eine große und vielseitige Ausstellung in Schwerin sehr eindrucksvoll. Stefan Diebitz ist nach Mecklenburg-Vorpommern gefahren.

Vielleicht ist es die am wenigsten einheitliche Kunstausstellung, die ich je besucht habe. Denn das, was allen Ausstellungsstücken gemeinsam ist, kann man nicht sehen: sie sind nicht einem Künstler zugeordnet, einem Stil, einer Zeit oder einem Thema, sondern stehen alle in irgendeinem Zusammenhang mit Kunstraub, sprich: die meisten von ihnen wurden irgendwann einmal geklaut. Oder es könnte doch wenigstens so sein, dass sie gestohlen wurden, weil ihre Herkunft sich trotz beträchtlicher Anstrengungen bis heute nicht ganz aufklären ließ.

Im ganz großen Stil wurde Kunstraub über die Jahrhunderte hinweg von Eroberern praktiziert. So haben sich die Franzosen nachdrücklich in die Annalen des Schweriner Museums eingeschrieben, und 1945 hatten die Russen ihre Freude an der herzoglichen Waffensammlung. Umgekehrt ist es so, dass bei einigen Stücken aus Schweriner Besitz die Herkunft nicht gesichert ist, dass sie also in einem weiten Sinne verdächtig sind, auf krummen Wegen in die Magazine gekommen zu sein. Und endlich wurde auch auf eine ganz herkömmliche Weise gestohlen, in einem besonders bizarren Fall sogar von dem Hausherrn persönlich. Es war der Direktor des Museums selbst, der seinen privilegierten Zugang zu den Magazinen nutzte, um kostbare Blätter zu stehlen. Später, angesichts der Entdeckung, hat er etliche Blätter wahrscheinlich sogar verbrannt, um Spuren zu verwischen.

»Raubritter par excellence« lautet die Überschrift des den Franzosen gewidmeten Kapitels. Und wirklich sprachen die Revolutionäre ihre Absicht ganz offen aus, Kunstwerke en gros zu stehlen, um sie später im Louvre auszustellen. Besonders in Italien wütete Napoleon, und aus München raubte er die »Alexanderschlacht«, um sie in seinem Badezimmer aufzubewahren. Ja, wo sollte ein solches Bild auch sonst hängen? Aus der Wanne heraus mag Seine Majestät dann zufrieden auf das Heldenhaupt seines Kollegen geschaut haben. Die feuchte Luft schließlich konnte ja nur gut für das Gemälde sein.

Es war Dominique-Vivant Denon, den der Kaiser wegen seines Interesses an Kunst aller Art auf eine deutsche Rundreise schickte, und selbst im abgelegenen Schwerin wurde sein Agent fündig. Denon, ein Künstler und offenbar überaus sachverständig, hatte den Korsen schon nach Ägypten begleitet und sich dort beliebt gemacht. Am Ende seiner Deutschlandtour schickte er nicht weniger als zweihundertfünfzig riesige Kisten mit Kunstwerken aller Art nach Paris. In Schwerin wählte Denon »209 Gemälde und über 106 kunsthandwerkliche Objekte und Kuriositäten sowie en gros chinesische Objekte und Manuskripte für sein Museum aus.« Dass dieser Mensch ein echter Fachmann war, machte die Sache nicht besser, sondern schlimmer, denn er stahl tatsächlich die besten Stücke. Übrigens nicht allein für das Museum, sondern auch für die Kaiserin Josephine, die kleine Elfenbeinskulpturen, Vasen, Büsten und Reliefs erhielt, also eigentlich Nippes – aber auf künstlerisch hohem Niveau.

In der Ausstellung kann man auch Holzschnitte Albrecht Dürers bewundern, die eine eigene, ziemlich spektakuläre Geschichte haben. Ende der vierziger Jahre war der Kunststudent Horst »von« Stark im Schweriner Kupferstichkabinett tätig und nutzte die Gelegenheit, hunderte von Blättern zu stehlen, von denen der Katalog einige aufzählt. »Unter den Kunstwerken waren zweiunddreißig Rembrandt-Zeichnungen, 45 von Dürer, ein Kupferstich nach Raffael, weitere Kupferstiche von Chodowiecki, eine Zeichnung von Lucas Cranach und Studien von Menzel.« Das nennt man fette Beute! Stark war in den Westen geflüchtet, wurde aber schon bald in Kiel verhaftet, und 1961 gingen zur Freude der Schweriner im Rahmen einer großen gesamtdeutschen Aktion insgesamt 1458 Kunstwerke ein. Vielleicht noch spektakulärer war der Fall des ehemaligen Schweriner Museumsdirektors Heese, der unter anderem Blätter von Rembrandt und Dürer gestohlen hatte und, als die Polizei vor der Tür stand, als echter Kunstfreund Beweismittel lieber vernichtete, als sie den Eigentümern zurückzugeben.

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Es ist nicht allein von Dieben zu reden, sondern auch von Helden oder doch wenigstens von Direktoren, die ziemlich viel Mut besaßen und sich nicht einfach wegduckten. Einer von ihnen war Walter Josephi, zu Beginn der Dritten Reiches Direktor in Schwerin, der sich vergeblich gegen die dummfrechen Attitüden der Nazis zu wehren versuchte. Einmal ging es natürlich um »entartete Kunst«, für deren Ausstellung vier Arbeiten, je zwei von Lovis Corinth und Ernst Barlach, in Schwerin ausgesucht wurden. Sowohl bei Corinths wunderbaren »Herbstblumen«, einem großen und pastosen Gemälde von 1923, als auch bei Ernst Barlachs Holzskulptur »Das Wiedersehen« kann man nur den Kopf darüber schütteln, dass zwei so großartige Kunstwerke als hässlich empfunden oder dargestellt wurden. Aber Barlach hatte ohnehin das Pech, dass der Gauleiter der NSDAP sich ihm in besonderer Abneigung verbunden fühlte und ihn verfolgte. Im Katalog wird ein Zeugnis dieses Hasses zitiert, ein Brief, in dem Hildebrandt versichert: »Mich widern aber seine Karikaturen an, und seine ganze Kunst stößt mich derart ab, daß ich mit diesem Mann das Meckl. Staatstheater nicht in Verbindung bringen möchte.«

Josephi war es auch, der sich zwar energisch, aber letztendlich vergeblich dagegen wehrte, aus dem Bestand des Museums ein Hochzeitsgeschenk an Hermann Göring abzugeben – an Göring, der wenigstens in diesem Punkt Napoleon übertraf, denn wie kein anderer vor oder nach ihm raffte er Kunstwerke aller Art zusammen und verteilte sie auf seine Herrensitze und Schlösser. Aus den Inventarlisten des Museums musste Josephi einen elsässischen Schrank streichen, der als Hochzeitsgeschenk an Göring ging und dessen Verbleib bis heute ungeklärt geblieben ist.

Die Ausstellung berührt noch andere Aspekte. Im Katalog wird die Geschichte der »Arisierung« erzählt, also die Unterdrückung und Beraubung meist jüdischer Händler; es sind vor allem Münzen, die in diesem Zusammenhang ausgestellt werden. Ausführlich in Ausstellung und Katalog dokumentiert wird der Kunstraub an der jüdischen Sammlerin Emma Budge, einer in Hamburg lebenden amerikanischen Staatsbürgerin, deren Erbe vom Staat annektiert und gegen jedes Recht versteigert wurde, anstatt es den Erben zu übergeben. Nach Schwerin gingen unter anderem französische Fächer aus dem 18. Jahrhundert sowie die »Statuette eines Feldherrn«, die nach dem Mauerfall zunächst an die Jewish Material Claims Against Germany zurückgegeben, endlich aber doch für das Museum erworben werden konnten.

Dazu bekämpften die Nationalsozialisten natürlich auch weltanschauliche Gegner wie die Freimaurer und lösten die Güstrower Loge auf, deren romantisches und sehr schönes Gemälde »Apollon mit den Stunden« von Georg Friedrich Kersting nach Schwerin kam. Aber schon bald ging es wieder nach Güstrow zurück, um erst 1996 wieder nach Schwerin zu gelangen, wo es als Dauerleihgabe der wiederbelebten Loge hängt. Ganz offensichtlich ist das Bild von Philipp Otto Runge inspiriert worden.

Bis heute unbekannt sind sowohl der eigentliche Besitzer wie auch der Schöpfer eines Monumentalbildes, das das Panorama von Konstantinopel im orientalisierenden Stil des 19. Jahrhunderts zeigt. Im Katalog wird ausführlich (und spannend!) erzählt, wie dieses Bild in den Räumen eines zuvor in den Westen geflüchteten Schiebers tschechischer Abstammung namens Julius Lieskovsky gefunden wurde.

»Kunstraub – Raubkunst« ist eine sehr bunte und entsprechend abwechslungsreiche Ausstellung, in der etliche wirklich hochwertige Kunstwerke bewundert werden können. Die komplizierte Thematik wird in ihrer ganzen Breite dargestellt und anschaulich gemacht. Besonders interessant ist es, dass einige Gemälde so aufgestellt werden, dass man auch die Rückseite mit den Spuren ihrer verschiedenen Eigentümer beziehungsweise Diebe erkennen kann. Im Katalog sind die den Band abschließenden Biografien von insgesamt vier Museumsdirektoren zur Lektüre zu empfehlen.